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Russland vor hundert Jahren im Herold: St. Petersburg mit den Augen des Kunsthistorikers Wilhelm Bode

Von   /  11. August 2020  /  Keine Kommentare

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Von Rainer Noltenius

Einen lebendigen Einblick in die Petersburger Gesellschaft der Zarenzeit gibt ein bisher unveröffentlichter Brief Wilhelm von Bodes von 1872. Die Herausgabe des Briefwechsels zwischen ihm und seiner Kusine und späteren Frau, Marie Rimpau, spätere Bode, steht bevor. Den Brief bieten wir unseren Lesern als Vorabdruck (© by Rainer Noltenius).

Wilhelm Bode (1845-1929) wurde – einige Jahre nach diesem Brief – der erfolgreiche Generaldirektor der Berliner Museen und der Begründer der heutigen Berliner Museumslandschaft. Kurz vor seinem sechswöchigen Besuch St. Petersburgs hatte der damalige Generaldirektor Graf von Usedom dem jungen Kunsthistoriker Wilhelm Bode angekündigt, dass er eine Stelle bei den Berliner Museen erhalten sollte und ihm Hoffnungen auf weitere berufliche Perspektiven gemacht. Schwerpunkt des Interesses des damals erst 27jährigen Wilhelm von Bodes war die Eremitage, zu der er in seiner Autobiografie schrieb: „An Werken der vlämischen und holländischen Meister, zumal an Meisterwerken Rembrandts, kommt ihr keine andere (Sammlung Europas) gleich.“ Er unternimmt Besuche von allen Museen und Privatsammlungen auch bei Mitgliedern der Zarenfamilie und fühlt sich überall behandelt als „erster Kunstkenner, wie ein perfekter Hof- und Gesellschaftsmann“.

Wilhelm Bode an Marie Rimpau – Petersburg, 18./30. 5. 1872

Liebe Marie!

Was treibe ich hier denn eigentlich? 5 – 6 Stunden am Tage Eremitage (Museum), an und ab einige Stunden Privatsammlungen, und die übrige Zeit bin ich meist bei oder mit Bekannten zusammen, die ich hier kennengelernt habe und die mich unverdient gut aufgenommen haben. Zuhause bin ich nur wenig, und die Zeit, welche ich hier zubringe, habe ich meinem Freund Röttger verschreiben müssen, der – als hiesiger Hofbuchhändler – seine freundliche Aufnahme doch auch geschäftlich ausbeutet, indem er mich eine kleine Abhandlung über die Gemäldegalerie der Eremitage schreiben läßt. Freilich ist dies mein Schade auch nicht, und. ich kann davon die Rückreise über Stockholm und Kopenhagen, von der die Eltern – freilich natürlich aus Gesundheitsrücksichten – nichts wissen wollen, ganz gratis machen.

Durch das Ablaufen der Privatsammlungen komme ich jetzt mehrfach mit den hiesigen Fürstlichkeiten zusammen, bin aber noch nicht zum Handkuß zugelassen. Ich muß auch gestehen, daß ich mich den Herrschaften gegenüber recht rüpelhaft benehme, wenigstens keinen Tüttel besser als jedem Fremden gegenüber, falls sie sich nicht durch besondere Liebenswürdigkeit und. Bildung auszeichnen, wie z. B. neulich Fürst Sergej, Sohn der Großfürstin Marie, der zwei Stunden daran wandte, uns seine, seines Bruders und seiner Mutter Kunstschätze zu zeigen und. dann noch in gemütlichster Weise ein gutes Frühstück mit uns zu nehmen. Er will mich nächstens hier besuchen, wird es aber hoffentlich vergessen, denn ich würde keine zwei Stunden brauchen, um ihm die Kunstschätze meiner einfenstrigen Stube zu zeigen. – Morgen werde ich Großfürstin Helene sehen, angeblich eine liebenswürdige und gebildete Dame – aber leider in unangenehmer Begleitung. Denn bei der großen Seltenheit von Besuchen deutscher Gelehrter oder solcher, die es werden wollen, wird man hier leicht auch durch die Liebenswürdigkeit überrascht, die nicht gerade die Liebenswürdigsten sind.

Was mache ich jetzt? Es ist gleich 8 Uhr, der herrlichste Abend. Ich müßte also von Rechtswegen mit dem Dampfer die Newa herunterfahren bis zur sogenannten Pointe, um dort nach 9 Uhr die Sonne angesichts des unendlichen Meeres untergehen zu sehen. So macht es wenigstens die ganze Welt und dazu noch die halbe Welt, und so habe ich es gestern Abend auch zum ersten Male gemacht. Hunderte von Equipagen fahren oder stehen dicht gedrängt an dem kleinen Platze, wo man auf das offne Meer sieht, und eine heilige Stille herrscht, wenn die große Scheibe der Sonne endlich in den leuchtenden Spiegel des Meeres untertaucht. So ist es wirklich. Aber bewundert man etwa das große Naturschauspiel und preist die Allmacht des Schöpfers? Nein, den Götzen des Reichtums und der Gemeinheit betet man an. Keine Seele sieht nach dem Sonnenuntergang, sondern um die Wagen der hiesigen Geldsäcke und der hohen Aristokratie und um die reizenden Fuhrwerke gewisser Damen drängen sich die Stutzer zu Fuß und zu Pferde, und die lautlose Stille,, die traditionell herrscht zur Zeit,, da die Sonne untergeht, ist die reine Ironie auf das, was gleichzeitig da vorgeht. Das sollte einem die ganze reizende Natur in ihrem frischen jungen Grün, wie bei uns vor 3 – 4 Wochen, und das großartige Schauspiel ganz verderben. Ich selbst bin aber doch nicht Schwärmer genug gewesen, um mich über das Treiben zu amüsieren, um Leute und namentlich Pferde zu bewundern, und auch so etwas einmal kennen zu lernen.

Jetzt zieht nun alles aufs Land hinaus, zumal seit einigen Tagen der Sommer prächtig angebrochen ist; da werde ich die Abende viel zu den Bekannten hinausfahren. Nach dem, was ich bisher in den hiesigen Sammlungen fertig gebracht habe, werde ich etwa im Anfang Juni hiesiger Rechnung (ca. 17. Juni) von hier abreisen und dann in Schweden und Norwegen bis zu meiner Ankunft in Braunschweig oder Berlin etwa noch zwei Wochen brauchen. Ob ich direkt nach Berlin gehen muß, hängt von Graf Usedom ab. Ich gehe jetzt also nicht an die Pointe, sondern nur an den Newaquai, um dort dasselbe Schauspiel ungestörter zu haben, und was für ein Schauspiel! Die Newa ist hier nämlich so breit etwa wie das große Hamburger Alsterbassin. Mit Hamburg vergleiche ich jetzt alles: die Newa, die berühmten Gewächshäuser des botanischen Gartens, namentlich das Orchideenhaus usf.

Nun laß mich recht bald wieder von Euch hören und seid bestens gegrüßt von
Deinem dankbaren Vetter Wilhelm.

Bilder:

Stadtansicht aus dem 19. Jahrhundert mit Newaufer, Admiralität und Winterpalast von Luigi Premazzi (Eremitage St. Petersburg/ Wikimedia Commons)

Porträts: Marie Rimpau (Fotografie) Wilhelm Bode (Zeichnung von Max Liebermann) © Rainer Noltenius.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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