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Ausstellung: Die «Kronstädter Tragödie» durch das Fotoauge gesehen

Von   /  26. März 2021  /  Keine Kommentare

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eva.- Das Petersburger Museum für politische Geschichte zeigt eine Fotoausstellung, die den Kronstädter Matrosenaufstand vor 100 Jahren dokumentiert. Ein Teil der Aufnahmen, die von den Fotografen Alexander und Viktor Bulla gemacht wurden, sind zum ersten Mal öffentlich zu sehen. Ein Teil der Fotografien ist gestellt, ein anderer schildert mit ganzer dokumentarischer Härte die «Kronstädter Tragödie» in der die junge Sowjetunion ihre eigenen Ideale verriet und jegliche Tendenzen politischer Opposition mit diktatorischer Brutalität erstickt wurden.

Als 1920 im Gebiet der zentralrussischen Stadt Tambow eine Hungerrevolte der Bauern im ausbrach und im Januar 1921 die Brotrationen wieder um ein Drittel gekürzt wurden, kam es in vielen grossen Städten Russlands zu Streiks und Protesten, denen sich auch ein Grossteil der Kronstädter Garnison anschloss. Auf dem besetzten Schlachtschiff «Petropawlowsk» verabschiedeten sie am 1. März eine Resolution an die Regierung in Petrograd. Darin forderten sie die Abhaltung freier und geheimer Wahlen mit freiem Zugang alternativer linker Parteien, die Einhaltung der Grundrechte wie Presse, Meinungs- und Versammlungsfreiheit, die Freilassung der politischen Gefangenen, das Ende der Konfiskationen von Lebensmitteln, sowie mehr Freiheit für die Bauern.

Nachdem Verhandlungen gescheitert waren, wurden die Aufständischen in einem Ultimatum zur Kapitulation aufgefordert. Sie antworteten mit Losungen wie „Alle Macht den Sowjets – Keine Macht der Partei“, „Die dritte Revolution der Arbeiter“ oder „Gegen die Konterrevolution von rechts und von links“ und beschlossen, sich militärisch zu verteidigen. Verteidigungskommissar Leo Trotzki erklärte den Rebellen, sie würden „abgeschossen wie die Hasen“, wenn sie nicht sofort kapitulierten und gab General Tuchatschewski den Befehl, die Seefestung zu stürmen.

Katastrophale Verluste beim Sturm über das Eis

Da die Regierung das Schmelzen des Eises in der Bucht befürchtete, unternahm sie den ersten Angriff am 8. März überstürzt. Die knapp 18.000 Rotarmisten stürmten von drei Seiten – von Sestrorezk, Peterhof und Oranienbaum deckungslos über das Eis auf die gut ausgerüstete Festung zu. Unterstützt durch die Festungsartillerie, sowie die zwölf Geschütze zweier Schlachtschiffe schlugen die Aufständischen den Angriff zurück, wobei rund 80 Prozent der Angreifer umkamen. Eine Meuterei unter den Regierungstruppen, wurde mit Massenerschiessungen unterdrückt.

Der zweite Angriff am 16./17. März wurde besser vorbereitet. Ausserdem war die Kronstädter Besatzung mittlerweile wegen durch den Mangel an Munition und Lebensmitteln geschwächt. Nach starkem Vorbereitungsfeuer mit Artillerie und Bomben sowie mit einer dreifachen Überlegenheit von rund 50.000 Mann, die mit weissen Tarnanzügen ausgerüstet waren, überrannten die Rotarmisten die Kronstädter Verteidigungslinien und nahmen Fort Fort für Fort ein. Hunderte Gefangene, darunter Soldaten und Einwohner von Kronstadt wurden erschossen oder kamen in die berüchtigten Lager von Solowezki. Rund 8000 Rebellen gelang die Flucht über das gefrorene Meer nach Finnland. Später wurde ein Teil von ihnen durch falsche Amnestie-Versprechungen wieder zurückgelockt und in Lager gesteckt. Auf Seiten der Roten Armee wird von bis zu 10.000 Toten gesprochen.

Sowjetregierung wird zur Lockerung der Wirtschaftspolitik gezwungen

Einerseits führten die Unruhen zu einem strikten Verbot von Fraktionen innerhalb der Bolschewistischen Partei, mit dem sich Lenin gegen jede Opposition absicherte. Andererseits wurde die restriktive Wirtschaftspolitik mit der sogenannten «Neuen Ökonomischen Politik» (NEP) von 1921 bis 1927 gelockert. Für eine ganze Reihe Politiker und Militärs bedeutete das Engagement gegen die Kronstädter Rebellen ein steiler Karrieresprung: Michail Tuchatschewski wurde zu einem der fünf sowjetischen Marschälle, Kliment Woroschilow wurde Verteidiungsminister, Pawel Rotmistrow wurde Befehlshaber der Panzertruppen und Jan Bersin wurde Leiter des militärischen Geheimdienstes GRU.

Dass dem Kronstädter Matrosenaufstand weder ein Gedenktag noch ein pompöses Denkmal gewidmet wurde, ist kein Zufall – symbolisierte er doch den politischen Bankrott der Sowjetunion bereits in ihren Anfangsjahren. Die Streiks, die die Bolschewiki 1917 noch als legitimes politisches Kampfmittel genutzt hatten, wurden nun als «konterrevolutionär» klassifiziert und mit grösster Härte bekämpft. Die Matrosen der Baltischen Flotte, die während der Oktoberrevolution zur militärischen Speerspitze der Bolschwewiki gehört hatten, waren auf einen Schlag zu Verrätern gebrandmarkt.

Fotografen geraten mit ihren Bildern „ins Dunkel der Geschichte“

Die Fotografien zeigen nicht unbedingt viele neue Aspekte und sind zu einem grossen Teil gestellt, bzw. arrangiert. Durch die Ausstellung kommen sie jedoch zum ersten Mal wieder mit dem Namen ihrer Autoren Viktor und Alexandr Bulla «ans Licht». Die beiden Söhne des wichtigen deutschstämmigen Hoffotografen Karl Bulla, der 1918 emigrierte, dokumentierten nicht nur die Vorgänge der Revolution, sondern erfüllten danach Aufträge für die Sowjetregierung.

Trotz ihrer Loyalität gerieten auch sie in den Dreissigerjahren in die Mühlen der stalinistischen Repression. Während Viktor Bulla 1938 erschossen wurde, kam Alexander wieder aus der Lagerhaft frei, starb jedoch zwischen 1942 und 1944 ebenfalls an den gesundheitlichen Folgen. Ihre Bilder wurden während der folgenden Jahrzehnte ohne Autoren gezeigt und gerieten „ins Dunkel der Geschichte».

Bis 26. April. Museum für Politische Geschichte, Uliza Kujbischewa 2-4. Eintritt 300 Rubel. www.polithistory.ru

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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