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Petersbürgerin Olesja Bessmeltsewa: Nur bitte keine Routine!

Von   /  17. September 2020  /  1 Kommentar

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Von Eugen von Arb

Die Sibirierin Olesja Bessmeltseva hatte mit etwas über zwanzig Jahren schon «ein komplettes Leben geschenkt bekommen». Aber als sie begann, Deutsch zu lernen, eröffnete sich für sie neue Horizonte. Sie gelangte in die weite Welt bis nach Petersburg, und bis heute ist ihre Neugier ungestillt.

Olesja hält ihr schmales Gesicht in den Wind, der ihre gezwirbelten Haare ins Gesicht bläst – «Eine Haar-Attacke!» lacht sie. Die warme Abendsonne liegt auf den ehemaligen Fabrikgebäude der Sevkabel-Anlage, wo sich Scharen von Menschen tummeln um den Blick auf die Finnische Bucht und das «neue» St. Petersburg zu geniessen. Dazu gehört auch die neue Autobahnbrücke, die elegant über die Newa-Mündung gespannt ist und die Olesja besonders mag, weil sie sie von ihrer Wohnung auf der Wassili-Insel sehen kann.

Im Gegensatz zu den meisten eingesessenen PetersbürgerInnen kann sie nicht viel mit den prunkvollen Palästen des historischen Stadtzentrums anfangen, die für die Mächtigen und Reichen gebaut wurden und denen jeglicher Enthusiasmus fehlt, wie sie sagt. Vielmehr schlägt ihr Herz für die eher unbekannten konstruktivistischen Bauten, die in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts gebaut wurden und die noch heute viel soziales Engagement ausstrahlen. Sie mag die «Ehrlichkeit» zeitgenössischer Architektur, wenn auch mit Ausnahmen. Den ambitiösen Gazprom-Turm am nördlichen Stadtrand bezeichnet sie lächelnd als «Gag». Als relativ junge Petersbürgerin kann sie sich zur neuen Stadtkulisse bekennen, ohne dass ihr ein Stein aus der Krone fällt. Ganze sechs Jahr lebt sie hier.

Ein „erfülltes Leben“ – mit viel Routine

Davor habe sie schon ein ganzes erfülltes Leben geschenkt bekommen, meint sie – ein anderes Leben in einer anderen Welt, weit weg in der sibirischen Provinz. In einem Dorf, 400 Kilometer von Tyumen nahe an der Grenze zu Kasachstan beginnt dieses behütete Leben, das bereits mit etwas über 20 Jahren hätte komplett sein können. Da ihr die Schulfächer Mathematik und Physik leicht fallen, entschliesst sie sich für ein Studium zur IT-Ingenieurin in Tyumen. «Ich hatte mich damals noch nicht gefunden und wurde stark von meinem Vater beeinflusst», erklärt sie.

Das hat durchaus seine Vorteile – mit 21 Jahren schliesst sie ab und hat auch gleich eine sichere Stelle bei der Sberbank. Sie führt ein geregeltes Leben und kann ihren unbändigen Reisehunger befriedigen. In ihren Ferien und an den Wochenenden bereist sie mit dem Zug fast alle Teile Sibiriens. Doch dann wird sie von der Routine eingeholt, und beginnt während den freien Moment an der Arbeit philosophische Texte zu lesen. «Ich wollte die Philosophen kennenlernen und ihre Texte im Original lesen – auf Deutsch».

Aus Tyumen nach Petersburg „katapultiert“

Da während des Stalinismus tausende Russlanddeutscher in diese Region deportiert wurden, gibt es auch in Tyumen ein russisch-deutsches Begegnungszentrum, wo Deutschkurse angeboten werden. Besmeltseva ist hoch motiviert und lernt schnell – bis sie sich dazu entschliesst, ein vierjähriges Linguistik-Studium anzuhängen. Die deutsche Sprache katapultiert sie wie ein Schleudersitz aus ihrem früheren Leben. Denn kaum hat sie mit dem Studium begonnen, bewirbt sie sich auch schon um ein Stipendium an der Uni der Partnerstadt Passau. «Während diesen zwei Semestern belegte ich praktisch alles, was möglich war». Ihre Semesterarbeiten an der Uni in Tyumen erledigt sie ganz «nebenbei» und switcht zwischen den beiden Städten hin und her. Schliesslich vermittelt ihr ihre russische Dozentin ein Masterstudium in St. Petersburg.

Und auch hier macht sie sich schon bald wieder «selbstständig», indem sie ein Auslandjahr an der Uni in Freiburg im Breisgau absolviert. Wieder reist sie zwischen den Welten hin und her. Nun beschäftigt sie sich mit dem österreichischen Schriftsteller Herrmann Broch, und ihr Doktorvater ist Alexander Belobratow, Leiter der Petersburger Österreich-Bibliothek. Sie befasst sich intensiv mit Broch, besonders sein Briefwechsel mit bedeutenden ZeitgenossInnen fasziniert sie. Und dennoch fängt sie kein Feuer. Nach langem Zögern bricht sie schliesslich die Dissertation ab – ein schwerer Entscheid, den ihr Doktorvater jedoch mit viel Verständnis aufgenommen habe, meint sie dankbar.

Eine Studentin ohne politische Scheuklappen

Eine weiteres Ereignis bewegt sie dazu, ihre Uni-Karriere abzubrechen. 2018 werden in den Gängen der Petersburger Uni Zitate von Präsident Putin aufgehängt, die prompt die Studentenschaft entzweien. Während die einen dafür einstehen, dass staatliche Ideologie nichts an den Wänden einer Lehranstalt zu suchen haben, zeigen sich die andern als Patrioten, die für den ehemaligen Absolventen der Rechtsfakultät der Uni Wladimir Putin einstehen. Schliesslich beschädigen Unbekannte einige der Plakate, was dazu führt dass sich die Gegner vor einer so genannten Ethik-Kommission rechtfertigen müssen – zu ihnen gehört die engagierte Studentin Olesja Bessmeltseva. «Aber während der Sitzung hat kein Gespräch stattgefunden», erzählt sie. «Eine Diskussionskultur fehlt in Russland leider völlig», meint sie enttäuscht. «Wir wurden auch nicht ernst genommen – man nannte uns «Devotschki» (russ. «Mädchen»).

Hinterher werden die Putin-Zitate durch Worte von Katharina der Grossen ersetzt, und Besmeltseva auf einem öffentlichen Aushang als «intolerant» getadelt. Das stört sie jedoch nicht besonders – im Gegenteil empört sie, dass die meisten Leute an der Universität Scheuklappen anziehen, sobald es um politische Fragen geht. «Ich habe Verständnis für einen gewissen Opportunismus, aber es gibt keine Bildung ohne Politik», meint sie entschlossen. Die einzige Person an der Uni, die offen zu ihr steht, ist ihre Dozentin Juliana Kaminskaja, die Bessmeltseva auch bei ihrem Studium unterstützt.

Die Geschichte der Leningrader Frauen erfüllen ihre Seele

Endgültig «weggezogen» von der Universität und ihrer Dissertation wurde Bessmeltseva jedoch von einem Ausstellungsprojekt, das sie zusammen mit Dorothee Riese und Philipp Venghaus aus Leipzig realisiert und das den spannenden Titel «Leningradski Feminism» trägt. «Die grosse Leere, die ich damals in meiner Seele spürte, wurde völlig durch dieses Vorhaben ausgefüllt», erzählt Bessmeltseva begeistert. «Dank diesem Projekt fühlte ich mich zum ersten Mal zuhause in St. Petersburg, denn ich wohnte damals in einem Studentenheim in Peterhof und war wegen des langen Weges nie richtig mit der Stadt in Berührung gekommen.»

Das Ausstellungsprojekt mit historisch-wissenschaftlichem Hintergrund erzählt die kurze, aber reichhaltige Geschichte der einzigen bekannten Untergrund-Frauenzeitschrift der Sowjetunion und ihrer Autorinnen (Beschreibung siehe Anhang). «Die Begeisterung war bei allen Beteiligten zu spüren», erzählt Bessmeltseva. «Kurz nachdem ich die Frauen angefragt hatte, war meine Mailbox voll mit Briefen. Ich spürte, wie gross ihr Mitteilungsbedürfnis war und fühlte mich als Sprachrohr dieser Frauen, die alle ein Repressionstrauma hinter sich hatten.» Gleichzeitig kommt es auch zu kleineren Konflikten, denn die AutorInnen hatten schon früher verschiedene Weltanschauungen und trotz der Jahre gingen ihre «alten Geschichten» nicht vergessen.

Neben ihren Projektpartnern Dorothee Riese und Philipp Venghaus erhält Bessmeltseva Unterstützung von der Organisation «Memorial», die mittels Freiwilliger und Zeitzeugen kritisch die sowjetische Geschichte aufarbeitet. Das Ausstellungsprojekt beruht im Wesentlichen auf «Oral History» – eine Forschungsweise, die nicht von allen WissenschaftlerInnen gleich akzeptiert wird. «Oral history ist sehr lebendig, aber man muss sich ständig bemühen, objektiv zu bleiben, weil die Meinungen teilweise auseinander gehen», meint Bessmeltseva. «Die Art von Forschung wird zwar von manchen ExpertInnen angezweifelt, aber die Ausstellung muss nicht wissenschaftlich sein. Generell herrscht in der Feminismus-Forschung herrscht ein grosses «Loch», denn noch längst ist nicht alles aufgearbeitet.»

Umgang mit Menschen, Empathie und Kommunikation sind ihr wichtig

Und dann kommt Bessmeltseva zum Goethe-Institut – wiederum ergibt sich das eine aus dem anderen. «Es war mir stets bewusst, dass ich als Kulturveranstalterin keinen Lebensunterhalt verdienen kann – das war reines Wunschdenken», erklärt sie ernst. «Gleichzeitig spürte ich eine Blockade gegenüber allen Jobs mit «geregelter Arbeitszeit und der Gefahr in die Routine abzugleiten». Bessmeltseva wirkte schon an anderen Goethe-Veranstaltungen mit, teils als Organisatorinm, teils als Übersetzerin. Als schliesslich Ende 2019 eine Stelle ausgeschrieben wird, bewirbt sie sich trotz ihrer Bedenken.

Und tatsächlich ist von Langeweile keine Spur vorhanden – kurz nach ihrem Stellenantritt wurde das ganze Team von der Pandemie herausgefordert. «Das «Kulturcafé war eine spontane Idee, und es wurde ein richtig gutes Programm, nicht bloss ein Mittel, um die Zeit totzuschlagen», erzählt sie begeistert. «Ausserdem war es eine Gelegenheit, um die Partner des Goethe-Instituts zu unterstützen, von denen viele von ihrer Arbeit abgeschnitten waren.» Der Umgang mit Menschen, Empathie und Kommunikation sind ihr wichtig. Damit kommt sie beim Goethe-Institut voll auf ihre Rechnung. Und Bücher – sie liest sehr viel. Auf die Frage nach der/dem LieblingsautorIn purzelt als erster Kafka aus ihr heraus. «Er ist unschlagbar!» findet sie. «Schade, dass er meistens in eine so düster-depressive Ecke gestellt wird. Ich spüre soviel Humor bei ihm – ein grosses Lachen über alles.»

Ausstellung «Leningrader Feminismus»

eva.- Die Ausstellung «Leningradski Feminism 1979» wurde 2020 zum ersten Mal in St. Petersburg gezeigt und dokumentiert eine kurze aber wichtige Periode in der Geschichte der sowjetischen Frauen. 1979 entschloss sich eine Gruppe von Leningrader Frauen eine inoffizielle Zeitschrift über das Leben, die Anliegen und die Probleme sowjetischer Frauen mit dem Namen «Die Frau und Russland» herauszugeben. Da der Inhalt die Situation in der Sowjetunion sehr kritisch beleuchtete erschienen die insgesamt fünf Ausgaben im «Samisdat» («Selbstverlag»). Da Kopiergeräte offiziell registriert und von der Zensur kontrolliert wurden, musste jedes Exemplar der Zeitschrift von Hand oder mit Schreibmaschine abgeschrieben werden. Auf diese Weise konnte sich die Zeitschrift nur in einem kleinen Kreis verbreiten, aber dennoch gelangten einige Exemplare über das französische Konsulat in den Westen, wo sie grosse Resonanz erhielten. Der Staat, der die grundlegenden Frauenrechte und die Gleichberechtigung von Mann und Frau in seine Verfassung aufgenommen hatte und offiziell sämtliche frauenspezifischen Probleme längst gelöst hatte, reagierte empfindlich auf die Hintergrundberichte, die kein Blatt vor den Mund nahmen. Die offizielle Meinung, es gäbe in der Sowjetunion keine Frauenbewegung, weil es keine brauche, wurde widerlegt. In den Artikeln wurde die Realität des sowjetischen Alltags blossgelegt, in dem die Frauen «im Dauerlauf» zwischen Arbeitsplatz und Haushalt hin und her pendelten, sämtliche Familienangelegenheiten regelten und trotz der chronischen Überlastung zu allem noch ein lächeln sollten. Krippenplätze gab es nur für 37 Prozent der Kinder, während 85 Prozent der Frauen berufstätig waren. Ungeschont wurde in der Zeitschrift über das oft schwierige und aufreibende Leben in den Kommunalwohnungen und die «maschinelle», oft herzlose Abfertigung der Frauen in Geburts- und Abtreibungskliniken berichtet. Neben diesen kritischen Themen war die Selbstfindung der Frau wichtig. Schon zu dieser Zeit wendeten sich viele sowjetische Frauen zunehmend alternativen Lebensformen, wie Vegetariertum, Yoga, Zen-Buddhismus zu. Die Zeitschrift enthüllte aber auch, dass es sogar im sogenannten Samisdat, der Untergrundliteratur Sexismus gab – Frauen sollten sich besser um politische Gefangene kümmern und die Texte männlicher Autoren abtippen, statt selbst zu schreiben. Das Erscheinen der Frauenzeitschrift, war darum auch selbst ein Emanzipationsprojekt. Die Emanzipationsbewegung aus Frankreich, insbesondere die Schriften von Simone der Beauvoir übten einen grossen Einfluss auf die russischen Frauenrechtlerinnen aus. Besonders gross war das Echo in Frankreich und Deutschland, wo der Inhalt der sowjetischen Zeitschriften fast gleichzeitig bekannt wurde. Die AutorInnen in der Sowjetunion wurden hingegen innert kürzester Zeit vom Geheimdienst KGB ermittelt. Sie wurden verhört, bedroht, eingesperrt oder ausgewiesen. Dabei wurden selbst Frauen, die keine Jüdinnen waren, zur Auswanderung nach Israel gedrängt.

Bilder: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

1 Kommentar

  1. realsatire sagt:

    Ich wünsche Frau Bessmeltseva noch viele gute Ausstellungen und Kulturprojekte – da sollte keine Routine aufkommen.
    Die erwähnte Ausstellung hat mich neugierig gemacht. Kann man die Geschichte der Feministinnen, Ihrer Zeitung und Schicksal noch irgendwo ansehen? Oder vielleicht gibt es ja im Internet noch einen „Katalog“ oder andere infos. Falls ja bitte verlinken sie diese doch hier. Danke!

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