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Rekordzahl von Festnahmen an verbotener Nawalny-Demo

Von   /  23. Januar 2021  /  Keine Kommentare

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eva.- Zehntausende Personen gingen in 112 russischen Städten für die Freilassung des Oppositionellen Alexei Nawalny, für Demokratie und Menschenrechte in Russland auf die Strasse. Die Staatsmacht reagierte harsch auf den Protest und nahm nicht nur Demoteilnehmer, sondern auch Medienleute fest.

Die Protestaktion, die ganz Russland von Kaliningrad bis Wladiwostok erschütterte, ist die bisher grösste nicht genehmigte Kundgebung in der jüngeren Geschichte Russlands. Zum ersten Mal waren auch Menschen in Provinzstädten bereit für Alexei Nawalny zu demonstrieren, dessen Bekanntheitsgrad nach dem Gift-Attentat im vergangenen August stark gestiegen war.

In St. Petersburg hatte die Opposition den Senatsplatz um das Denkmal des ehernen Reiters als Versammlungsort bestimmt, ohne jede Absprache mit den Behörden. Die Stadtregierung von ihrer Seite hatte wie überall in Russland jegliche Kundgebung verboten – offiziell wegen der Pandemie. Im Vorfeld ergingen von verschiedenen Seiten Warnungen an die Bevölkerung vor der Teilnahme am Protest. Vielerorts wurden ein Tag vor dem 23. Januar Kurse für Kinder und Jugendliche wieder erlaubt, die zuvor wegen des Coronavirus abgesagt worden waren. Die Eltern, so hiess es, sollten das Wochenende mit ihren Kindern verbringen.

Metrostationen geschlossen, Newski für Fussgänger gesperrt

Wie schon bei anderen Protestaktionen wurden sämtlich Register gezogen, um den Weg an den Versammlungsort zu erschweren. So war die nächstgelegene Metrostation „Admiralteyskaja“ wegen angeblicher Reparaturen für den Ausstieg gesperrt, kurze Zeit danach wurde auch der Ausgang der Station „Newsky Prospekt“ am Gribojedow-Kanal geschlossen.

Das ganze Zentrum wurde mit Zäunen und Polizeihunderschaften hermetisch abgeriegelt. Der Schlossplatz, der Platz vor der Kasaner Kathedrale, der Alexandrowski Park, der Platz vor dem Gostiny Dwor und die Malaja Sadowaja wurden abgesperrt oder waren nur begrenzt zugänglich. Auch um den Senatsplatz waren Metallzäune errichtet, vor denen Omon-Sonderpolizei mit Autobussen und Lastwagen patroullierten.

DemonstrantInnen und JournalistInnen festgenommen

Dennoch liessen sich mehrere Tausend Personen nicht einschüchtern und besuchten in lockeren Gruppen den Platz um das Reiterstandbild des Stadtgründers. Plakate und Transparente waren weniger und kleinere zu sehen als an früheren Kundgebungen. Nur sehr Mutige getrauten sich, ihren Protest offen zu zeigen, denn alle wussten, dass die Polizei ohne zu zögern zupacken würde. Nur einzelne trugen die russische Trikolore, Fahnen mit einem grossen „N“ für Nawalny oder eine blaue Unterhose.

Von anfang an kam es zu Festnahmen, bei denen auch JournalistInnen nicht ausgespart wurden, die eine gelbe Presse-Weste und Akkreditierungen ihrer Redaktionen bei sich trugen. Bis zum Abend wurden 531 Personen festgenommen. Schliesslich verliess ein Teil der Demonstranten den Senatsplatz und marschierte in Richtung Isaakskathedrale und danach über die Malaja Morskaja zum Newki-Prospekt, wo für sie für kurze Zeit den Verkehr blockierten.

Auf der Höhe der Kasaner Kathedrale riegelte die Polizei den Newki ab, und die Demonstranten wichen in Richtung Marsfeld aus. Als die Polizei die Menge von dort vertrieb, zog sie weiter in Richtung Ploshad Vostania vor dem Moskauer Bahnhof. Dort und vor dem Gostiny Dwor geschahen die letzten Festnahmen.

Frau und zwei Polizisten verletzt

Die Polizei an mehreren Orten mit ihren Gummiknüppeln auf die Leute ein. Eine Frau, die eine Gruppe von Polizisten frage, warum sie einen Mann abführen, erhielt einen Fusstritt in den Bauch und musste ins Spital gebracht werden, schreibt Fontanka.ru. Auch zwei Polizisten wurden durch Schläge von Demontranten verletzt, die sich jedoch insgesamt friedlich verhielten.

In der Hauptstadt war das Vorgehen der Polizei wesentlich gröber und die Anzahl der Festnahmen mit 1400 Personen fast dreimal so hoch. Unter ihnen befand sich auch Alexei Nawalnys Frau Julia. In den Tagen und Stunden vor der Aktion hatte die Polizei die bekanntesten Leiter von Nawalnys „Fonds gegen Korruption“ verhaftet und zahlreiche Hausdurchsuchungen in Wohnungen und Büros durchgeführt. Laut OVD-Info ist die Gesamtzahl von über 3500 Festgenommenen in ganz Russland, ein Rekord in der Geschichte der Freiwilligen-Organisation.

An die Demo trotz eisiger Kälte

Auch in der russischen Provinz gingen Tausende auf die Strasse – unter anderem auch im sibirischen Chabarowsk, wo schon seit Monaten Proteste gegen die Verhaftung des Gouverneurs stattfinden. Trotz eisiger Minusgrade protestierten auch die Menschen in Irkutsk, Jakutsk, Nowosibirsk, Jekaterinburg und anderen sibirischen Städte.

Wie der „Kommersant“ schreibt kam es auch im südrussischen Kurort Gelendschik am Schwarzen Meer zu einer Kundgebung mit mehreren hundert Teilnehmern. Unweit von dort befindet sich Putins Palast, über den Nawalnys „Fonds gegen Korruption“ seinen letztes Enthüllungsvideo gedreht und damit eine Rekordzahl von über 20 Millionen Zuschauern erregt hatte.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

www.fontanka.ru

www.kommersant.ru

www.meduza.io

Weitere Artikel zu diesem Thema:

Oppositionspolitiker Alexei Nawalny bei Rückkehr aus Deutschland verhaftet

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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