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Kommentar: Die Angst vor dem eigenen Mut verloren

Von   /  26. Januar 2021  /  1 Kommentar

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Von Eugen von Arb

Die Proteste vom vergangenen Wochenende mit hunderttausenden TeilnehmerInnen in ganz Russland sind in mehrfacher Hinsicht ein neuer Meilenstein im Kampf zwischen Opposition und Regierung und wahrscheinlich auch in der Geschichte Russlands. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten gingen die Menschen massenweise trotz Verboten und Drohungen durch die Obrigkeit auf die Strasse und nahmen ihr von der Verfassung garantiertes Recht der Rede- und Versammlungsfreiheit wahr. Damit scheinen sie eindeutig die Angst vor dem eigenen Mut verloren zu haben.

Vorbild dafür waren die Massenproteste in Weissrussland und im sibirischen Chabarowsk im vergangenen Jahr, bei denen sich auch die Ohnmacht der Regierung gegenüber dem geschlossenen Volkswillen offenbarte. Aber auch die Regierung hat dieser Entwicklung Vorschub geleistet, indem sie vor einiger Zeit begann, grundsätzlich alle Demonstrationen zu verbieten und jene Standorte, auf denen Demos zuvor in beschränktem Mass möglich waren, ersatzlos zu streichen. Damit waren der Opposition jede „legale“ Möglichkeit zur Äusserung ihres Protests genommen.

«Epochal» ist auch die Ge-schlossenheit der Opposition, deren Teilkräfte während Jahr-zehnten zerstritten waren und von Putins Kräften mit Erfolg gegen einander ausgespielt wurden. Geeinigt wurden sie durch Alexei Nawalny, der sich als integerer Oppositionsführer erwiesen hat, weil er nicht nur für sich selbst und seine Bewegung kämpft, sondern für ein Russland der Vielfalt. Mit seiner Strategie «Kluges Wählen», mit der das Machtmonopol der Kremlpartei «Einiges Russland» gebrochen werden soll, beweist er, dass er eine demokratische Pluralität der Parteien und Meinungen will.Ausserdem konzentriert sich sein Engagement gegen die Korruption als Wurzel (fast) allen Übels in Russland, womit sich die meisten RussInnen identifizieren können.

Nawalny, der früher nur von einer Minderheit in Russland wahrgenommen wurde, ist nach seiner Vergiftung als international anerkannter Oppositionsführer und Rivale Putins nach Russland zurückgekehrt. Neben dem Attentat, hat das kürzlich veröffentlichte Enthüllungsvideo über Putins «Zarenpalast» am Schwarzen Meer die ohnehin angegriffene Glaubwürdigkeit des Herrschers weiter zerrüttet. Wie die Zuschauerzahlen des «Blockbuster-Videos» mit 100 Millionen Besuchern beweisen, erreicht Nawalny mit seinem «Fonds gegen Korruption» mittlerweile einen Grossteil der Bevölkerung.

Diese Entwicklung lässt zugleich hoffen und zittern, denn alle fürchten eine gewaltsame Eskalation. Gleichzeitig scheint eine solche immer unausweichlicher. Der Staat zeigt weiterhin keinerlei Dialogbereitschaft, aber auch die Bevölkerung ist nicht mehr bereit, das masslose Treiben Putins und seiner Entourage weiter hinzunehmen. Darum wird es kaum ohne harte Zusammenstösse abgehen. Russland steht ein heisses Jahr bevor.

 

Bild: Evolution statt Revolution in Putins Russland – das scheint immer unwahrscheinlicher (Foto: Eugen von Arb/ SPB-Herold)

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

1 Kommentar

  1. namshubs sagt:

    Ich denke es wird sich nichts ändern. Außer das für alle die Schrauben noch härter angezogen werden. Noch mehr Gesetze die alles was bisher normal war verbieten.
    Der „Instinkt des Systems“ ist ja noch da und funktioniert. Dennoch hoffe ich auf Evolution und nicht auf Gewalt.

    Ich musste dieser Tage oft an das Zitat Berthold Brechts denken.
    Da es kurz ist – hier das ganze Gedicht.
    (Beim Zitieren im privaten Umfeld auf Russisch blieben doch einige Lacher im Hals stecken.)

    DIE LÖSUNG

    Nach dem Aufstand des 17. Juni
    Ließ der Sekretär des Schriftstellerverbands
    In der Stalinallee Flugblätter verteilen
    Auf denen zu lesen war, daß das Volk
    Das Vertrauen der Regierung verscherzt habe
    Und es nur durch verdoppelte Arbeit
    zurückerobern könne. Wäre es da
    Nicht doch einfacher, die Regierung
    Löste das Volk auf und
    Wählte ein anderes?

    ….

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