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ZOO MOCKBA – Arche Noah des sowjetischen Spitzendesigns

Von   /  9. März 2019  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Der „Me Collectors Room“ der Stiftung Olbricht in Berlin zeigt die Ausstellung „ZOO MOCKBA“ von Sebastian Köpcke und Volker Weinhold. Im liebreizenden und kunterbunten Kunststoff- und Gummi-Zoo gehen scharfe Designer- und verträumte Kinderaugen gleichsam über. Das schöne Ausstellungslokal ist wie geschaffen für die Sammlung (Fotogalerie).

Der Begriff „sowjetisch“ wird gemeinhin mit grau, trist und lieblos gleichgestellt. Darum mag es vielen geradezu fantastisch erscheinen, dass gerade im „Reich des Bösen“ das schönste Spielzeug der Erde entstanden ist – und das zu einer Zeit, in der in der übrigen Kinderwelt noch wenig oder gar nicht über Design nachgedacht wurde.

Wer den „Me Collectors Room“ der Stiftung Olbricht betritt, kommt in ein „Reich“, eine Wunderwelt der herzallerliebsten Tiere, eine Arche Noah des Designs: Hunde, Löwen und Krokodile, Rehe, Schweine, Bären und Papageien, Giraffen, Dackel, und und und …. Mit viel Liebe und Auge gruppiert und inszeniert, verschmelzen sie zu einem Kunststoff-Ensemble, das sein ganz eigenes, charmantes Schauspiel aufzuführen scheint.

„Die Plastik“ als Skulptur, als Kunstwerk

Die Beurteilung, dass gutes Design zeitlos ist, wird hier in aller Klarheit bestätigt. Bei jedem Tier wurden Charakterzüge und Bewegungstypus herausgearbeitet und künstlerisch umgesetzt. Mögen Plastikhaut und Gesichtsfarbe mancher Geschöpfe schon etwas angekratzt sein – ihre faszinierende Lebendigkeit ist nach wie vor zu spüren und fordert Kinder wie Erwachsene zum Spiel heraus.

Ein kurzer Moment der Irritation beim näheren Hinschauen: Plastik gilt noch heute als billig und hässlich und wird nur als Imitat „hochwertiger“ Materialien wie Holz oder Metall toleriert. Doch hier bekommt derselbe Begriff einen ganz anderen, ehrlichen und edlen Gehalt – „die Plastik als Skulptur“, als Kunstwerk, das die Urgestalt und den Habitus jedes Tiers in sich trägt. Tatsächlich besitzen viele dieser Figuren aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren bereits die Reife von Industriedesign der Weltklasse, das heute mit Preisen ausgezeichnet würde.

Disney tendiert zum Kitsch – Sowjetdesign zur Kunst

Doch damals gabs das noch nicht – nicht einmal der Beruf des Designers existierte vielerorts. Ein Bewusstsein für die Gestaltung von Industrieprodukten war erst in Ansätzen vorhanden, und schon gar nicht für Kinderspielzeug. Bezüglich Naturnähe und Umsetzung können in der westlichen Kinderwelt am ehesten die Trickfilmtiere Walt Disneys mithalten – doch diese besitzen meist einen Hang zum Kitsch, während ihre sowjetischen Artgenossen eindeutig in Richtung Kunst tendieren.

Unschlagbar macht sie auch der optimistische Geist, der unter ihrer bunten Haut aus Kautschuk, Zelluloid oder Polyethylen steckt – die Stimmung einer Epoche des Aufbruchs und der Hoffnung auf eine bessere sozialistische Zukunft nach Weltkrieg und Stalinismus. Obwohl der Wiederaufbau des weitgehend zerstörten Landes immer noch im Gang war, begann die sowjetische Wirtschaft erstmals nebst Artikeln des täglichen Gebrauchs auch auf Konsum- und Luxusgüter in grossem Massstab zu produzieren.

„Krasny Triugolnik“ – Gummigaloschen für Zar und Bolschewiki

Eine ganze GestalterInnen-Generation hat diese Tierwelt mit viel Liebe geboren und grossgezogen: Natalia Tyrkowa, Boris Worobjew, Lew Razumowsky, Lew Smorgon, Adolf Neystat, Galina Sokolowa, Tamara Federowa und Anatoli Borisow aus der Sowjetunion, sowie die Tschechin Libuse Niklova. Die meisten von ihnen hatten eine Ausbildung an der Leningrader Muchina-Akademie (heute wieder Stieglitz-Kunstakademie) mit Schwergewicht auf Kunsthandwerk durchlaufen.

Von Kombinaten, die ansonsten Industriegüter ganz anderer Art aus Gummi- und Kunststoff herstellten, wurden sie beauftragt, Spielzeug zu entwerfen. Im Fall von Natalia Tyrkowa und Galina Sokolowa war dies die Gummifabrik „Krasny Triugolnik“ („Rotes Dreieck“). Diese Riesenfabrik im Herzen Leningrads, die schon vor der Oktoberrevolution ganz Russland und den Zarenhof mit Gummigaloschen versorgt hatte, belieferte die gesamte Sowjetindustrie mit Gummiteilen aller Art und Grösse.

Sebastian Köpcke auf Feldforschung in Russland

Das unverkennbare dreieckige Markenzeichen ist es, was die Sammler suchen, wenn sie auf Trödelmärkten akribisch die Wühlschachteln inspizieren. Unter ihnen ist auch Sebastian Köpcke, der nicht nur in Berlin regelmässig alle Floh- und Antiquitätenmärkte abgrast, sondern auch während seiner Besuche in Russland, auf denen er zusammen mit seiner russischen Leidenschaftsgenossin Daria Sobolewa regelrechte Feldforschung über die Schöpferinnen und Schöpfer des kleinen Kunststoff-Paradieses betreibt.

Für einige, wie zum Beispiel der schon 90-jährige Bildhauer Lew Smorgon waren die Plastikspielzeuge nur eine Episode eines riesigen Schaffens, das von Glaswaren bis hin zu Bronzeskulpturen reicht. Manche waren von der Sammlerleidenschaft und Wissbegier Köpckes so beeindruckt, dass sie ihm Originalvorlagen aus Gips vermachten, von denen ebenfalls einige in der Ausstellung vertreten sind. Mittlerweile ist Köpckes Sammlung auf rund 400 Exemplare angewachsen.

Köpcke und Weinhold vereinen in der Ausstellung die gestalterische Kraft einer ganzen Epoche und verleihen ihren längst vergessenen AutorInnen ein Gesicht. Den weggeworfenen Plastiktierchen, die einst Fantasie und wohl auch Bewusstsein eines jeden sowjetischen Kindes berührten, ist neues Leben eingehaucht worden. Wie die kaputten Holzspielzeuge auf ihrer „Reise nach Tripiti“, werden sie wieder von liebenden Händen zweier erwachsener Kinder gestreichelt.

Bilder: Sebastian Köpcke

Bis 22. April, jeweils Mi-Mo 12.00-18.00 Uhr. Me Collectors Room, Stiftung Olbricht, Auguststr. 68, Berlin. Sammlerführung am 14. März, 18.00 Uhr

www.me-berlin.com

www.sammlungsfotografen.de

Weitere Artikel zu diesem Thema:

Lew Smorgon: „Stalin ohne Hosen“ und andere Geschichten

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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