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Kommentar: „Typisch Russland“ – Garagenwirtschaft

Von   /  29. April 2019  /  1 Kommentar

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eva.- Nächtliches Treiben im benachbarten Garagenquartier: Autos mit abgeblendeten Scheinwerfern, in deren Licht Preisverhandlungen stattfinden. Nach anfänglich unheimlichen Gefühlen gegenüber dieser mysteriösen Gesellschaft, spüre ich Erleichterung als sich das Ganze als Umtriebe einer illegalen Autowerkstatt entpuppt.

Abends oder nachts werden die Wagen gebracht oder abgeholt und die Kosten der Reparaturen verhandelt. Tagsüber finden hinter verschlossenen Garagentoren die Arbeiten statt. Nun wird mir auch klar, warum sich im Winter vor einigen Garagen der Schnee häufte, während vor drei Toren immer peinlich sauber geräumt wurde.

Mit der wirtschaftlichen Krise hat in Russland auch die so genannte Schattenwirtschaft wieder zugenommen. Mit der wachsenden Geldgier der Steuerbehörde tauchen die Unternehmen wieder vermehrt unter, arbeiten ohne offizielle Registrierung, Sozialleistungen und mit illegalem Personal, das sein Gehalt „im Kuvert“ erhält.

Durch die massive Erhöhung von Rentenalter und Mehrwertssteuer hat sich der Staat im vergangenen Jahr gleich in zweifacher Hinsicht als „Feind“ erwiesen. Da die Renten zudem lächerlich niedrig sind, spielt es für viele Russinnen und Russen keine Rolle, ob sie in den staatlichen Rentenfonds einzahlen oder nicht – auf das „Jetzt“ kommt es an. Wenn der Staat seine soziale Verantwortung nicht wahrnimmt, muss eben jeder für sich schauen.

Absurderweise befindet sich nur wenige Meter davon entfernt ein Polizeiposten – doch leider birgt auch dies seine ganz eigene Logik. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die Gesetzeshüter am illegalen Geschäft mitverdienen – in Russland wird dies als „Dach“ bezeichnet. Alles läuft wie geschmiert.

Das Gravierende an diesem Bild ist aber nicht nur die Existenz der „Garagenwirtschaft“, sondern auch ihre Kundschaft. Denn in diesen verrosteten und zerbeulten Garagen lassen längst nicht mehr nur die schlecht verdienende AutobesitzerInnen ihre Billigwagen zurechtmachen. Stattdessen stehen zunehmend wirklich teure Modelle westeuropäischer und asiatischer Hersteller vor den Toren. Ein seltsamer Kontrast ergibt sich zwischen den schartigen Blechboxen und den glänzenden Edelkarrossen.

Das bedeutet, dass nun auch den etwas besser Gestellten, die normalerweise gerne etwas für eine fachgerechte Reparatur springen lassen, das Geld ausgeht oder bereits fehlt – nicht nur für den „Original-Service“, sondern auch für die Original-Ersatzteile. Die kleine russische Mittelklasse ist auf dem Weg ins Armenhaus.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

1 Kommentar

  1. realsatire sagt:

    In unserem angrenzenden Garagenbezirk sind die meisten Garagen schon immer kommerziell genutzt worden. Hauptsächlich als Lagerort für fliegenden und andere Händler. Garagen sind an der Einfahrt bewacht und dennoch preisgünstig. Als Lager für klein Betriebe also ganz gut geeignet. in den 90ern hatte ich auch einen Garagen KFZ Meister und er machte seine Sache wirklich gut. Das diese wieder eine Renaissance haben finde ich sympatisch, da diese wirklich bemüht waren dem Kunden zufriedenzustellen. Den wirtschaftlichen Hintergrund dagegen finde ich eher bedenklich.

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