Laden...
Sie sind hier:  Home  >  Aktuell  >  Aktuelle Artikel

Russische Schattenbilder – Mahnbilder aus der Vergangenheit

Von   /  9. März 2021  /  Keine Kommentare

    Drucken       Email

Von Eugen von Arb

“Herold”-Lesern ist der deutsch-baltische Autor Oscar Grosberg, der als Redakteur bis zum Kriegsbeginn 1914 für den den “Original-Herold” arbeitet kein Unbekannter. In unserer Internetzeitung wurde bereits eine ganze Reihe seiner hervorragenden Feuilleton-Texte abgedruckt. Vor einiger Zeit wurde eines seiner Bücher nach hundert Jahre neu aufgelegt: “Russische Schattenbilder”, das 1918 im Leipziger Amelangs-Verlag erschien. Leider handelt es sich um ein tragisches Jubiläum, wenn auch das Buch ausserordentlich lesenswert ist.

Im ersten Teil schildert Grosberg den Kriegsausbruch, den er im Sommer 1914 in St. Petersburg, der damaligen Hauptstadt des Zarenreiches erlebte. Er schildert zuerst, wie die russische Ober- und Mittelschicht durch den völlig unerwarteten Kriegseintritt Russlands aus der Sommerfrische gerissen wird. Die anfängliche patriotische Begeisterung der Bevölkerung schlägt bald um in Sorge um das alltägliche Überleben in der wachsenden Versorgungsknappheit und der Suche nach den Schuldigen.

Als Vertreter des Feindes sind schnell die Russlanddeutschen und -Österreicher ausgemacht. Grosberg beschreibt als Augenzeuge wie der wütende Mob marodierend und plündernd den Newski hinunterzieht, die Schaufenster deutscher oder vermeintlich deutscher Geschäfte einschlägt und schliesslich auch die Redaktion des Petersburger Herolds heimsucht. Der Höhepunkt des Pogroms ist schliesslich der Sturm der deutschen Gesandtschaft. Sie geht schliesslich in Flammen auf unter den Augen der untätigen Feuerwehr und Polizei, die erst gegen den Pöbel einschreitet, nach dem er sich ausgetobt hat.

Nach und nach wird alles Deutsche verboten, loyale Russlanddeutsche werden denunziert, verdächtigt und schliesslich ausgewiesen oder in die Verbannung geschickt. Eine tragische Rolle spielten schon damals “Fake-News”, mit denen sogenannte patriotische Zeitungen mit ihrer antideutschen Hetze die Stimmung vergifteten.
Grosberg verbirgt nicht seineBitterkeit über die Undankbarkeit der Russen gegenüber den Deutschen, welche sich stets als loyale Untertanen des Zaren gezeigt und die russische Geschichte wesentlich mitgeprägt hatten..
Der nächste Abschnitt ist der Situation nach der Revolution gewidmet, in der die alte Ordnung zusammenbricht und das Proletariat die Macht übernimmt.

Obschon Grosberg auch das alte Regime kritisierte, lässt er keinen Zweifel über sein Entsetzen angesichts der “Verluderung” Russlands durch die faulen Nichtstuer Schwätzer, revolutionären Träumern, die Plünderer und Banditen offen, die die der Umsturz an die Macht gebracht hat.

Grosberg kehrt in seine Heimat Lettland, in die Hauptstadt Riga zurück, wo er im Herbst 1917 den Rückzug der russischen Truppen vor den anrückenden Deutschen erlebt. Hier verfolgt er die Plünderungen durch Kosaken und Soldaten vor dem Abzug. Wegen seiner Angst vor drohenden Ausschreitungen gegen die deutsch-baltische Bevölkerung empfindet er den Einmarsch der disziplinierten deutschen Armee als grosse Erleichterung. Dennoch verurteilt er nicht einseitig: “Man darf nicht vergessen, dass bereits unter der zarischen Regierung Desertion, Diebstahl, Raub und Mord in der Armee immer weiter um sich gegriffen hatten. Freilich durfte damals über diese Dinge nicht geredet werden, – dafür sorgte zum Schaden der russischen Armee und der Bevölkerung die russische Kriegszensur. Die ‘grosse russische Revolution’ löste die Manneszucht vollständig auf; sie verwandelte das Heer in eine Bande politisierender, schwatzender, nichtstuerischer Tagediebe, die sich die Zeit mit Kartenspiel, Saufgelagen, Bällen, Diebstahl, Raub, Mord und Vergewaltigungen vertrieben. Das ‘souveräne” Volk liess seinen Instinkten die Zügel schiessen, denn wer konnte ihm wehren?…”Die darauf folgende Unabhängigkeit Lettlands (1918-1940) ermöglicht ein weitgehend demokratisches und friedliches Nebeneinander aller Volksgruppen der baltischen Staaten. Während dieser Zeit engagiert sich auch Grosberg als Politiker, Journalist und Schriftsteller.

Der Molotow-Rippentropp-Pakt zwingt Grosberg schliesslich wie alle anderen Baltendeutschen zur Auswanderung nach Hitlerdeutschland, denn zweifellos hätte ihn nach dem Einmarsch der Sowjetarmee 1940 wie zehntausende Letten Repression, Straflager oder Tod erwartet. Grosberg starb im März 1941 – er erlebte nicht mehr, wie sein Land wenige Monate später von Mord und Barbarei – diesmal von deutscher Seite – heimgesucht wurde.

Das Buch wurde im Hofenberg-Verlag neu aufgelegt. Die elektronische Version kann bei Berliner Staatsbibliothek runtergeladen werden.

Weitere Texte von Oscar Grosberg im „Herold“ >>>

    Drucken       Email

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren...

Picknick in Kolumna

Wie die Treffen von Kolomna-Bewohnern das Viertel zum Besseren verändern

mehr…