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Daniel Rehmann: „Der internationale Tourismus ist praktisch am Boden“

Von   /  5. Oktober 2020  /  1 Kommentar

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Von Eugen von Arb

Die Perspektiven der russischen Wirtschaft nach dem Lockdown sind ernüchternd. Während der Staat in erster Linie die Grossen stützte, hatten die Kleinen und Mittleren nichts zu lachen. Über die relative Stabilität der russischen Wirtschaft, die Verlierer und Gewinner der letzten Monate im Interview mit Daniel Rehmann.

SPB-Herold: Wie hat Russlands Wirtschaft den Lockdown überstanden?

Daniel Rehmann: Trotz vieler Probleme kam es zu keinem Absturz, und es kam zu einer Stabilisierung. Das hat mehrere Gründe. Die Wirtschaft besteht zu 60 bis 70 Prozent aus staatlichen und staatsnahen Unternehmen, während kleine und mittlere Unternehmen nur rund zehn Prozent ausmachen. Aus diesem Grund erhielten vor allem erstere Unterstützungszahlen, während die KMUs schauen mussten wo sie blieben. Ein weiterer Grund für die relative Stabilität trotz Lockdown ist der Ölpreis, der sich nach einem Absturz wieder erholt hat und wieder leicht über 40 Dollar (Brent) liegt, was dem russischen Budget zugute kommt.

SPB-Herold: Wo liegen dann die Probleme?

Daniel Rehmann: In erster Linie haben die geschlossenen Grenzen für Probleme gesorgt. Während fünf Monaten wurden zahlreiche internationale Projekte gestoppt, und der internationale Tourismus ist praktisch am Boden. Dafür muss so bald wie möglich eine Lösung gefunden werden. Ausserdem hat die Bevölkerung trotz staatlicher Unterstützungszahlungen nur knappe Mittel für den Konsum. Die Arbeitslosenzahlen sind angestiegen, um wieviel, ist schwer zu sagen, weil unklar ist, wieviel von der Statistik erfasst wird. Dies betrifft die gesamte GUS, da viele Gastarbeiter ohne Arbeit sind. Zudem ist die Industrieproduktion in Russland im Vergleich zu 2019 um ca. 10% gesunken.

SPB-Herold: Gibt es auch Hoffnung?

Daniel Rehmann: Man hofft nun auf den neuen russischen Impfstoff, damit eine zweite Welle und ein neuer Lockdown vermieden und die Grenzen bald weiter geöffnet werden können. Mit einigen Ländern wie der Schweiz oder Grossbritannien gibt es ja bereits wieder Flugverbindungen, und man rechnet damit, dass im Oktober weitere internationale Flüge hinzu kommen. Gewisse Wirtschaftsbereiche hoffen auf einen Aufholeffekt in den letzten Monaten dieses Jahres. Dazu gehören in erster Linie die Industrie, der Tourismus und die Gastronomie. Der Staat versucht, mit einer Cash-Back-Aktion den Inland-Tourismus zu unterstützen.

SPB-Herold: Kann es in einer solchen Situation Gewinner geben?

Daniel Rehmann: Ja, die Onlineshops, die Zustelldienste und Internetbezahlsysteme, zusammengefasst die Internetdienste im allgemeinen haben im Lockdown ein starkes Wachstum erlebt. Zudem ist die Landwirtschaft weiterhin gut unterwegs.

SPB-Herold: Bald sind in den USA Präsidentenwahlen – welcher Präsident wäre für Russland der bessere?

Daniel Rehmann: Das ist wie Kaffeesatzlesen. Unter beiden Kandidaten sind härtere Sanktionen gegen Russland möglich.

SPB-Herold: Was macht der Rubel?

Daniel Rehmann: Der Rubelkurs ist wieder schwach gegenüber Dollar und Euro. Im Moment schwächen auch die geopolitischen Risiken (Nawalny, Weissrussland, North Stream 2, mögliche weitere Sanktionen durch USA & EU) die russische Währung sowie die zweite Welle Corona Virus, welche die Erholung der Weltwirtschaft weiter in die Zukunft im 2021 verschieben. Andererseits macht ein schwacher Rubel Russland für den Export mehr konkurrenzfähig.

SPB-Herold: Welche wirtschaftlichen Folgen hat die Krise nach der Wahl in Weissrussland?

Daniel Rehmann: Im Wirtschaftssystem von Lukaschenko wurde die Industrie auf den russischen Markt orientiert und ist darum stark von Russland abhängig. Mit Ausnahme der IT-Firmen ist die weissrussische Wirtschaft international nicht konkurrenzfähig, und darum würde ein Systemwechsel zu einer Krise führen. Andererseits würde eine Öffnung neue Investoren ins Land bringen. Zur Zeit glaube ich nicht an einen kurzfristigen Machtwechsel. Längerfristig wird in Weissrussland aber eine Machttransformation zu einer neuen Elite stattfinden.

Daniel Rehmann ist Russland-Kenner und Spezialist für die Integration ausländischen Firmen im russischen Markt.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Daniel Rehmann: „In Russland schwingt immer noch ein Abwehrreflex mit“

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

1 Kommentar

  1. realsatire sagt:

    Alle Hotels, Moebelfabriken, Banken, Taxis, Restaurants, Fast-Food-Ketten, Fischverarbeiter, Baeckereien, Lebensmittellaeden… nur 30% der Wirtschaft :) d.h. der Rest der Arbeiter sind mehr oder minder direkt vom Staat bezahlt…
    Na Ja da sind die Belange der „freien Wirtschaft“ ignorierbar.
    Interessant natuerlich auch unter dem Aspekt der Demokratie. Den die 70% die vom Staat das Geld bekommen werden einen Teufel tun und sich auf was riskantes unbekanntes einzulassen.

    Stabile Lage in der Russischen Foederation soweit…

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