Laden...
Sie sind hier:  Home  >  Aktuell  >  Aktuelle Artikel

Petersbürgerin Serafima Pechenaja: Deutsch – eine Freundschaft fürs Leben

Von   /  5. Mai 2021  /  1 Kommentar

    Drucken       Email

Von Eugen von Arb

Serafima Pechenaja trifft man überall, wo in Petersburg Deutsch gesprochen wird. Seit Jahrzehnten unterrichtet sie diese Sprache mit stiller aber ungebrochener Leidenschaft, die sie an ihre StudentInnen weitergibt. Wer sie näher kennenlernt, entdeckt einen gescheiten Menschen, der trotz bewegter Biografie Witz und Charme bewahrt hat.

Serafima gehört zu jenen Menschen, die gerne übersehen werden und umgekehrt alles in ihrer Umgebung wahrnehmen. Ob im Goethe-Institut, im Begegnungszentrum oder während der Deutschen Woche – überall nimmt sie mit einem professionell-wachen Interesse teil. Egal, ob Lesungen, Diskussionen, Filme oder Konzerte – sie scheint soviel von der deutschen Kultur und Sprache aufzusaugen, wie sie nur kriegen kann.

Mag sie zunächst als stille und ernsthaft Zuhörerin im Publikum untertauchen, so «klebt» sie spätestens am Ende eines Vortrags vorne und stellt der Dozentin oder dem Dozenten genau jene Fragen, die sonst niemand stellt. Sie will der Sache auf den Grund sehen, und sie will dieses Wissen weitergeben. Darum hat sie meist mütterlich einige ihrer StudentInnen um sich geschart. Aber mindestens ebenso wichtig wie das Wissen ist für sie der Genuss – Serafima ist eine philologische Feinschmeckerin mit Humor. Gerne lässt sie eine schöne Formulierung auf der Zunge zergehen oder lacht wie ein Kind über ein witziges Wortspiel.

Grossmutter sprach fliessend Jiddisch

Schon ihre Mutter sprach ein wenig Deutsch, darum hat sich Petschennaja früh mit dieser Sprache angefreundet, und es wurde eine Freundschaft fürs ganze Leben daraus. «Meine Mutter konnte einige Passagen aus Heinrich Heines Harzreise rezitieren», erzählt sie stolz. Heinrich Heine gilt nicht nur als deutscher Nationaldichter, sondern auch als Symbolfigur jener deutschen Juden, die unter dem Antisemitismus zu leiden hatte. Diesen gab es auch in Russland, bzw. in der Sowjetunion, und wer im Pass unter dem berüchtigten «fünften Punkt» als Nationalität den Vermerk «Jude» trug, bekam dies sein Leben lang zu spüren. Serafimas Familie stammte ursprünglich aus der Ukraine, und wie sie sich erinnert, sprach ihre Grossmutter sogar noch fliessend Jiddisch.

Nur um ein Haar entgingen ihre Mutter und deren Eltern 1941 beim Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion dem Tod. «Sie konnten noch mit einem der letzten Züge flüchten, bevor die Deutschen kamen», erzählt sie ernst. «Viele Dorfeinwohner teilten den Judenhass der Deutschen und warteten bereits mit Blumensträussen auf den Einmarsch.» Glücklicherweise gelangten Serafimas Mutter und die Grosseltern in die Evakuierung ins sichere Usbekistan. «Dort behandelte man sie sehr anständig – bis die russischen Flüchtlinge kamen und mit ihnen der Antisemitismus». Trotz grosser Hoffnungen nimmt dieser auch nach dem Krieg nicht ab, und wird 1948 mit der sogenannten «Ärzteverschwörung», einer von Stalin erfundenen Verschwörung jüdischer Ärzte, der zahlreiche Hetzkampagnen, Verhaftungen und Hinrichtungen folgen, sogar offiziell. Eine tiefe Zäsur für alle Juden in der Sowjetunion und auch für Serafimas Familie.

Vater als Parteimitglied im Zwiespalt

Doch es gibt auch für Serafima Sonnenseiten im Leben. Sie wächst zwar wie ganze Generationen sowjetischer Kinder in einer Petersburger Kommunalwohnung auf, doch hat sie grosses Glück mit den Nachbarn. «Sie waren alle kinderlos, darum waren wir jederzeit willkommen und wurden verwöhnt», erinnert sie sich. Obwohl Serafimas Eltern beide aus orthodoxen jüdischen Familien stammen, spielt die Religion in ihrer Familie eine untergeordnete Rolle. Trotzdem werden die grossen jüdischen Feste wie Pessach und Chanukka mit den Verwandten gefeiert, und man bäckt Mazze zuhause. Der Vater gerät als Parteimitglied in einen Zwiespalt, bleibt jedoch tolerant. «Manchmal, wenn er am Freitag nach Hause kam, löschte er die Hälfte der Kerzen am Leuchter», erzählt Serafima schmunzelnd.

Serafima soll die stadtbekannte Schule 127 mit Deutsch-Schwerpunkt besuchen, aber weil sie zuhause niemand betreuen kann, wählt man schliesslich die Schule 367, wo ihre Mutter unterrichtet. Diese achtet jedoch darauf, dass ihre Tochter nicht in ihre Klasse kommt. So erlebt sie das typische Schicksal einer Lehrerinnentochter, die morgens früher zur Schule gehen muss und abends auf die Mutter zu warten hat, weil sie «noch ein bisschen länger» in der Schule bleiben muss, um etwas vorzubereiten oder an einer Sitzung teilzunehmen. Dass sich nicht alle an der Diskriminierung der Juden beteiligen, erlebt sie als sie sich mit einem Mitschüler prügelt, der sie als Jüdin gehänselt hat. Als sich der Junge beim Klassenlehrer beschwert, meint dieser nur lakonisch: «Recht hatte sie!»

Schulabschluss mit Goldmedallie

Nach der 5. Klasse wechselt sie an die Schule 137 ganz in der Nähe von Zuhause und ist nicht nur im Deutsch ein Musterschülerin, sondern auch in den meisten anderen, so dass sie die Schule schliesslich mit einer Goldmedallie abschliesst. Noch heute schwelgt sie in Erinnerungen an das Abschlussfest. «Damals gab es für die Jugendlcichen noch keinen Alkhohol wie heute», merkt sie an. Zum ersten Mal begeht die Stadt diesen Tag im Sommer 1969 offiziell mit dem Schülerfest «Alye Parusa», benannt nach der romantischen Erzählung «Das Purpursegel» von Alexander Grin. «Noch heute erinnere ich mich daran, wie ich mit meinem Vater durch die «Weissen Nächte» spazierten und an der hochgeklappten Alexander-Newski-Brücke warten mussten, um ans andere Ufer nach Hause zu kommen», schwärmt sie.

Ihren Traum von der Schauspielerei vergisst Serafima nach einem erfolglosen Vorsprechen schnell. Sie ist Realistin und entschliesst sich Deutsch-Lehrerin zu werden und am Herzen-Institut zu studieren. Sie hat zweifaches Glück – erstens liebt sie dieses Fach und findet viel Erfüllung in ihrem Beruf. Zweitens sitzen in ihrer Fakultät und in ihrem Kurs keine Antisemiten. Ihr Steckenpferd ist die freie Konversation auf Deutsch, die sie stets verbessert, unter anderem durch Briefwechsel. Ab 1965 steht sie im Kontakt mit ihrer Brieffreundin Claudia, Tochter des bekannten DDR-Regisseurs und -Schauspielers Hans Knötzsch in Ostberlin.

«In Lübeck fühle ich mich wie zuhause»

Und weil das Herzen-Institut hat eine Partnerschaft mit der pädagogischen Hochschule in Potsdam hat, ergibt sich unverhofft die Gelegenheit, dass sich die beiden jungen Frauen während eines Fremdsprachenaufenthalts in der DDR kennenlernen. Daraus entsteht eine lebenslange Freundschaft. “Eigentlich hatten wir die ganze Zeit Programm in der Gruppe, aber dank meiner Studienleiterin durfte ich einen ganzen Tag allein mit Claudia in Ostberlin verbringen. Zusammen mit ihrem Vater fuhren wir an den Müggelsee, wo wir Eis gegessen haben und von wo aus ich eine Postkarte nach Hause geschickt habe”, schwärmt Petschennaja.

Weitere Episoden kommen ihr in den Sinn. Zum Beispiel, wie sie in den Achtzigerjahre einen Teddybären für Claudias Kind in die DDR schicken wollte, und die Postbeamtin diesen zurückwies, weil sie den Verdacht hatte, in dem Stofftier sei etwas versteckt. “Da habe ich einfach eine Plastikpuppe des “Doktor Ai-Bolit” (eine sowjetische Trickfilmfigur) gekauft, und diesmal klappte es”, erzählt sie lachend. Nach der politischen Wende in Deutschland und Russland wird die Verbindung für einige Jahre unterbrochen, doch 2006 treffen sich die beiden Freundinnen erneut in Berlin als Serafima auf der Reise nach Lübeck ist. Bis heute telefonieren sie regelmässig miteinander. «In Lübeck fühle ich mich wie zuhause», meint sie und erzählt nicht ohne Stolz von der Gesellschaft für deutsche Sprache, als deren Mitglied sie regelmässig an den Jahrestreffen teilnimmt.

«Linzer Torte und Salzburger Nockerln»

Serafima wird Deutschlehrerin, und übernimmt verschiedene Lehrstellen im damaligen Leningrad und im Leningrader Gebiet. Eine Entzündung der Stimmbänder, durch sie die fast ihre Stimme verliert, zwingt sie zu einem mehrjährigen Zwischenspiel als technische Übersetzerin. Anfang der Neunzigerjahre kommt sie schliesslich als Deutschlehrerin ans Herzen-Institut, wo sie knapp 30 Jahre lang arbeitet. Hier ergibt sich ihre zweite grosse Freundschaft – «Linzer Torte und Salzburger Nockerln», sagt sie kokett. Nach einer ersten Weiterbildung in Salzburg und Linz folgen weitere Weiterbildungsreisen nach Österreich. Während dieser Zeit ergibt sich auch die Verbindung nach Graz, von wo sie zusammen mit Peter Presinger von der Österreichisch-Russischen Gesellschaft Steiermark regelmässig SchriftstellerInnen zu Lesungen nach St. Petersburg holt.

Serafima liest selbst viel und gerne – «alles, was ihr in die Finger gerät», wie sie sagt. Bisweilen übersetzt sie sogar aus dem Deutschen ins Russische, so zum Beispiel Gedichte des niedersächsischen Poeten Manfred Hausin. Sie bevorzugt die deutsche Literatur des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts, Memoiren interessanter Persönlichkeiten. Kürzlich hat sie die Lebenserinnerungen von Erika Mann und Lion Feuchtwanger gelesen. «Und Krimis!» Hängt sie lachen an. Seit ihrer Jugend setzt sie sich mit viel Freude ans Klavier – darum steht auch ein Klavier in der gemeinsamen Wohnung mit ihrem Cousin. Zum «Inventar» gehört ausserden eine Katze mit Namen «Glascha» – oder einfach «Mietze», merkt Serafima mit einem Augenzwinkern an.

Bilder: Eugen von Arb/ SPB-Herold

Weitere PetersbürgerInnen  >>>

    Drucken       Email

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

1 Kommentar

  1. realsatire sagt:

    Eine beeindruckende Frau.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren...

Picknick in Kolumna

Wie die Treffen von Kolomna-Bewohnern das Viertel zum Besseren verändern

mehr…