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Kommentar: Minsk bringt Moskau in die Bredouille

Von   /  13. August 2020  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Am Tag nach der Verkündigung der offensichtlich manipulierten weissrussischen Präsidentschaftswahlen trafen in Minsk wie in einem Chor die Glückwunschadressen an Alexander Lukaschenko aus den ebenfalls autoritär regierten «Bruderstaaten» ein – unter ihnen auch jene von Russlands Präsident Putin. Die ganze übrige Welt schwieg höflich oder protestierte gegen die Fälschungen und das brutale Vorgehen der weissrussischen Polizei gegen die friedlichen Demonstranten.

Eigentlich hätte auch Moskau allen Grund zum Schweigen gehabt, war es doch im Vorfeld der Wahl von Alexander Lukaschenko lauthals beschuldigt worden, sich mit Hilfe von Söldnern in die Wahl einmischen zu wollen. Diese waren vom weissrussischen Geheimdienst in einer spektakulären Aktion in einem Hotel verhaftet worden, waren aber offenbar wirklich nur in Minsk steckengeblieben, weil sie den Flug an ihren «Arbeitsort» nach Afrika oder Südamerika verpasst hatten.

Doch anstelle diplomatischer Demarchen und empörter Presserklärungen, die in so einem Fall üblich wären, gratulierte der Kreml dem kleinen, aufsässigen Bruder in Minsk zu seiner zweifelhaften Wahl, und alle verstanden den Inhalt dieser kurzen Botschaft: Halte durch! Wir stehen zu Dir – durch Dick und Dünn! Auch bei Lukaschenko hat sich schlagartig der Wind gedreht. Von den russischen Söldnern ist keine Rede mehr, längst hat er die «Anstifter» der Unruhen im Westen geortet.

Man braucht sich, wie nie zuvor, denn an beiden Enden der neosowjetischen Doppelmonarchie brennt es. Schon seit einem Monat gehen in der sibirischen Metropole wöchentlich Chabarowsk Tausende auf die Strasse, um den willkürlich verhafteten und nach Moskau verfrachteten Gouverneur Furgal zurück zu fordern. Während Minsk Massenverhaftungen und Gummiknüppel als Gegenmittel einsetzt, hat sich Moskau entschlossen, die Krise in Fernost auszusitzen – mit demselben Erfolg: Die Menschen kümmern sich einen Deut um das Versammlungsverbot und bestehen hartnäckig auf ihren Rechten und Forderungen. «Wir sind mit Dir, Belarus!» skandiert man in Chabarowsk und umgekehrt.

Wie leicht der sibirische Steppenbrand auf andere russische Regionen übergreifen könnte, weiss Putin. Wie sein Kollege in Minsk liess er sich diesen Frühling mit einer fragwürdigen Verfassungsänderung praktisch zum «Präsident auf Lebenszeit» machen. Art und Ausmass der Manipulationen an der Volksbefragung über die Reform waren nahezu identisch mit jenen an der Präsidentenwahl in Weissrussland. Ausserdem erleben beide Präsidenten momentan einen epochalen Tiefpunkt ihres Ratings in der Bevölkerung.

Diese Parallelen könnten sich als verheerend erweisen, sollte sich das weissrussische Volk nun seines «Polit-Dinosauriers» entledigen. Man sagt, Lukaschenko sei stets das insgeheime Vorbild für Putin gewesen – doch nun steckt Putins politischer Lehrmeister plötzlich in der Sackgasse. Die Sache riecht nach Kerosin – wie man hierzulande sagt.

Bilder: Wikimedia Commons

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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