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Kommentar: Golunow ist frei – und jetzt?

Von   /  14. Juni 2019  /  1 Kommentar

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Von Eugen von Arb

Die Angelegenheit war peinlich, ihr Ende überraschend: Nach knapp einer Woche kam der wegen angeblicher Drogendelikte festgenommene „Meduza“-Journalist Iwan Golunow wieder frei. Die Nachricht seiner Festsetzung, bei der er von Polizisten geschlagen wurde, verbreitete sich wie ein Lauffeuer und überdeckte alle andere Geschehnisse, wie beispielsweise das Petersburger Wirtschaftsforum, an dem Kreml-Vertreter plötzlich unangenehme Fragen beantworten mussten, statt für das tolle Investitionsklima in Russland zu werben.

Ein Grund für das starke Echo war sicher die Tatsache, dass viele JournalistInnen Golunows Festnahme als direkten Affront gegen sich auffassten. Hinzu kam aber auch die Brutalität, Dreistigkeit und offensichtliche Verlogenheit, mit der die Polizei vorgegangen war. Nach wenigen Stunden war bereits klar, dass an diesem Fall nichts stimmte und dass einmal mehr eine kritische Stimme zu Schweigen gebracht werden sollte. Den Protesten der Medienvertreter schlossen sich überraschend viele Menschen aus der Bevölkerung an, und es zeichnete sich ab, dass die geplanten Proteste zu richtigen Massenkundgebungen werden würden.

Um ihnen zuvorzukommen, gab der Kreml offensichtlich das nötige Signal, den Journalisten freizulassen. Der Anpfiff ging an die Auftraggeber der Festnahme, sowie an die offensichtlich kriminellen Kreise der Polizei, die diesen schmutzigen Auftrag ausgeführt hatten. Es gilt als sicher, dass hinter der Festnahme jene feine Herrschaften stehen, die sich in Moskau das Bestattungswesen unter den Nagel gerissen haben, um überall dort abzusahnen, wo gestorben wird. Genau über diese Machenschaften nämlich hatte Golunow geschrieben.

Zwei Polizei-Generäle mussten gehen – ein Bauernopfer, das offenbar als hinreichend betrachtet wird, um die Gemüter zu beruhigen. Natürlich wurde auch eine Untersuchung der Hergänge angekündigt, doch niemand verspricht sich ernsthafte Folgen davon. Dabei wäre gerade dieser Fall die Gelegenheit, einmal gründlich in den offenbar bestens funktionierenden Verbrechersyndikaten der Polizei aufzuräumen. Nicht nur, um völlig verspielte Vertrauen in Behörden und Justiz wieder herzustellen, sondern auch um (sehr wahlwirksam) den „eisernen Besen“ zu markieren.

Zudem müssten bei dieser Gelegenheit tausende anderer „Drogendelikte“ in ganz Russland neu untersucht werden, deren Opfer weniger populär sind als der Journalist Iwan Golunow. Menschenrechtler gehen davon aus, dass viele Unschuldige in Haft sind, weil das Unterschieben von Drogen in Polizeikreisen als sehr „beliebt“ gilt. Unvermeidbar wären dabei auch Untersuchungen gegen zahlreiche RichterInnen, die an den Verfahren beteiligt waren.

Doch offensichtlich sind die Macht- und Justizstrukturen bereits so stark von Vetternwirtschaft und mafiösen Machenschaften durchsetzt, dass niemand einen Fehltritt riskiert. Das (Unrechts-) Bewusstsein scheint vor allem in Justizkreisen völlig zu fehlen. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Der Widerwille des Volks gegenüber den Verbrechern in Uniform und ihrer Willkür wächst, und der Fall Golunow zeigt, dass sich die Menschen durch Demonstrationsverbote und drastische Strafen immer weniger einschüchtern lassen, sondern im Gegenteil immer lauter und deutlicher ihre Meinung äussern.

Bild: „Wir sind Iwan Golunow“ (Eugen von Arb, SPB-Herold

Weitere Artikel zu diesem Thema: 

SPIEF2019: Brutale Festnahme eines Journalisten überschattet Wirtschaftsforum

 

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

1 Kommentar

  1. realsatire sagt:

    Der erste „reale“ Roman vom bekannten SF Author Dmitri Gluchowski (METRO 2033) handelt von der Rueckkehr des ehem. Studenten Ilya nachdem der im Streit mit einem verdeckten Ermittler der seine Freundin belästigt hatte, von diesem dann Drogen untergeschoben und somit 9 Jahre ins Straflage befördert wurde.

    Ein Vorgang so normal, das er bereits in der Literatur als Sujet dient.

    https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%A2%D0%B5%D0%BA%D1%81%D1%82_(%D1%80%D0%BE%D0%BC%D0%B0%D0%BD)

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