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Kaliningrad: Haus der Räte steht kurz vor dem Abriss

Von   /  23. Januar 2021  /  Keine Kommentare

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eva.- Das Haus der Räte, im Volksmund auch «Roboterkopf» genannt, sollte einst ein neues Kaliningrader Stadtzentrum bilden und wurde fast fertig, bis die Arbeiten in den Jahren der „Perestroika“ plötzlich eingestellt wurden. Nach Jahrzehnten Stillstand, hat nun eine Expertengruppe den Bau inspiziert und ist zum Schluss gekommen, dass das Gebäude stark einsturzgefährdet ist und ein Neubau billiger ist als eine aufwändige Sanierung.

Die Geschichte des 21-stöckigen Baus begann 1967 nachdem die Ruine des alten Königsberger Schlosses auf Befehl des Kremls gesprengt worden war. Unweit des früheren Burggrabens sollte ein modernes Gebäude für die Verwaltung des Kaliningrader Gebiets nach den Plänen des Architekten Julian Schwarzbreim entstehen. Gemäss Wikipedia soll dabei das berühmte Gebäude des brasilianischen Nationalkongresses von Oscar Niemeyer Pate gestanden haben.

Mit den Bauarbeiten begann man 1970, doch stand das Projekt von Anfang an unter keinen guten Stern. Schon bald ergaben sich statische Probleme wegen des ungünstigen Baugrunds, weshalb das Haus von 28 auf 21 Etagen verkleinert werden musste. Noch heute munkelt man davon, dies sei die Rache der Preussen für die Besetzung und Zerstörung der einstigen ostpreussischen Hauptstadt Königsberg.

Kein Umnutzungsprojekt wurde realisiert

Mitte der Achtzigerjahre, gleichzeitig mit dem politischen Umschwung in der Sowjetunion, kamen Probleme finanzieller Art hinzu, und die Arbeiten wurden auf Weiteres eingestellt, obwohl das Projekt offiziell schon zu 95 Prozent fertiggestellt war. Ab diesem Zeitpunkt wurde das «Haus der Räte» dem Zerfall preisgegeben, ein Umnutzungsprojekt folgte dem anderen, doch keines wurde je realisiert.

Auch der Beizug von Investoren scheiterte, nachdem sich die Stadtregierung mit einem von ihnen zerstritten hatte. Ebenso schief ging der Versuch, das Gebäude zum Stadtjubiläum bis 2005 wenigstens mit Fenstern zu versehen. Einzig das Geschäft mit illegalen Führungen blühte. Ausserdem wurde der Palast verschiedentlich als Filmkulisse verwendet.

Tiefe Risse und Korrision in der tragenden Konstruktion

Im vergangenen Dezember nahm eine Experten das Haus unter die Lupe und kam zu einem eindeutigen Ergebnis: Das Haus der Räte ist akkut einsturzgefährdet. Dass bisher nichts passiert ist, liegt einzig daran, dass das Gebäude bis heute leer steht und die Böden und Pfeiler nicht zusätzlich belastet wurden.

Durch die tragenden Pfeiler gehen tiefe Risse, was unter anderem daran liegt, dass schlechtes Baumaterial verwendet wurde. Auch die Metallkonstruktionen und Armierungen sind teilweise stark verrostet – eigentlich kein Wunder, nach das Haus über 30 Jahre lang Wind und Wetter ausgesetzt war.

Pläne unauffindbar

Von einer Renovation raten die Experten eindeutig ab – erstens, weil sie teuerer als ein Abriss und ein Neubau wäre. Zweitens, weil sie sehr viel Zeit in Anspruch nehmen würde – pro Stockwerk etwa zwei Jahre. Erschwerend kommt hinzu, dass laut der Nachrichtenseite Klops.ru die gesamte Dokumentation des Bauprojekts verschwunden ist. Trotz langer Suche in Archiven und bei den Verantwortlichen von früher, blieben die Pläne unauffindbar.

Der Abriss könnte bereits dieses Jahr stattfinden, falls die Kaliningrader Gebietsregierung eine geeignete Firma dafür findet. Der Gouverneur Anton Alichanow hat den Abriss für Februar oder März 2021 angekündigt. Bis dahin bleibt die gefährliche Ruine für jeglichen Besuch gesperrt. Auch mit den Führungen durch einheimische Roofer ist es aus. Das Gebäude wird nun bewacht und ist mit einer Alarmanlage und Bewegungsmeldern versehen.

Wieviele KaliningraderInnen dem Bau nachtrauern werden, ist unbekannt. Man würde der einst so prächtigen Stadt an der Pregel, deren tiefe Kriegsnarben immer noch sichtbar sind, wünschen, dass sie wieder ein schönes Stadtzentrum und damit eine Seele bekommt.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

www.klops.ru

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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