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Russland nach dem Lockdown: „Der Staat setzt auf grosse Betriebe mit strategischer Bedeutung“

Von   /  3. Juni 2020  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Das Coronavirus hat auch die russische Wirtschaft gelähmt, nun wird sie langsam wieder hochgefahren. Die Aussichten sind wie vielerorts düster. Wer hatte es besonders schwer während des Lockdowns, wer sind die Gewinner? Welche Prioritäten hat der russische Staat – dies erklärt der Russland-Kenner und Ökonom Daniel Rehmann im Herold-Interview. 

SPB-Herold: Wie steht es um die russische Wirtschaft nach dem Lockdown?

Daniel Rehmann: Russland wurde etwas später von der Coronavirus-Pandemie Welle betroffen als der Rest von Europa. Dementsprechend durchläuft es all die Phasen später, die in Westeuropa bereits vorbei sind. Der Lockdown gilt seit Mitte März, Ausländer dürfen nicht mehr einreisen. In diesem Moment ist die Spitze der Ansteckungen erreicht und die Zahlen beginnen sich zu stabilisieren und wieder langsam zu sinken. Die Wirtschaft ist natürlich relativ stark betroffen. Der Staat hat dementsprechend reagiert und ein Hilfsprogramm für die Bevölkerung und die Wirtschaft aufgesetzt. Das Krisenmanagement ist föderalisiert worden. Die einzelnen Regionen können selbst entscheiden, wie sie diese Krise managen. Das ist für die Schweizer normal, für Russland aber eher ungewohnt.

SPB-Herold: Bezüglich Hilfsmassnahmen für die Wirtschaft gibt es starke Kritik. Insbesondere die KMUs haben offensichtlich Mühe, die Bedingungen zu erfüllen und die bürokratischen Hürden zu überwinden, um vom Staat Hilfe zu erhalten.

Daniel Rehmann: Grundsätzlich ist Russland sehr zurückhaltend mit Hilfsangeboten. Sie sind vor allem für die grossen systemrelevanten Unternehmen (v.a. Staats und Staatsnahe Unternehmen), für Rentner und Familien mit Kindern gedacht. Die KMUs sind am stärksten betroffen von der Krise, weil viele von ihnen auf den Gebieten Gastronomie, Handel, Unterhaltung und Tourismus tätig sind. Der Staat hat andere Ziele als diesen Branchen zu helfen. Es ist zwar Geld vorhanden, aber man setzt es sehr zögerlich ein. In erster Linie soll mit dem Geld die nationalen Projekte unterstützt werden, und nicht mit Direktzahlungen  Privatpersonen oder notleidende Betriebe.

SPB-Herold: Das heisst, der Staat unterstützt vor allem die Staatskonzerne – also sich selbst?

Daniel Rehmann: Wie schon bei den Wirtschaftskrisen 2008/09 und 2014/15 setzt der Staat auf die grossen, staatsnahen Betriebe mit strategischer Bedeutung. Der russische Staat hat einfach andere makroökonomische Ziele. Darum ist er sehr zögerlich mit Unterstützung für die KMUs, hat aber jetzt zwei, drei Mal nachjustiert. Es ist aber klar, dass die Aussichten der russischen KMUs für dieses Jahr ziemlich düster sind und es zu vielen Entlassungen kommen wird. Die KMUs machen lediglich rund 20 – 25 Prozent des russischen Bruttosozialprodukts aus und müssen daher mehr oder weniger selber schauen wie sie durch die Krise kommen. Die Regierung wird jedoch merken, dass es durch die Entlassungen bei den KMUs zu sozialen Problemen kommen kann.

SPB-Herold: Dadurch nimmt der Einfluss des Staats in der Wirtschaft weiter zu – ist das nicht eine gefährliche Entwicklung?

Daniel Rehmann: Natürlich, aber schon seit der letzten Wirtschaftskrise hat eine ‚Deglobalisierung‘ der russichen Wirtschaft stattgefunden. Es entstand ein Wirtschaftssystem, das eher immun ist gegen Sanktionen von aussen. Das hat den Vorteil, dass der Schock des Coronavirus wahrscheinlich nicht so gravierende Auswirkungen haben wird wie in anderen Volkswirtschaften, die global viel stärker vernetzt sind. Allerdings wird danach die wirtschaftliche Erholung relativ mässig sein. Teile der KMUs werden wieder in den Graumarkt und in die Illegalität ausweichen. Es ist sehr schwierig, Vorhersagen für die nächsten zwei Jahren zu machen. Aber man kann mit Bestimmtheit sagen, dass die Arbeitslosigkeit zunehmen wird.

SPB-Herold: Gibt es erste konkrete Zahlen zu den wirtschaftlichen Folgen des Lockdowns?

Daniel Rehmann: Der Output der russischen Wirtschaft ist gemäss ersten Zahlen im April 2020 um ca. 28% eingebrochen. Die Verkauf von Fahrzeugen um -72%. Die staatlichen Steuereinnahmen sind im April um 31% gesunken. Die gesamte russische Wirtschaft wird im zweiten Quartal um ca. 16% sinken. Nach ersten Berichten ist die Zahl der offiziellen Arbeitslosen seit Beginn des Lockdowns um 30 Prozent gestiegen. Sie stammen in erster Linie aus KMUs, die wegen der Krise ihre Leute entlassen mussten.

SPB-Herold: Wie sehen die Prognosen für dieses Jahr aus?

Daniel Rehmann: Russland stand zu Jahresbeginn noch relativ gut da, der Einbruch im zweiten Quartal wird jedoch sehr hoch sein. Wenn die Coronavirus-Welle vorüber ist, wird es im dritten und vierten Quartal eine Erholung geben. Neben dem Coronavirus gab es weitere negative Einflüsse auf die russische Wirtschaft, darunter der Absturz des Erdölpreises und der damit verbundenen Kurssturz des Rubels sowie der Rückgang beim Export von Erdölprodukten. Damit sind mehrere negative Schocks zusammen gekommen, die aber teilweise im Herbst und im nächsten Winter kompensiert werden können. Insgesamt wird die russische Wirtschaft für 2020 eine Rezession von zwischen -4 bis -10% durchlaufen, abhängig von der Dauer des Lockdowns.

SPB-Herold: Als russischer Normalverbraucher und Unternehmer hat man sich während der letzten Jahre fast an die Kurssprünge des Rubels gewöhnt. Wird das so weitergehen?

Daniel Rehmann: Solange der Erdölpreis nicht weiter sinkt, wird auch der Rubel nicht weiter abgewertet werden. Die Unternehmen sind sich mittlerweile gewohnt, dass alle fünf bis sechs Jahre eine Krise mit Rubelabwertung stattfindet. Allerdings ist der Rubelkurs heute weniger stark an den Ölpreis gebunden als früher.

SPB-Herold: Wie steht es um die russischen Banken?

Daniel Rehmann: Bisher gibt es keine Finanzkrise. Die russischen Banken sind sehr vorsichtig bei der Umsetzung der Hilfsprogramme, wie zum Beispiel den Kreditstundungen. Nur ca. 10% aller Unternehmen konnten staatliche Unterstützung beziehen. Hier ist der Staat daran, nachzujustieren, damit die angeordneten Massnahmen bei den Unternehmen auch ankommen.  nsgesamt ist die Verschuldung sehr hoch, und die Kaufkraft der Bevölkerung sinkt. Es wird sich zeigen, welche Auswirkungen dies auf den Konsum haben wird.

SPB-Herold: In Russland wird viel über den Sinn von Direktzahlungen an die Bevölkerung diskutiert – was ist Ihre persönliche Meinung dazu?

Daniel Rehmann: Es ist schwer zu sagen, ob solche Zahlungen richtig oder falsch sind. Der russische Staat hat einfach andere Prioritäten. Statt dieses Geld an die Bevölkerung zu “verschenken” will er möglichst schuldenfrei und resistent gegenüber Wirtschaftssanktionen bleiben. Das Geld ist auch vorgesehen für die nationalen Projekte der politischen Elite. Andererseits ist es klar, dass solches “Helikopter-Geld” den Familien hilft, die aktuellen Lebenskosten zu bewältigen, den Konsum ankurbeln, Kredite zurückzuzahlen oder zu sparen.

SPB-Herold: Gibt es auch Gewinner der Krise?

Daniel Rehmann: Ja, dazu gehören die Internet- und Zustellfirmen sowie Verkäufer von Fahrrädern. Es zeigt sich, dass in Russland während den letzten Jahre relativ viel Geld in den E-Commerce Bereich investiert wurde, was in dieser Situation sicher hilfreich ist.

SPB-Herold: Wie sieht es beim Tourismus aus?

Daniel Rehmann: Weil die meisten Grenzen noch immer geschlossen sind ist es klar, dass die meisten Russen in diesem Sommer vor allem auf der Datscha Ferien machen oder den Urlaub im eigenen Land verbringen werden. Allerdings gibt es momentan für die Tourismusregionen  innerhalb Russlands wie der Krim noch Quarantäne Anforderungen für die Touristen. Wer es sich leisten kann, wird nach der Öffnung wieder ins Ausland reisen. Aber die Kaufkraft der Russen wird sicher niedriger sein. Etwa 60% haben im Moment ein niedrigeres Einkommen als vor der Krise.

SPB-Herold: Wie haben die ausländischen Unternehmen den Lockdown erlebt?

Daniel Rehmann: Sie haben natürlich auch Verluste gemacht, und die Investitionen sind zurückgegangen. Durch den Absturz des Rubelkurses wurde der Import teurer, was gravierend für jene Firmen ist, die nicht lokal produzieren. Die Krise bietet natürlich auch Chancen, beispielsweise dafür, einen Konkurrenten zu übernehmen oder den Markt intensiv zu bearbeiten. Es wird auch die Digitalisierung der Wirtschaft vorantreiben. Leider ist ein neues Gesetz in Vorbereitung, welches die Bedingungen der Importsubstitution für ausländische Unternehmen weiter verschärft. Künftig wird noch ein höherer Grad an “Made in Russia” verlangt.

SPB-Herold: Wie sind die ausländischen Unternehmen in der Krise vernetzt?

Daniel Rehmann: Die Deutsch-Russische Aussenhandelskammer (AHK) sammelt sehr viele Informationen über die Lockdown-Situation, weil in den verschiedenen Regionen unterschiedliche Regelungen herrschen. Es ist sehr wichtig an relevante Informationen zu kommen, weil sich die Bedingungen schnell ändern und es auch widersprüchliche Regelungen gibt. Ausserdem versuchen auch ausländische Firmen, auf die Liste der systemrelevanten Unternehmen zu kommen, die vom Staat bevorzugt behandelt werden und zu günstigen Krediten kommen können. McDonalds zum Beispiel wurde auf die Liste der systemrelevanten Unternehmen in Russland aufgenommen. Dafür ist die AHK ein sehr guter Ansprechpartner und eine Plattform für den Informationsaustausch. Natürlich ist auch der direkte Draht der AHK zur russischen Regierung dabei sehr hilfreich. Die AHK arbeitet auch zusammen mit Wirtschaftskammern anderer Länder, wie der Schweiz, Österreich oder den Benelux-Staaten.

Quellen: Bloomberg, Worldbank, Higher School of Economics (HSE).

Daniel Rehmann ist Russland-Kenner und Spezialist für die Integration ausländischen Firmen im russischen Markt.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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