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Daniel Rehmann: „wachsendes Interesse asiatischer Staaten am russischen Markt“

Von   /  28. Januar 2021  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Auch die russische Wirtschaft wurde von der Pandemie stark betroffen, während der zweiten Covid-Welle hat die Regierung jedoch keine einschneidenden Einschränkungen mehr angeordnet. Dank dem Einsatz der Impfung wird mit einer langsamen Erholung und eine Rückkehr auf das Niveau vor Pandemie in den kommenden zwei Jahren gerechnet. Anstelle europäischer Investoren interessieren sich zunehmend asiatische Unternehmen für den russischen Markt, erklärt Daniel Rehmann im Interview.

SPB-Herold: Nach dem ersten «Katastrophenjahr» sind die Aussichten für das neue Wirtschaftsjahr in Russland wohl eher düster?

Daniel Rehmann: Eigentlich ist die russische Wirtschaft in einer gar nicht so schlechten Verfassung. Das Bruttosozialprodukt ging 2020 um etwa drei bis vier Prozent zurück – das ist weniger als in den meisten westeuropäischen Staaten. Makroökonomisch ist die Situation in Russland immer noch relativ gut, die Verschuldung ist niedrig. Der Staat verfügt über Reserven, wenn er diese auch nicht zur Unterstützung der Bevölkerung, sondern zur Abfederung geopolitischer Risiken, wie etwa die Sanktionen der USA benutzt. Die Industrieproduktion, die im vergangenen Frühling stark zurückgefahren wurde, ist immer noch im Minus aber erholt sich allmählich.

SPB-Herold: Wie sind die Prognosen für die Zukunft?

Daniel Rehmann: Gegen Mitte resp. Ende 2021 wird dank Corona-Impfstoff ein Ende der Pandemie sowie eine wirtschaftliche Erholung erwartet. Für 2021 wird mit einem Wirtschaftswachstum von 2 bis zu 3% gerechnet. Abhängig ist dies auch von der Impfstrategie und Normalisierung der internationalen Lage mit der Corona Pandemie. Man rechnet damit dass die russische Wirtschaft 2022/23 wieder das Niveau der Zeit vor der Pandemie erreichen wird. Es gibt natürlich Unterschiede, da gewisse Bereiche mehr von der Krise betroffen wurden als andere. Vor allem KMUs im Bereich der Gastronomie, Tourismus und im Retailbusiness leiden unter der Krise. Doch diese machen einen viel kleineren Anteil der Wirtschaft aus als in Westeuropa, weshalb der Wirtschaftsabschwung nicht so dramatisch ausfiel wie anderswo.

SPB-Herold: Weshalb hat Russland viel weniger harsch auf die zweite Covid-Welle reagiert als der Westen?

Daniel Rehmann: Russland hat beschlossen, während der zweiten Covid-Welle keinen ‚schweren‘ Lockdown wie im Frühjahr 2020 mehr zu verordnen, sondern lediglich Einschränkungen. Darum wird erwartet, dass die Einbussen der Wirtschaft viel geringer werden.  er russische Staat Staat wird 2021 versuchen, die Wirtschaft mit Hilfe der nationalen Projekte voranzutreiben, anstatt Geld an die von der Pandemie direkt Betroffenen zu verteilen. Damit verfolgt er denselben Kurs wie bis anhin. Der Ölpreis hat sich stabilisiert und ist in den letzten Monaten wieder auf ein Preislevel gestiegen, mit dem der Staatshaushalt leben kann.

SPB-Herold: Die Gewinner dieser Krise sind dieselben geblieben wie im letzten Jahr?

Daniel Rehmann: Ja, die grossen Gewinner dieser Krise sind die IT-Unternehmen wie etwa Ozon oder Yandex. In diesem Bereich wurde sichtbar, welche Möglichkeiten es nach wie vor für in- und ausländische Investoren gibt. Ozon ging erfolgreich an die Börse, und die Sberbank positioniert sich neu als High-Tech-Unternehmen, was als positive Entwicklung gewertet werden kann.

SPB-Herold: Dem gegenüber steht jedoch eine zunehmende Verstaatlichung des IT-Bereichs?

Daniel Rehmann: Sicher sind auch vermehrt staatliche oder staatsnahe Unternehmen in diesem Bereich involviert. Es ist aber der Bereich der zur Zeit viele Innovationen entwickelt. Daher wird die IT-Branche auch vom Staat mit Steuererleichterungen unterstützt.

SPB-Herold: Gibt es noch andere Bereiche mit guten Nachrichten?

Daniel Rehmann: Positiv entwickelt sich auch die Landwirtschaft. So kann Russland einige wichtige Produkte, wie Weizen und Sonnenblumenöl in grossem Umfang exportieren. Für Russland ist es weiterhin wichtig, die einseitige Abhängigkeit von Rohstoff-Exporten zu verringern und seine Wirtschaft zu diversifizieren, um auch unabhängiger von Importen zu sein.

SPB-Herold: Kritiker meinen jedoch, dass die Politik der Importsubstitution versagt hat und man lediglich auf Importe aus anderen Ländern ausgewichen ist, statt mehr selbst zu produzieren. Was meinen Sie dazu?

Daniel Rehmann: In einzelnen Bereichen hat die Importsubstitution funktioniert, in anderen nicht. Zum Beispiel wurde ein Grossteil des importierten Fisches aus Norwegen durch Importe aus Chile ersetzt. Auch Weissrussland und andere Länder ausserhalb von Europa hat Teile des Exports von Milchprodukte und Käse übernommen, der in Russland offenbar immer noch nicht in ausreichender Qualität produziert werden kann. Diese Importe sind oft mit höheren Preisen verbunden, die letztlich die russischen Konsumenten bezahlen, deren reales Einkommen durch den schwachen Rubelkurs und die Inflation kleiner geworden ist.

SPB-Herold: Viele haben wegen der Krise gar kein Einkommen mehr.

Daniel Rehmann: Die Arbeitslosigkeit ist gestiegen, wobei schwierig einzuschätzen ist, inwiefern die offiziellen Zahlen stimmen, weil der Schwarzarbeitsmarkt nicht unterschätzt werden darf. In gewissen Bereichen ist die Situation aber gerade umgekehrt. Die Zustellungsdienste haben beispielsweise tausende neuer Stellen in der Logistik geschaffen. Ein weiteres Beispiel ist die Bauwirtschaft, die durch staatliche Hypothekenprogramme stimuliert wird. Dort stellt man einen Mangel an Arbeitskräften fest, weil die Migranten aus Zentralasien wegen der geschlossenen Grenzen nicht einreisen dürfen.

SPB-Herold: Nimmt die Schwarzarbeit wieder zu?

Daniel Rehmann: Es gibt zwei Entwicklungen: Einerseits hat die Digitalisierung dazu geführt, dass in vielen Bereichen illegale Anstellungsmethoden eingeschränkt wurden. Statt wie früher im Briefumschlag, werden heute die meisten Löhne elektronisch auf ein Bankkonto überwiesen. Andererseits drängt die Krise einen Teil der Unternehmen wieder in den inoffiziellen Bereich.

SPB-Herold: Wie steht es um die ausländischen Firmen in Russland?

Daniel Rehmann: Das Problem ist natürlich, dass die Grenzen zwischen dem Schengenraum und Russland immer noch praktisch geschlossen sind, was den Geschäftsaustausch beeinträchtigt. Eine Ausnahme bilden die Schweiz und England. Einige Unternehmen ziehen sich wegen der Pandemie aus Russland zurück – das beweist unter anderem auch die sinkende Mitgliederzahl der AHK. Sicher bietet die Krise auch die Möglichkeit für Investitionen oder für den günstigen Kauf einer Firma, doch diese wird momentan vor allem von einzelnen Unternehmen genutzt, die schon länger im russischen Markt sind und sich neu positionieren.

SPB-Herold: Gibt es Investoren aus anderen Ländern, die in die Bresche springen?

Daniel Rehmann: Ein neuer Trend ist das wachsende Interesse asiatischer Staaten am russischen Markt. Dabei kommen die Investoren nicht nur aus China, sondern auch aus anderen Ländern, wie Taiwan, Thailand, Japan, Südkorea und Singapur.

SPB-Herold: Wie entwickeln sich die Handelsbeziehungen zwischen der Schweiz, der EU und Russland?

Daniel Rehmann: Die schweizerisch-russischen Wirtschaftsbeziehungen sind auch wegen der neutralen politischen Haltung weiterhin stabil. Die Exporte von landwirtschaftlichen Produkten und Lebensmitteln nach Russland weiterhin steigend. Die Handelsbeziehungen mit der EU sind auch weitgehend gleichbleibend, wobei vieles vom weiteren Verlauf des North-Stream2-Projekts abhängt.

SPB-Herold: Wie sieht die aktuelle Situation politisch aus – der Fall Nawalny – Präsidentenwechsel in den USA – Weissrussland?

Daniel Rehmann: Die ausländischen Investoren gehen weiterhin von einer stabilen politischen Lage in Russland aus. Andererseits können nach wie vor die amerikanischen Sanktionen einen Einfluss auf internationale Projekte wie zum Beispiel den Bau der North-Stream2-Pipeline haben. Da die neue US-Präsidentenadministration wieder stärker die Menschenrechtslage in Russland in den Mittelpunkt stellen wird, ist durchaus mit weiteren Strafsanktionen für die russische Wirtschaft zu rechnen. Weissrussland ist ein offener Punkt. Ich hoffe, dass es dort eine friedliche Lösung gibt, die für beide Seiten akzeptabel ist – einen Status quo für die Wirtschaft mit einem längerfristigen politischen Führungswechsel. Andernfalls könnte die politische Lage weitere Sanktionen des Westens zur Folge haben, die das Wirtschaftsleben beeinträchtigen.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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