Laden...
Sie sind hier:  Home  >  Aktuell  >  Aktuelle Artikel

Petersbürger Francesco Attolini: „Wir verkaufen Gefühle“

Von   /  18. Februar 2021  /  Keine Kommentare

    Drucken       Email

Von Eugen von Arb

Der italienische Galerist und Künstler Franceso Attolini verkörpert auf ideale Weise den Universalkünstler der Renaissance, der nicht nur sein Schaffen, sondern sich sich selbst zu präsentieren versteht. Doch im Gegensatz zu vielen seiner Art, die sich hinter intellektuellen Zauberformeln und Glamour verstecken, hat Attolini eine klare Vorstellung davon, wer ein richtiger Künstler ist.

«Francesco Attolini ist der einflussreichste lebende ausländische Künstler in Russland, und gehört zu den 100 einflussreichsten Künstlern der Welt…» So steht es grossspurig geschrieben unter der Rubrik «About me» auf Francesco Attolinis persönlicher. Website. Grossspurig? Nein, von diesem virtuellen Nimbus spürt man nichts, wenn man ihm gegenüber sitzt – ein sehr gesundes Selbstvertrauen hingegen schon.

Keine Nervosität, gezügelte Egozentrik. Attolini strahlt konzentrierte Ruhe aus. Attolini ist offen, freundlich, er hört und sieht seinem Gegenüber zu. Seine italienische Extravaganz wirkt angemessen, elegant. Bartstoppeln und Designerdress, und ein Blick, der für einige Momente scharf werden kann, in dem sich aber auch Humor spiegelt.

Universalkünstler der Renaissance

Gleichzeitig spielt sich hinter diesem Gesicht mit ungeheurer Geschwindigkeit ein intellektuelles Multitasking ab. Attolini kommuniziert, analysiert und entscheidet blitzschnell. Zweifellos ist er hier, und doch scheint er in Gedanken gerade in den Sternen zu tanzen. Er ist Schauspieler und Regisseur in einer Person in einem endlosen Universal-Spektakel mit dem Titel «Kunst». Diese Rolle ist seine Mission.

Am ehesten lässt sich Attolini mit den Universalkünstlern der Renaissance vergleichen, für die es keine Grenzen zwischen Wissenschaft, Technik und Kunst gab. So erhält auch der im süditalienischen Bari geborene Attolini von seinen Eltern seine vielseitigen Begabungen. Seine Mutter, Modell und Schneiderin vermittelt ihm Kreativität, Unabhängigkeit und künstlerische Neigungen, sein Vater gibt ihm methodisches Denken, Erfindergeist und technische Fertigkeiten mit.

Geschickter Trendsurfer

Ebenso wie viele Renaissance-Künstler versteht sich Attolini als Europäer, der seine Ausbildung und Karriere dementsprechend danach ausrichtet. Nach einem naturwissenschaftlichen Studium absolviert er in den Neunzigerjahren ein Studium als Bühnenbildner an der Akademie der schönen Künste in seiner Heimatstadt. Dem schloss sich ein Erasmus-Stipendium an der Königlichen Kunstakademie in Brüssel an und widmet sich unter anderem der Monumentalmalerei.

Geschickt wie ein Surfer «reitet» Attolini auf den Trendwellen jener Zeit, betätigt sich als Theater- und Innenarchitekt, nimmt an Video-, Musikproduktionen, sowie Projekten für Landschafts- und Stadtgestaltung teil. Unter anderem gestaltet er zusammen mit anderen Studenten eine U-Bahn-Station in Brüssel. Den fünf kreativen Jahren in Brüssel folgen sechs in Mailand, der italienischen Hauptstadt des Designs.

Petersburg rettete ihn vor Apathie

Europa ist Trend, aber auch Russland ist zum Beginn des neuen Jahrtausends voll im Trend. Attolini baut eine Brücke und kommt 2007 nach St. Petersburg, wo er sich in den folgenden Jahren etabliert. Petersburg, so sagt er, habe ihn vor der Apathie gerettet. Schnell wird es ihm langweilig, und etwas Neues muss passieren.

Russland bietet ihm die Carte Blanche. Hier organisiert er mehr als 500 Veranstaltungen und Kunstausstellungen und arbeitet mit vielen wichtigen und bekannten Marken der russischen Mode- und Gastro-Szene zusammen, darunter: Valentin Yudashkin Fashion Industry, Masion Tatiana Parfionova, Global Point Family und Ginza Holding.

Tradition und zeitgenössische Kunst unter einem Dach

Er ist Mitbegründer der «OIOIOI-Galerie», einer der ersten internationalen Kunstgalerien in St. Petersburg, gründet die «Metropolis-Galerie» und bringt sich als Betreiber und Gestalter in 50 Restaurants ein. Daneben nimmt er als Künstler an der Biennale in Venedig, der Biennale in Moskau, der Biennale in Santiago de Chile und der Biennale in Florenz teil und wird sogar zum «Kunst-Botschafter» seiner Heimatregion Apulien und Russlands ernannt.

In den letzten Jahren kuratiert er in der renommierten Petersburger Galerie «Artsquare», die sich direkt gegenüber des Russischen Museums befindet, und in dem ein Wohnungsmuseum der berühmten Ballerina Anna Pawlowa untergebracht ist. Tradition und zeitgenössische Kunst unter einem Dach.

Ein «Diavolo del arte»

Attolini ist ein Tausendsassa, ein Magier, ein «Diavolo del arte», der gleichzeitig hier und überall zu sein scheint. Sein Zauberstab ist das Handy, in dem die Fäden seines kosmopolitischen Kulturnetzwerks zusammenlaufen. Er liest und antwortet, chiffriert und dechiffriert. Niemals ist er abwesend, höflich entschuldigt er sich nach jeder Unterbrechung und knüpft nahtlos das Gespräch an.

Sicher ist es typisch italienisch, dass Essen und Kunst für ihn zusammengehören. Ebenso wenig stört ihn die Verbindung von Kunst und Kommerz, Kunst und Kunsthandel. Davon, was ein Künstler, bzw. eine Künstlerin ist, hat er eine klare Vorstellung, die er an Vorträgen weitergibt: Ein Künstler ist jemand, der sein Handwerk versteht, der Kunst produziert und davon lebt. «Wir verkaufen Gefühle», lautet seine Maxime.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

Weitere PetersbürgerInnen-Porträts hier >>>

    Drucken       Email

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren...

Picknick in Kolumna

Wie die Treffen von Kolomna-Bewohnern das Viertel zum Besseren verändern

mehr…