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Hotelier Taddeo Battistini: «St. Petersburg verändert sich ständig»

Von   /  6. Februar 2021  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Als traditioneller Touristenmagnet erlebte St. Petersburg ein katastrophales Jahr 2020. Neben den grossen Bettenburgen hatten es auch die Mini-Hotels nicht einfach. Kurz vor dem Beginn der Pandemie war ein Gesetz in Kraft getreten, das Hotelbetriebe in Wohngebäuden verbot. Für viele bedeutete diese Änderung und der Lockdown das Ende. Doch wie das Beispiel von Taddeo Battistini zeigt, kann es sogar in diesen struben Zeiten Gründe für Optimismus geben.

Das «Chowanskaja-Gesetz», benannt nach seiner Autorin, der Duma-Abgeordneten Galina Chowanskaja, traf die Mini-Hotelbranche wie ein Schlag: Ab Herbst 2019 durften in Wohnungen keine Minihotels oder Hostels betrieben werden. Das Gesetz war schon wesentlich früher im Gespräch gewesen, doch im WM-Jahr 2018 wurden dringend Betten für die ausländischen Fussballfans gebraucht, und bis zuletzt glaubte niemand so recht an seine Umsetzung – bis Präsident Putin 2019 seine Unterschrift darunter setzte.

Wie der «Kommersant» ein Jahr später schrieb, sorgte das Gesetz vielerorts für einen Kahlschlag. In gewissen Städten mussten mehr als 50 Prozent aller Hostels schliessen. Die Statistik sieht jedoch je nach Ort sehr unterschiedlich aus, und im landesweiten Durchschnitt sind es «lediglich» rund zehn Prozent. In St. Petersburg verschwanden innert Jahresfrist 14 Prozent aller Hostels.

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Typisch Russland: zuerst alles erlaubt, dann alles verboten

Viele Leute aus der Branche sehen das Gesetz jedoch nicht nur negativ. Sie meinen, dass es für eine gewisse Bereinigung in der Szene gesorgt habe, weil viele «Absteigen» verschwanden, die sich in gemieteten Räumen befunden haben und deren Hausbesitzer sich nicht um die Einhaltung von Vorschriften kümmerten.

So sieht es auch Taddeo Battistini, der Polyglott mit drei Pässen der seit 1994 Jahren in Petersburg lebt und seit 20 Jahren ein Minihotel am Gribojedow-Kanal unweit der berühmten Greifenbrücke betreibt. Er ist überzeugt, dass hinter dem Gesetz auch die Lobby der grossen Hotelbesitzer gesteckt hätte. Es sei eben typisch für Russland, dass man zuerst alles erlaube und dann auf einen Schlag alles verbiete, meint er dazu. Grundsätzlich findet er die Änderung aber richtig, denn auch in anderen Ländern ist ein Hotelbetrieb nur im Gewerberaum zugelassen.

Italienisches Modell wäre ideal gewesen

Ideal wäre seiner Meinung nach das italienische Modell gewesen, das den Betrieb eines Hostels zulasse, wenn die zwei Drittel der Hausbewohner damit einverstanden sei. Er selbst habe sich immer um ein gutes Einverständnis mit seinen Nachbarn bemüht und hätte auch die Zustimmung von ihnen bekommen, sagt der Hotelier.

Tatsächlich spielt die Umgebung eine wichtige Rolle, denn vielerorts sorgen die Touristen nicht nur für willkommene Einnahmen, sondern auch für Dreck, Lärm und Ärger für die Mitbewohner. Gäste, die das Treppenhaus mit Zigarettenqualm- und Kippen verdrecken und spätabends betrunken und johlend nach Hause kommen, sind für viele Hostel-Nachbarn eine Qual. Noch schlimmer sind die Fälle, in denen Hostels als Absteige für Prostituierte dienen, deren Freier dann das Treppenhaus unsicher machen. Darum wird die «Flurbereinigung» von vielen begrüsst.

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Minihotel „rückgebaut“

Battistini reagierte pragmatisch auf den Einschnitt und «legalisierte» sein Minihotel, in dem er es ab 2019 erneuerte und quasi «rückbaute». Aus den vier Hotelzimmern mit gemeinsamer Küche und Dusche auf dem Korridor wurden zwei schicke Apartments. Die Gestaltung übernahm ein französischer Bekannter, so dass die Räume heute punkto Design und Komfort ganz auf dem neuesten Stand sind. Die beiden Einzimmerwohnungen sind jetzt völlig unabhängig voneinander, besitzen eine eigene Kochnische und Badezimmer. Seine Wohnung etwas weiter vorne am Gribojedow-Kanal vermietet er an Gruppen.

Natürlich bedeuteten diese Änderungen eine Investition von einigen zehntausend Euro. Battistini konnte diese Summe mit einem ausländischen Kredit zu relativ günstigen Zinsen auftreiben. «Hätte ich in Russland einen Kredit aufnehmen müssen, hätten die Zinsen fast die Hälfte der Kreditsumme betragen, und das Ganze hätte nicht rentiert», kalkuliert er kritisch.

Die meisten Baumaterialien aus Russland

Battistini ist stolz darauf, dass er bei vielen Umbauarbeiten selbst angepackt hat und dass der allergrösste Teil der verwendeten Materialien aus Russland stammt. Vom pflegeleichten Laminat bis hin zu den massiven Tischplatten und Fenstersimsen kommt alles aus russischer Produktion. Nur die Elektronik, darunter eine kabellose Lichtsteuerung und eine komfortable Türschlosseinrichtung, die sich per App bedienen lässt, ist importiert.

Battistini hat zudem sämtliche Umbauten legalisiert – eine von vielen bürokratischen Angelegenheiten die früher einen bürokratischen Spiessrutenlauf bedeuteten. Doch während der vergangenen Jahre hat sich dank der IT-Innovationen von Banken und Staat vieles massiv zum Besseren verändert. Auch um das Steueramt habe man früher wenn möglich einen weiten Bogen gemacht, denn die rückständige Papierwirtschaft sei ein Alptraum gewesen, meint er. Heute hingegen liessen sich sowohl die Zahlungen von Steuern und wie auch Mehrwertsteuern sehr bequem online erledigen. «Jetzt kann ich meine Zimmer problemlos vom Ausland aus managen», sagt er begeistert.

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2020 sämtliche Gäste aus Russland

Das vergangene Covid-Jahr, das für den grössten Teil des Tourismusgeschäfts ein Schreckensjahr war, verlief glimpflich für ihn. «2020 hatte ich keinen einzigen ausländischen Gast, dafür waren die Zimmer fast ständig mit russischen Gästen besetzt, wenn auch zu etwas günstigeren Preisen», beschreibt er die Lage. Battistini konnte mit seinen frisch renovierten Zimmern zu günstigen Tarifen vom boomenden Inlandtourismus profitieren.

Seiner Meinung nach braucht es das Angebot der Hostels und Apartments als Alternative zu den klassischen Hotels. Diese hält er eher für ein Auslaufmodell, weil Städtereisende zunehmend auf RBNB umsteigen würden, da dies nicht nur günstiger sei, sondern auch mehr Freiheit biete. Statt für jede Mahlzeit extra zu bezahlen, könnten sich Familien oder Gruppen in ihrem Apartment ihr Essen günstig und nach eigenem Geschmack zubereiten.

Erwartet Touristenboom nach Grenzöffnung

Sobald die Grenzen wieder geöffnet werden, rechnet Battistini mit einem Riesenandrang von Touristen. Noch 2019 hatten mehrere Lowcoster neue Direktflüge aus verschiedenen westeuropäischen Städten geplant nach St. Petersburg geplant, die nur wegen der Pandemie auf Eis gelegt wurden. Dieser Schub war nicht zuletzt den neuen elektronischen Visa zu verdanken, die im Internet für einen Kurzaufenthalt von bis zu acht Tagen gebucht werden können. Und natürlich ist er immer noch ganz von «seiner Stadt» überzeugt: «Nach St. Petersburg kann man alle fünf Jahre reisen und erlebt immer eine ganz neue Stadt, weil sie sich ständig verändert.»

Bilder: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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