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Daniel Rehmann: „Russland kam besser durch das Jahr der Pandemie als andere Länder“

Von   /  19. April 2021  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Die Prognosen für das russische Wirtschaftsjahr 2021 sehen positiver aus als erwartet, und womöglich lassen sich viele Verluste des Pandemie-Jahrs 2020 wieder aufholen. Die rasche und erfolgreiche Entwicklung des Covid-Impfstoffs „Sputnik-V“ zeigt, dass Russland im Pharma-Bereich Spitzenprodukte zu bieten hat. Dennoch bleibt die Bedrohung durch geopolitische Risiken bestehen, meint Daniel Rehmann im Interview.

SPB-Herold: Wie hat die russische Wirtschaft die Kurve gekriegt nach dem Lockdown-Jahr 2020?

Daniel Rehmann: Der russischen Wirtschaft geht es wieder besser. 2021 (+3 bis 4%) wird voraussichtlich alles kompensiert, was 2020 durch den Lockdown verloren ging (-3.1%). Makroökonomisch ist die Situation stabil, und der Erdölpreis ist wieder auf einem Niveau, mit dem der Staat gut leben kann. Es gibt fast keine Corona-Einschränkungen mehr, und das bedeutet, dass Konsum und Industrieproduktion wieder auf das ursprüngliche Niveau zurückkehren. Der Dienstleistungsbereich, insbesondere Gastronomie, Tourismus und Unterhaltung, steckt noch ein wenig in der Krise, aber das wird sicher besser werden. Wichtig war und ist, dass es in Russland zu keinem zweiten Lockdown gekommen ist und dass auch bei einer dritten Welle kein richtiger Lockdown mehr verfügt wird.

SPB-Herold: Aber nicht in allen Bereichen sieht es so rosig aus?

Daniel Rehmann: Problematisch sind die hohe Inflation und die Preissteigerungen bei den Grundnahrungsmitteln, was der Staat erfolglos mit Preisobergrenzen zu verhindern versucht. Der Rubel ist weiterhin schwach, was gut für den Export ist, aber für den Import ein Nachteil. Und über allem schwebt noch das Damoklesschwert weiterer möglicher US-Sanktionen. Das Verhältnis zu Deutschland und der EU hat sich auch verschlechtert. Im Ukrainekonflikt besteht im Moment wieder die Gefahr einer Eskalation. Die geopolitischen Risiken beim Geschäft mit Russland bleiben also bestehen.

SPB-Herold: Was tut sich im Bereich Export?

Daniel Rehmann: Eine Erfolgsgeschichte ist die Entwicklung des Covid-Impfstoffs «Sputnik-V», für den eine grosse Nachfrage im Ausland besteht. Dies zeigt, was möglich wäre, wenn der russische Staat vermehrt in solch innovativen Bereichen investieren würde. Dieser Erfolg könnte durchaus zur weiteren Steigerung des Exports auch in anderen Bereich ausserhalb des Rohstoffsektors führen, beispielsweise bei den Landwirtschaftsgütern, Landwirtschaftsmaschinen, Chemie und im Pharmaziebereich. Diese Exporte gehen jedoch weniger nach Westeuropa, sondern mehr nach Asien, Afrika und Lateinamerika.

SPB-Herold: Wie steht Russland im internationalen Vergleich da?

Daniel Rehmann: Grundsätzlich ist Russland besser durch das Jahr der Pandemie gekommen als andere Länder, weil man schon früher durch die Sanktionen gezwungen war, sich teilweise von der Weltwirtschaft abzukoppeln und eine sehr konservative Wirtschafspolitik zu betreiben. Viel wichtiger ist aber immer noch der Ölpreis, der sich wieder erholt hat. Russland betreibt auch eine konservative Finanzpolitik, was unter anderem bedeutet, dass man die Finanzreserven nur sehr beschränkt zur Unterstützung der Wirtschaft oder der Bevölkerung einsetzt. Diese Reserven werden grundsätzlich aufgehoben, um mögliche geopolitische Probleme auszugleichen. Ein erneuter Lockdown wurde bewusst ausgesetzt, damit die Wirtschaft funktioniert, wobei man natürlich auch eine höhere Übersterblichkeit in Kauf nimmt.

SPB-Herold: Man sagt, dass sich wieder ein internationale Kreditblase bildet, die diese Stabilität gefährden könnte?

Daniel Rehmann: Das ist schwer vorauszusagen. Generell sorgen die Notenbanken für eine grosse Liquidität auf den internationalen Finanzmärkten, und wenn sich der Gegenwert in Form von Investitionen, Aktien und Liegenschaften als nicht nachhaltig erweist, wird es riskant. Sobald in den USA die Zinsen steigen, wird Geld aus den BRICS-Staaten abgezogen, um in den USA angelegt zu werden – das wiederum könnte auch zu einem Anstieg der Zinsen in Russland führen. Innerhalb von Russland gibt es eine hohe Verschuldung eines Teils der Bevölkerung, die Mühe hat, ihre Kredite zurückzuzahlen. Ausserdem gibt es ein Problem mit ausstehenden Löhnen bei Betrieben, die wegen des Lockdowns in Zahlungsschwierigkeiten geraten sind. Dies gilt jedoch in erster Linie für die KMUs, während die grossen Unternehmen relativ passabel durch die Krise gekommen sind.

SPB-Herold: Wäre Russland immer noch gleich verletzlich wie während der Weltfinanzkrise 2008/09?

Daniel Rehmann: Russland ist weniger verletzbar, weil es seit damals einen grossen Teil der Auslandschulden abgebaut hat und dadurch unabhängiger geworden ist. Allerdings sind die Rohstoffpreise immer noch abhängig vom Weltmarkt, und dies kann Russland nur bedingt beeinflussen, ebensowenig wie weitere Wirtschaftssanktionen, die den Rubelkurs beeinflussen können.

SPB-Herold: Ist die politische Situation in Russland stabil?

Daniel Rehmann: Ich erwarte keine grosse Veränderungen. Im Herbst stehen die Duma-Wahlen an. Aber obwohl die Regierungspartei nicht sehr populär ist, wird sie es schon managen, wieder zu einer Mehrheit zu kommen.

SPB-Herold: Wie steht es mit dem Aussenhandel mit der EU und der Schweiz?

Daniel Rehmann: Mit der EU hat sich die Situation wenig verändert – trotz der Sanktionen bleibt Deutschland ein wichtiger strategischer Partner. Erstaunlicherweise sieht die Aussenhandelbilanz mit der Schweiz für 2020 besser aus als im Vorjahr und wird sich wohl auch 2021 und 2022 weiter verbessern, wenn die positive Dynamik in der russischen Wirtschaft anhält.

SPB-Herold: Ist das immer noch die Folge der neutralen Haltung der Schweiz bezüglich Wirtschaftssanktionen?

Daniel Rehmann: Ja, teilweise. Ausserdem besteht eine grosse Nachfrage für Technologiegüter aus der Schweiz, Pharmaprodukte und qualitative Nahrungsmittel höherer Preiskategorie.

SPB-Herold: Gibt es Investitionen ausländischer Firmen in Russland während dieser schwierigen Zeit?

Daniel Rehmann: Durchaus, allerdings sind es ausschliesslich Firmen, die bereits in Russland ansässig sind und ihre Lokalisierung vorantreiben um ihre Marktposition auszubauen. Dies sind in erster Linie Unternehmen aus den Bereichen Automobil, Chemie, Baumaterialien, Landwirtschaft und E-Commerce. Für sie ist die Lokalisierung wichtig, um staatliche Aufträge zu bekommen. Doch längst nicht überall klappt es mit der Importsubstitution – in der Landwirtschaft funktioniert es, im Maschinenbau hingegen nur bedingt. Für manche Firmen ist der russische Markt zu klein, oder man wäre gezwungen, einen Technologietransfer vorzunehmen, wozu nicht alle bereit sind. Ausserdem gibt es zur Zeit andere Märkte, die ein attraktiveres Wachstumspotenzial haben als der russische Markt.

Daniel Rehmann ist Russland-Kenner und Spezialist für die Integration ausländischen Firmen im russischen Markt.

Bild: E-Commerce und Zustelldienste sind die grossen Gewinner der Covid-Krise. (Eugen von Arb/ SPB-Herold)

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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