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Seilziehen um das Petersburger Nabokow-Museum

Von   /  13. März 2019  /  Keine Kommentare

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eva.- Das Petersburger Nabokow-Museum steht wegen Personal- und Finanzmangel kurz vor der Schliessung. Doch statt Kürzungen sollten Mittel und Räumlichkeiten eigentlich vergrössert werden, weil in der Schweiz rund 300 Kisten mit hochkarätigen Exponaten aus dem Nachlass des weltberühmten Schriftstellers auf ein neues Zuhause in Russland warten.

Das Nabokow-Museum, das Ende der Neunzigerjahre gegründet wurde, war lange eines der wenigen privaten Museen in Petersburg und Russland. Später wurde es jedoch wegen hoher Mietschulden dazu gezwungen, sich der Staatlichen Petersburger Universität (SPBGU) anzuschliessen.

Bis 2018 arbeitete das Museum normal – bis die Ausstellungs- und Sammlungsabteilung der SPBGU mit Elisabeta Tapakowa-Bojarskaja eine neue Leiterin erhielt. Seit diesem Zeitpunkt wurde der Personalbestand des Museums von fünf auf zwei Personen und die ohnehin bescheidenen Gehälter um die Hälfte gekürzt, sowie alle Prämien gestrichen. Die Universität begründete diesen Schritt damit, dass die Arbeit des Museums „wenig effizient und ohne Initiative“ sei, schreibt Fontanka.ru

Nabokow-Museum könnte zum Touristenmagnet werden

Laut der Museumsleiterin Tatiana Ponomarewa ist der Betrieb unter diesen Umständen praktisch unmöglich geworden und das Museum steht praktisch vor dem Aus. Dabei wird offenbar völlig ausser Acht gelassen, dass Nabokow neben Dostojewski und Tolstoi zu den weltweit bekanntesten russischen Autoren gehört.

Ausserdem hätte das bisher bescheiden ausgestattete Museum die besten Chancen zu einem Touristenmagneten zu werden. Denn im schweizerischen Montreux, dem letzten Wohnort des Autors warten 300 Kisten aus dem Nachlass Nabokows, die dessen Sohn Dmitri Nabokow dem russischen Staat vermacht hat.

Briefwechsel Nabokows mit Proust und Solschenizyn

In dem Fundus befinden sich zahlreiche erstklassige Exponate, wie der Führerschein und der Nansenpass der ewigen Emigranten Nabokow. Dazu gehört ausserdem die Korrespondez, die Nabokow mit seinen berühmten Zeitgenossen Marcel Proust und Alexander Solschenizyn geführt hat, die einer wissenschaftlichen Sichtung bedürfen. Wie die Museumsleitung bestätigt, wäre die Übergabe dieses Materials an Russland ein Ereignis nationaler Bedeutung.

Doch das Petersburger Nabokow-Museum, das als einzige Institution dafür in Frage käme, hat nicht einmal annähernd die Möglichkeit, das Material unterzubringen. Das Haus an der Bolschoja Morskaja Uliza wurde von der Familie bis zu ihrer Emigration nach der Oktoberrevolution bewohnt. In den Räumlichkeiten des Jugenstilbaus hat sich viel von der ursprünglichen Atmosphäre bewahrt. Doch das Museum verfügt nur über erste Etage, während die Stockwerke von einer Kunstschule belegt werden und momentan renoviert werden.

Eingabe berühmter Künstler an Stadtregierung

Darum hat nun eine Reihe prominenter Künstler, darunter der Regisseur Alexandr Sokurow, der Schauspieler Oleg Basilaschwili und der Künstler Michail Schemjakin u.a. eine Eingabe an die Petersburger Stadtregierung gemacht. Darin fordern sie, dem einzigen Nabokow-Museum der Welt einen selbstständigen Status und mehr Räumlichkeiten zu geben.

Die Haltung der Behörden gegenüber dieser Forderung ist sehr unterschiedlich. Während sich das Kulturministerium offenbar für die Verwirklichung einsetzen will, hält die Leitung des betroffenen Stadtbezirks dagegen. Dabei spielt sicher auch zwiespältige Meinung der Öffentlichkeit gegenüber Nabokows Werk eine Rolle.

Insbesondere kirchliche und nationalistische Fanatiker hatten den Autoren in den letzten Jahren wegen seines Werks „Lolita“ als „pervers“ bezeichnet – meist ohne Nabokows Werk wirklich zu kennen. 2013 demolierten Angehörige einer Kosaken-Organisation ein Fenster des Museums und beschmierten die Fassade mit Verunglimpfungen.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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