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Kommentar: Die Russen verlassen die Küche

Von   /  4. August 2020  /  1 Kommentar

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Von Eugen von Arb

Mit den Protesten in Sibirien nimmt die russische Bevölkerung nicht nur ihre Macht, sondern auch ihre politische Verantwortung wahr.

Die russischen «Küchengespräche», bei denen in mehr oder weniger alkoholisiertem Zustand sämtliche politischen Probleme der Welt ausser jene im eigenen Land gelöst werden, gehören zum Nachlass der Sowjetzeit. Angesichts der momentanen politischen Entwicklung erhalten sie jedoch eine beängstigende Aktualität – wieder bekommt man Angst seine Meinung offen zu sagen und bespitzelt zu werden.

Früher faszinierten mich diese endlosen konspirativen Diskussionsrunden, aber in letzter Zeit haben sie mich nur noch frustriert. Mehr und mehr erschienen sie mir als Spiegelbild einer Gesellschaft, die von einer fast angeborenen Resignation gegenüber der allmächtigen Obrigkeit in einer ständigen Duck-Dich-Haltung niedergehalten wird. Zu dieser Lähmung kommt die Angst, selbst politische Verantwortung zu übernehmen und der Reflex, die Schuld für sämtliche Missstände automatisch der Kremlführung zuzuschieben.

Oft versuchte ich, die Diskussion mit dem Argument in ein andere Richtung zu lenken, die Geschichte könne sich nicht stets wiederholen, und nicht alle Reformversuche in Russland müssten zwangsläufig in einer Katastrophe enden. Ich wünschte mir inbrünstig, die Russen hätten einmal ein Quentchen Glück in ihrer Geschichte und das historische Schicksal sollte ihnen ein Wunder bescheren. Dahinter steckte natürlich auch ein gewisser Zweckoptimismus, beziehungsweise die eigene Angst mein Entscheid vor 16 Jahren, in diesem Land Fuss zu fassen, könnte sich als fataler Fehler erweisen.

Und nun ist tatsächlich ein kleines Wunder passiert – völlig unerwartet und weit entfernt vom Moskauer Machtzentrum. Auf einmal kommen die wichtigsten Schlagzeilen gewissermassen vom anderen Ende der Welt an der chinesischen Grenze, aus der 9000 Kilometer entfernten Provinzhauptstadt Chabarowsk. Seit drei Wochen protestieren dort zehntausende Menschen friedlich für die Rückkehr ihres 2018 gewählten Gouverneurs Sergei Furgal. Dieser war anfangs Juli vor seinem Haus verhaftet und nach Moskau verfrachtet worden, wo ihn der Präsident am 20. Juli seines Amtes enthob. Aufgebracht hatte die Bevölkerung einerseits die «Entführung» Furgals nach Moskau und andererseits die fadenscheinige Anklage für angebliche Verbrechen, die 15 Jahre zurückliegen.

Man vermutet, sein tatsächliches «Verbrechen» bestünde in seinem ausgezeichneten Rating als Gouverneur, dass deutlich höher liegt als jenes von Wladimir Putin und seiner Partei «Einiges Russland», die momentan ein historisches Tief erleben. Furgal war 2018 in erstaunlich sauberen Wahlen anstelle des Kreml-Protégés gewählt worden. Danach tat er sich durch entschlossene Massnahmen gegen Korruption und Selbstbereicherung im Regierungsapparat und gegen die illegale Abholzung und den Verkauf des sibirischen Waldes hervor. Damit berührte er einen wunden Punkt, nämlich das Verhältnis der rohstoffreichen, jedoch mausarmen Fernostregionen Sibiriens, die sich vom reichen Moskau ausgebeutet und gegängelt fühlen.

Furgal gilt nicht als astreiner Politiker, und seine Partei, die liberaldemokratische LDPR und ihr Chef, der wankelmütige Politclows Wladimir Schirinowski, gelten als Marionetten des Kremls. Dennoch wirken die offiziellen Anklagepunkte gegen Furgal als völlig an den Haaren herbeigezogen, und sorgen zurecht für Empörung in der lokalen Bevölkerung. Diese fordert beharrlich die Rückkehr ihres Gouverneurs und ein sauberes Gerichtsverfahren. Sie tut es zivilisiert und ohne Gewalt. Für einmal sind die Menschen nicht gegen etwas, sondern für etwas, und ihr Einstehen für Furgal steht für die Bereitschaft aktiv und demokratisch am politischen Geschehen teilzuhaben und Verantwortung zu übernehmen.

Moskau reagierte bisher wie gelähmt auf diesen gewaltigen Ausbruch zivilen Ungehorsams, gegen den auch drakonische Demonstrationsverbote und hohe Strafen völlig wirkungslos zu sein scheinen. Putin wusste bisher keine bessere Antwort, als anstelle Furgals einen loyalen, aber gesichtslosen Statthalter ohne jeglichen Bezug zur Region einzusetzen, den die Chabarowsker bereits mit Hohn und frostiger Ablehnung empfangen haben. Auch das übliche Totschweigen der Proteste in den kremlnahen Medien ist wirkungslos – das mutige Chabarowsk ist in aller Munde. Dieser steht noch jetzt all jenen weit offen, die früher die Provinzbevölkerung pauschal als politisch unmündige «Schafherde» und Putin-Wähler abgetan hatten.

Was weiter geschieht, ist ungewiss. Wird der Kreml die Krise aussitzen oder die Demonstrationen mit eingeflogener Sonderpolizei auflösen? Klar ist nur, dass die dickköpfigen Sibirier entschlossen sind, ihren politischen Willen durchzusetzen – ein Wille, der ihnen stets abgesprochen wurde, und der sie nun aus der Küche auf die Strasse getrieben hat.

Bildmontage: Eugen von Arb/ SPB-Herold/Archiv

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

1 Kommentar

  1. realsatire sagt:

    In meiner Familie in Deutschland gabs viele solche Kuechengespraeche. Meine Frau und Tochter hier rollen nur mit den Augen wenn ich politisieren will. :)

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