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Pastor Woldemar Wagner – verschlungen vom Moloch Gulag

Von   /  18. März 2021  /  Keine Kommentare

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eva.- An einer Buchpräsentation wurde das Buch «Siblag NKWD. Die letzten Briefe von Pastor Wagner. Persönliche Erfahrungen auf der Suche nach Repressierten» von Alexandr Makejew vorgestellt. Neben dem Autor trat eine russlanddeutsche Überlebende des Stalinterrors auf.

Die Präsentation war gleichzeitig eine Trauerveranstaltung in der lutherischen Katharinenkirche auf der Wassili-Insel, in der Woldemar Wagner einst Pastor war, bevor er 1935 vom NKWD verhaftet und 1937 während des «Grossen Terrors» erschossen wurde.  Der Kirchenraum war verdunkelt, überall brannten Kerzen, neben dem Altar war ein Porträt Wagners aufgestellt.

Alexander Makeew, der Urgrossneffe Wagners erzählte eindrücklich, wie er von einem «inneren Sturm» getrieben zu Beginn der 2000er Jahre begann, seine Familiengeschichte aufzuarbeiten und schliesslich auf die 38 letzten Briefe seines Urgrossonkels stiess, die er aus dem sibirischen Straflager an seine Familie schrieb, die nach Kasachstan deportiert worden war. Auszüge aus diesen Briefen wurden im Anschluss daran von drei Schauspielern vorgetragen.

Odysee des Grauens durch zehn sowjetische Lager

Davor erzählte die über 90-jährige russlanddeutsche Margarita Schulmeister aus ihrer Jugendzeit in Saratow an der Wolga, wo sie zunächst die deutsche Schule besuchte, bis sie völlig unschuldig mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern aus ihrer Jugend herausgerissen und in Welt des Gulag verfrachtet wurde.

Insgesamt zehn Lager durchliefen die Unglücklichen bis sie schliesslich nach Kasachstan deportiert wurden. Schulmeister schilderte, welche «Auszeichnungen» sie während ihres Lebens erhielt. Sie spielte damit auf die verschiedenen Ehrentitel an, welche die sowjetische Gesellschaft verdienten Arbeitern, Wissenschaftlern und Künstlern verlieh, meinte dies jedoch ironisch. Als Repressierte begann ihre «Karriere» mit dem Titel «Tochter eines Volksfeindes», dem folgte «Strafgefangene» und schliesslich am Ende der Sowjetunion «Rehabilitierte».

Hoffnung bis zuletzt

Während des Vortrags der Briefe von Woldemar Wagner beeindruckte das Gefühl der Hoffnung, die bis zum Ende nicht ausblieb und die die Familie vereinte. Zunächst war die Hoffnung natürlich berechtigt, da Wagner „lediglich“ zu einer fünfjährigen Lagerhaft verurteilt worden war und erst mit dem Beginn des so genannten «Grossen Terrors» die Massenhinrichtungen nach «Soll-Zahlen» und völlig willkürlich aufgestellten Erschiessungslisten begannen.

Ausserdem hatte Wagner bei seinem Verhör nach seiner Verhaftung in Leningrad offen auf die Fragen des Vernehmungsoffiziers geantwortet und nahm an, dass sein «Vergehen» als verhältnismässig geringfügig eingestuft wurde. Wagner war 1935 verhaftet worden, weil er über das deutsche Konsulat eine Liste von Russlanddeutschen an die Hilfsorganisation «Bruderhilfe» in Deutschland geschickt hatte, die bedürftige Gläubige im Ausland materiell unterstützte. Wagner konnte nicht ahnen, dass durch die erklärte Feindschaft Hitlerdeutschlands mit der Sowjetunion bald alle Russlanddeutschen als «Faschisten» unter Generalverdacht gerieten.

Ratgeber und Ermunterung für Wahrheitssuchende

In seinem Buch «Siblag NKWD. Die letzten Briefe von Pastor Wagner. Persönliche Erfahrungen auf der Suche nach Repressierten», das mit Unterstützung des GULAG-Museums Moskau und der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Moskau herausgegeben wurde, beschreibt Makejew detailiert jeden Schritt auf der Suche nach der düsteren Wahrheit. Sie beginnt mit der Neugier wegen der deutsch klingenden Namen seiner Tanten bis hin zum angsterfüllten Besuch im «Grossen Haus» («Bolschoi Dom»), der einstigen und heutigen Geheimdienstzentrale in Petersburg/Leningrad, wo sein Urgrossonkel verhört wurde und wo er die Akten einsehen konnte.

In gewissem Sinn ist das Buch Ratgeber und Ermunterung für alle, deren Angehörigen im Moloch des Gulag verschwunden sind und deren Vorfahren ähnliche hoffnungsvolle Briefe erhielten, wie sie Pastor Woldemar Wagner an seine Familie schrieben, bis eines Tages plötzlich der Kontakt abbrach:

Liebe Frida – so sehr ruft Dich heute meine Seele. Fühlst Du es? Ich gratuliere Dir herzlich zum Geburtstag, liebe Frida. 13 Jahre alt bist Du jetzt, Du liebe! Wie gerne hätte ich Dich an diesem Tag gesehen. Empfange meine väterlichen Glückwünsche! Ich wünsche Gesundheit, seelische und körperliche Entwicklung, alles Beste, was ein vor Liebe brennendes Vaterherz nur wünschen kann! … Traure nicht wegen mir, meine Vertraute. Erfreue mich mit Deinem guten Benehmen, Deiner Gewissenhaftigkeit und Deiner Folgsamkeit. Vergiss mich nicht!

Bild: Paulina und Woldemar Wagner 1935 (Familienarchiv Alexandr Makejew)

Bilder Veranstaltung: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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