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Kommentar: Die „Sotschisierung“ St. Petersburgs

Von   /  10. Dezember 2018  /  Keine Kommentare

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Eugen von Arb

Liest man die Reklame russischer Immobilienfirmen für Neubauwohnungen, so weiss man, dass daran praktisch alles gelogen ist. Das beginnt beim Preis und geht weiter bei der Baufrist – zahlreiche Häuser werden niemals fertig gebaut, oft wegen missbräuchlichem Bankrott. Die Käufer, die oft ihre ganze Existenz für die neue Wohnung aufgegeben haben, sitzen auf der Strasse. Aber seit Neuestem könnte in St. Petersburg sogar die Lage der Wohnung gelogen sein, denn aus einer Wohnung mit Blick aufs Meer kann innerhalb weniger Jahre leicht eine mit Blick auf Beton werden.

Seit vielen Jahren wird am Westende der Wassili-Insel neues Bauland aufgeschüttet. Die Hochhäuser an der „Primorskaja“ aus der Sowjetzeit, deren Bewohner einst so stolz darauf waren, nur wenige Schritte vom Strand zu leben, können heute mit viel Mühe noch einen Zipfel Wasser erspähen. Die Bucht, in der im Sommer gebadet wurde und auf der im Winter die Eisfischer auf die Jagd gingen und Langlaufsportler vorbeizogen, ist zugebaut. Dort ist nun der neue Fährterminal und ein ganzer Gürtel an neuen Wohnhäusern plaziert. Mittendrin zieht die neue Ringstrasse hindurch, welche die beiden Ufer der Newa-Mündung sowie die Inseln verbindet.

Passend zu diesem Beton-Ensembles klettern seit jüngster Zeit die Silhouetten des neuen Zenit-Stadions und des Gazprom-Turms „Lachta-Zentr“ in den Himmel. Innert weniger Jahre haben Business und Sport der Stadt eine Glas-Beton-Maske aufgesetzt, deren Anblick völlig fern von dem ist, was den Touristen im Stadtinnern gezeigt, bzw. vorgegaukelt wird. St. Petersburg wurde „sotschisiert“. So wie die einstige „Unschuld“ an der Schwarzmeerküste zur Olympiade architektonisch „vergewaltigt“ wurde, katapultierte man Petersburg zur Fussball-WM ins 21. Jahrhundert.

Wer heute aus der neuen Metro-Station neben dem Zenit-Stadion herausguckt, könnte direkt meinen, dahinter stecke weitsichtige städtebauliche Planung, denn trotz seiner Ungeheuerlichkeit erweckt die Betonwüste am nördlichen Stadtrand den Eindruck eines „Ensembles“. Tatsächlich aber ist es der reinste Wildwuchs. Wie gut doch brutale Architektur zusammenpasst! Das Stadion wurde ein ganzes Jahrzehnt lang gebaut, begleitet von hässlichen politischen, finanziellen Skandalen.

Parallell dazu wurde der Gazprom-Turm – im Volksmund „Maiskolben“ genannt – mal dort, mal dort „angesät“. Längst sind die Proteste tausender Bewohner und der Unesco vergessen, die dem mächtigen Energiekonzern und der Stadtregierung klar machten, dass man den 400 Meter hohen Turm nicht im Stadtzentrum (gegenüber des Smolnys) tolerieren würde. Zwar verlegte man den Bau schliesslich an den nördlichen Stadtrand, doch setzte man noch 60 Meter drauf, so dass die Spitze doch noch bis ins Stadtzentrum sichtbar ist.

Obschon die Investitionswut der Baulöwen durch die Wirtschaftskrise etwas gedämpft ist, sind bereits Pläne für neu aufgeschüttetes Territorium in der Bucht vorhanden. Pessimistisch gesehen, könnte so bis in zwanzig Jahren die Wasserfläche bis auf die Höhe des Damms vor Kronstadt trockengelegt und überbaut sein. Wie viele Generationen von Wohnungskäufern bis dahin noch von mit der „Aussicht aufs Meer“ zum Narren gehalten werden, steht in den Sternen geschrieben, die sie niemals zu Gesicht bekommen werden.

Bild: Wo man 2005 noch auf dem gefrorenen Haff skilaufen konnte, stehen heute Wolkenkratzer.

(Archiv/Eugen von Arb/ SPB-Herold)

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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