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Vyborg – nördliche Bastion zwischen zwischen Vergangenheit und Zukunft

Von   /  18. Juli 2020  /  2 Kommentare

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Von Eugen von Arb

Vyborg war zu sowjetischer Zeit ein wichtiger Marinestützpunkt und deshalb eine „geschlossene Stadt“. Seit der Öffnung Russlands erwacht die Stadt langsam aus ihrem Dornröschenschlaf und entwickelt sich zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt und Tourismusmagnet – in erster Linie für finnische Heimwehtouristen und Architektur-Freaks aus dem In- und Ausland (Fotogalerie).

Wer nach rund anderthalb Stunden aus dem modernen Lastochka-Zug aus St. Petersburg steigt, «riecht» sofort Geschichte. Vyborg – auf finnisch Viipuri – ist eine historische Bastion mit einer grossen und bewegten Historie, die sich unter anderem in den vielseitigen Baustilen spiegelt. Dieses «Architekturmuseum unter freiem Himmel» beginnt direkt am Bahnhof. 1913, als Finnland noch als Kronland zum russischen Imperium gehörte, wurde das Granitgebäude im «Nordischen Modern» nach dem Projekt von Eliel Saarinen and Herman Gesellius eingeweiht. Das Gebäude, an dessen Haupteingang zwei grosse Bären wachten, glich in vieler Hinsicht dem bekanntesten Bau Saarinens, dem Hauptbahnhof in Helsinki.

Doch während des Krieges 1941 wurde der Bahnhof von den Sowjets auf dem Rückzug gesprengt, und an seiner Stelle steht heute ein Beispiel von reinstem stalinistischen Klassizismus. Mit der Eröffnung der «Allegro»-Hochgeschwindigkeitszugsverbindung zwischen Helsinki und Petersburg wurde die Station Vyborg deutlich aufgewertet. Auch im Busverkehr zwischen den beiden Ländern ist die Stadt ein wichtiger Knotenpunkt.

Vyborg – finnisch und russisch

Vyborg war von 1710 bis 1917 Teil des Russischen Reichs. Ab 1812 gehörte es zum teilautonomen Grossfürstentum Finnland und ab 1917 zum dann unabhängigen Finnland. Dort war Viipuri/Viborg die zweitgrößte Stadt des Landes. Nach dem Winterkrieg 1939–1940 kam es zur Sowjetunion. Während des sogenannten «Fortsetzungskriegs» 1941-1944 wurde es zurückerobert, musste aber nach dem Waffenstillstand mit der Sowjetunion wieder von den Finnen geräumt werden. Als Kriegshafen war Vyborg während Jahrzehnten eine «geschlossene Stadt und nur per Passierschein zu betreten.

Angesichts der vielen Kriege erstaunt, wieviele historische Gebäude sich erhalten haben. Egal in welche Richtung man steuert, überall stösst man auf einzigartige architektonische Perlen der verschiedenen Epochen – Mittelalter, Jugendstil, Konstruktivismus, Historismus, … Geht man entlang des Leningrader Prospekts, begegnet man beispielsweise dem gelben Haus des Fabrikanten Pietenen im Stil der Moderne, das 1908 errichtet wurde und als erstes Gebäude der Stadt fliessend heisses Wasser sowie einen Lift besass. Während der Dreissigerjahre als Vyborg zum unabhängigen Finnland gehörte, befand sich darin das sowjetische Konsulat.

Lenin versteckte sich in Vyborg

Etwas weiter auf derselben Strassenseite steht das nach wie vor noble Hotel «Vyborg». Der Klinkerbau wurde 1929 nach den Plänen von Bruno Tuukkanen als eine frühe Art von «Business-Center» im Stil des nordeuropäischen Neoklassizismus errichtet. Ursprünglich beherbergte es neben dem Hotel «Knut Posse», die Redaktion der finnischen Zeitung «Karjala» mit Druckerei, sowie zwei Restaurants, eine Bank und weitere Geschäfte. Während des Krieges brannte ein Grossteil des Gebäudes aus. Während der Sowjetzeit wurde es zum Hotel «Vyborg» umbenannt und unterhielt den örtlichen Valuta-Laden «Berjoska».

Dass sich Lenin hier nach der Februarrevolution 1917 einige Zeit vor der provisorischen Regierung versteckte, davon zeugt der Lenin-Prospekt, auf den man an der nächsten Kreuzung stösst und das Denkmal auf dem «Roten Platz». Folgt man dem Prospekt auf die linke Seite, kommt man in den jüngeren Teil Vyborgs, wo im Esplanade-Park die berühmte Stadtbibliothek des finnischen Architekten Alvo Aalto steht. Der leichte und helle Konstruktivismus-Bau ist eine architektonische Perle, der Vyborg einen Grossteil seiner ausländischen Touristen verdankt.

Konstruktivismus von Aalto und Ullberg

Die Bibliothek, die zwischen 1927 und 1935 errichtet wurde, ist für viele Finnen ein Symbol für die Zwischenkriegszeit, während der Vyborg zum unabhängigen Finnland gehörte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Bücherei nach Lenins Gattin in «Krupskaja-Bibliothek» umbenannt. Von 1994 bis 2013 wurde die Bibliothek einer aufwändigen Renovation unterzogen, bei der der ursprüngliche Bau maximal rekonstruiert wurde. Leider riskieren Fremde hier einen unfreundlichen Empfang, wenn sie keinen Besucherausweis vorweisen können. Wer sich das Interieur also ohne Stress ansehen will, meldet sich also am besten zu einer der Führungen an.

Weniger bekannt, aber ebenfalls sehenswert ist der funktionalistische Bau des Kunstmuseum im funktionalistischen Stil des Finnen Uno Ullberg von 1930, das sich fast am anderen Ende der Stadt auf der Panzerlachs Bastion befindet, wo sich heute eine Aussenfiliale der Eremitage und eine Kunstschule befindet. Durch dieses Zentrum ist Vyborg in den letzten Jahren auch kulturell näher an St. Petersburg herangerückt.

Imposanter Blick vom Olafturm

Wer dem Lenin-Prospekt in der entgegengesetzten Richtung folgt, kommt direkt in den alten Stadtkern, wo zahlreiche Bauten die frühe Geschichte der Stadt nachzeichnen. Seit der Gründung im Mittelalter war Vyborg eine bedeutende Handels- und Hafenstadt in den Nordischen Kriegen zwischen Schweden und Deutschen Ordensrittern sowie der Nowgoroder Rus, wobei die Stadt mehrmals die Herrschaft wechselte. Von unterschiedlichen kulturellen Einflüssen, die sich in dieser Stadt überschneiden, zeugen auch die Gotteshäuser der jüdischen, katholischen, reformierten und russisch-orthodoxen Gemeinden, die sich teilweise nur als Ruinen erhalten haben.

Das Vyborger Schloss hat bis heute seine dominante Position innerhalb des alten Stadtteils behalten. Es wurde 1293 während des dritten schwedischen Kreuzzugs vom schwedischen Marschall Torgils Knutsson gegründet, dem auf der gegenüberliegenden Ufer ein Denkmal gesetzt wurde. Hoch über dem Saimaa-Kanal (1856 eröffnet), der hier in die Ostsee mündet, beherrscht die Festung das gesamte Gebiet, was beim imposanten Blick vom Olafturm klar wird. Hier ergaben sich 1710 während der Nordischen Kriege die Schweden und ergaben sich den Truppen Peters des Grossen nach monatelanger Belagerung. 1917 wurde das Schloss zum blutigen Schauplatz von Erschiessungen finnischer und russischer Kommunisten durch finnische Reaktionäre, nachdem Rotgardisten im Vyborger Gefängnis ein Massaker angerichtet hatten. Heute befindet sich hier das Museum für Landeskunde.

Netzwerk privater Tourismusorganisationen

Ein weiterer Eckpunkt der Vyborger Altstadt bildet im Norden der Marktplatz mit der «Dicken Margarete», einem Festungsturm aus dem 16. Jahrhundert, der später als Zeughaus und Vorratslager verwendet wurde. Dahinter befindet sich das graue Gebäude der ehemaligen Bank der skandinavischen Länder (1900) und schräg gegenüber das Marktgebäude im Historismus-Stil von 1906. Zwischen Marktplatz und Schloss führt ein Netz gemütlicher Strassen und Gassen durch die Altstadt, die seit den Neunzigerjahren vielerorts renoviert wurde und sich zu einem echten touristischen Schmuckstück herausgeputzt hat. Übrigens: Wyborg spielt eine wichtige Rolle im Film „Nosferatu“ von Friedrich Wilhelm Murnau. Mit dem dort erwähnte «Wisborg» ist offenbar Wyborg am Finnischen Meerbusen gemeint. Damit wich Murnau von Bram Stokers englischsprachigem „Dracula“ ab.

Der Tourismus in Vyborg ist nicht einheitlich organisiert, dafür existiert ein kleines Netzwerk privater Organisationen, die über die ganze Stadt verteilt sind. Zwei dieser «Stützpunkte» sind in der Altstadt untergebracht. Im «Marktstand der roten Katzenpfote» an der Krasnoarmeiskaja Uliza 11 finden Touristen eine grosse Auswahl hübscher Souvenirs und Nippsachen, von denen der grösste Teil aus einheimischen Werkstätten stammen. Die Katzenpfoten, die dem Geschäft von Elena Skrjabina seinen Namen geben, begrüssen die Besucher schon am Eingang und bevölkern das Lokal auf sympathische Weise. Nebst Andenken findet man hier Informationsmaterial über die Stadt, darunter ein schön illustrierter dreisprachiger Stadtplan sowie ein kleiner Stadtführer. Ausserdem können hier Stadtführungen auf Russisch und Englisch gebucht werden. Wer sich frühzeitig anmeldet, wird auf Wunsch direkt am Bahnhof abgeholt (+7-812-454-67-57).

Verfehlter „Ausländer-Tarif“

Nicht weit davon liegt das so genannte «Bürgerhaus» (Usadba Bjurgera), ein dreistöckiges Steingebäude aus dem Mittelalter, in dem ebenfalls ein Souvenirladen und ein kleines Restaurant unter der freundlichen Leitung von Ludmila Kalinina untergebracht sind. An beiden Orten werden auswärtige Gäste sehr herzlich aufgenommen. Wer möchte kann sich zum Vergnügen in mittelalterlichen Trachten fotografieren lassen oder sich die bewegte Geschichte der Stadt erzählen lassen. Obschon der Tourismus in Vyborg in den letzten Jahren nicht zuletzt wegen der neuen Verbindungen per «Allegro»- und Lastochka-Zügen deutlich zugelegt hat, ist die Atmosphäre sehr familiär, und das bleibt hoffentlich so.

Leider gibt es auch Momente, die etwas befremden – so beispielsweise die Ausstellung in der ehemaligen Kirche des heiligen Hyazint. Ausländer bezahlen hier 600 Rubel (Russen 300 Rubel) für eine mickrige Ausstellung in zwei Sälen mit wenigen Original-Exonaten. Nicht nur der Preis, der dem eines Eremitage-Tickets entspricht, sondern auch die diskriminierende «Zweiklassen-Preispolitik» sind völlig verfehlt.

Der Krendel – eine volksverbindende Delikatesse

Obschon den verschiedenen Tourismus-Startups ein einheitliches Marketing fehlt, haben sie doch ein (völker-)verbindendes Element – den Vyborger Krendel (finnisch: Viipurinrinkeli). Trotz seiner verdächtigen Ähnlichkeit hüte man sich, ihn mit einem Brezel zu vergleichen. Tatsächlich schmeckt er wegen des mürben Teigs und der reichen Gewürzmischung anders als herkömmliche Brezen/Brezel. Er passt zum Kaffee ebenso gut wie zu einem «Bürger»-Bier («Burgerskoe Pivo»), das in einer heimischen Brauerei gebraut wird.

Der Krendel kam mit den Franziskaner-Mönchen nach Vyborg, die ihr Rezept während Jahrhunderten hüteten und schliesslich nach der Reformation an zwei Bäckerfamilien verkauften. Diese buhlten lange in friedlicher Konkurrenz miteinander, und sogar die Zaren in Petersburg liessen sich per Sonderkurier frische Krendel nach Petersburg liefern.

Wohl im Kampf um den Titel eines «Hoflieferanten» kam es im 19. Jahrhundert zum sogenannten «Krendel-Streit» als die Bäckereien Vaittisen und Löppösen gleichzeitig das «einzig richtige» Krendel-Rezept für sich beanspruchten. Als der Löppösen-Krendel 1900 an der Pariser Weltausstellung mit einer Goldmedaille ausgezeichnet wurde, erreichte die Familie Vaittisen deren öffentliche Aberkennung. Schliesslich nahmen beide Familien ihr Rezept mit ins Grab, und mit der Vertreibung der Finnen aus Karelien nach dem Krieg zog auch der Krendel um nach Lappeenranta um. Die Krendel-Tradition verschwand auch während der Sowjetzeit nie ganz aus Vyborg, und in den letzten Jahren erlebte das köstliche Gebäck ein richtiges Comeback als friedliches und verbindendes Symbol.

Bilder: Eugen von Arb/ SPB-Herold

www.vyborg-gid.ru

www.visitvyborg.wordpress.com

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

2 Kommentare

  1. Danke! Vyborg verdient es unbedingt, mehr in den Petersburger Focus gerückt zu werden!

  2. realsatire sagt:

    Vyborg ist ein bischen aus dem Focus der Sankt-Petersburger aber wie man hier lernte, eine Reise wert! Tolle Fotos!

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