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Coronavirus in St. Petersburg – wenig Lust auf Masken und Handschuhe

Von   /  24. Mai 2020  /  1 Kommentar

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eva.- Petersburg fällt bei den landesweiten Ansteckungszahlen auf den siebten Platz zurück. Das Masken- und Handschuh-Obligatorium wird in Petersburg kaum befolgt und sehr larsch geahndet. Wegen der chronischen Überlastung der Petersburger Krankenhäuser steigt das Risiko für Menschen, die nicht an Covid-19 erkranken. Das Verbot von Beisetzungen mit Begleitung ist aufgehoben.

Dass das Coronavirus die Petersburger Gesundheitsversorgung an ihre Grenzen treibt, bezeugt der Todesfall der 30jährigen Maria Simonowa. Sie hatte viermal telefonisch einen Notarzt gerufen, weil sie an starken Bauchschmerzen und Schwindelgefühlen litt. Doch jedes Mal wurde ihr vom Dispatcher gesagt, die Ambulanzen und Spitäler seien überlastet und nähmen nur Coronavirus-Patienten auf. Schliesslich wurde die junge Frau von ihren Eltern tot in der Wohnung aufgefunden. Auch die Zahl der Opfer im medizinischen Personal ist weiter angestiegen – bis am 23. Mai waren es 20 Personen seit dem Beginn der Pandemie.

Kaum mit Bussen zu rechnen

Die Masken- und Handschuh-Pflicht wird in Petersburg trotz drohender Strafen kaum befolgt. Im Freien tragen viele Leute weder Masken noch die vorgeschriebenen Gummihandschuhe. Einige haben die Masken „für alle Fälle“ unter dem Kinn. Nur an Orten mit grösseren Menschenansammlungen, wie zum Beispiel in der Metro, wird die Tragepflicht vom Personal kontrolliert. Wer keinen Mund- und Nasenschutz besitzt, muss ihn auf eigene Kosten am Automaten erstehen. Doch selbst in der Metro tragen die Menschen kaum Handschuhe.

Laut „Kommersant“ wurden seit dem 12. Mai 50 Protokolle für Verstösse gegen das Obligatorium registriert. Doch wie die Behörden verlauten liessen, haben die wenigsten Delinquenten mit einer Busse zu rechnen, weil man für die ersten Tage keine Strafen verrechnen will. Ebenso larsch wird das Besuchsverbot für Parks kontrolliert. In vielen Grünanlagen tummeln sich Leute, um etwas Sonne und frische Luft zu tanken. Die Sicherheitsdistanz wird jedoch von allen beachtet.

Mobilität zu Spitzenzeiten fast wie vor der Pandemie

Bei Kontrollen in 118 Petersburger Einkaufszentren wurden 47 Verstösse gegen die Quarantäne-Massnahmen festgestellt. In den meisten Fällen hatten Geschäfte geöffnet, die nicht Waren des täglichen Bedarfs verkauften, oder das Personal ignorierte das Masken- und Handschuh-Obligatorium. Der Grad an Mobilität zu den Spitzenzeiten war während der Wochentage wiederum praktisch gleich wie zur Zeit vor der Pandemie.

Wie der leitende Petersburger Zahnarzt Andrei Jaremenko verlauten liess, ist es an der Zeit, die geschlossenen Zahnarztpraxen in den Polykliniken wieder zu öffnen, weil sonst die PatientInnen auf die Privatkliniken ausweichen müssen und die staatlichen Kliniken ihr Personal verlieren. Neu sind Trauerfeiern in Begleitung von Angehörigen wieder erlaubt, schreibt Fontanka.ru Vorausgesetzt wird die Einhaltung des Sicherheitsabstands und die Benutzung von Masken und Handschuhen. Auch darf es während der Beisetzung kein Körperkontakt mit den Toten geben. Zuvor waren Beerdigungszeremonien jeglicher Art verboten, was zu Debatten in der Bevölkerung geführt hatte.

Keine Zwischenfälle mehr mit russischen Beatmungsgeräten

Die Beatmungsgeräte vom Typ „Aventa-M“ aus russischer Produktion, von denen zwei in Moskau und Petersburg Brände mit Todesopfern ausgelöst hatten, arbeiten in allen übrigen Spitälern einwandfrei. Wie der „Kommersant“ schreibt, wurden bisher bei keinem Gerät, das auf Maximalleistung lief, Störungen festgestellt. Als Ursache für die Zimmerbrände, bei denen insgesamt sechs Covid-Patienten ums Leben kamen, werden Kurzschlüsse vermutet.

In mehreren Regionen Russlands protestierten Ärzte und Pflegepersonal mit Videobotschaften gegen das Ausbleiben der von Präsident Putin angeordneten Zusatzprämien. An den meisten Orten haben die Proteste Wirkung gezeigt, doch wurden einige der TeilnehmerInnen von Staatsanwaltschaft und Polizei vorgeladen, wobei Strafverfahren wegen „Extremismus“ gegen sie eröffnet wurden. In einigen Spitälern versuchten Vorgesetzte ihren Untergebenen zu erklären, dass sie keinen Anspruch auf die Prämien hätten.

Finnisches Generalkonsulat öffnet bald

Am 1. Juni wird das finnische Generalkonsulat in St. Petersburg wieder seinen Betrieb aufnehmen, schreibt Fontanka.ru. Vorerst werden jedoch nur Familienangehörige finnischer Staatsangehöriger, Studierende, WissenschaftlerInnen und SaisonarbeiterInnen empfangen. Die Öffnung der finnischen Grenze ist bisher auf den 14. Juni festgesetzt worden.

Leichte Öffnungstendenzen gibt es auch in Gatschina, wo die Zarenresidenz auf ihre Besucher vorbereitet wird – allerdings nur in eingeschränkter Form. Vorgesehen sind jene Orte, wo die Menschen mit genügend Abstand spazieren können. Wie der Vorsitzende des Petersburger Kulturkomitees bekannt gab, ist es noch zu früh, sich auf eine weitgehende Öffnung der kulturellen Institutionen zu freuen. Die Petersburger Theater sollen im Juni noch geschlossen bleiben – die nächste Saison beginnt erst im September.

Petersburg rückt vom 3. auf den 7. Platz

In Russland wurden am 23. Mai 2020 offiziell 335000 Virus-Erkrankte verzeichnet, 107000 wurden geheilt, 3447 Personen sind gestorben. In Moskau sind 161000 Menschen erkrankt, 47413 geheilt und 1993 Personen gestorben. Petersburg hat bisher 12995 Virus-Kranke, 3124 Geheilte und 113 Todesfälle registriert.

Zum ersten Mal wurden in Petersburg weniger als 400 neue Coronavirus-Fälle pro Tag verzeichnet. St. Petersburg, das bezüglich Ansteckungen und Todesfällen lange den landesweit dritten Platz einnahm, liegt jetzt auf dem siebten Platz. Auf Platz eins der Statistik liegt nach wie vor Moskau, danach folgt neu Dagestan, dass in den vergangenen Tagen eine starke Zunahme von Erkrankten und Toten zählt. Offiziell stehen in Russland 165291 Krankenbetten für Coronavirus-Patienten bereit bei einer Auslastung von 66 Prozent. In Petersburg sind die 9000 zur Verfügung stehenden Betten zu 89 Prozent besetzt.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold/Archiv

www.fontanka.ru

www.kommersant.ru

www.online812.ru

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

1 Kommentar

  1. realsatire sagt:

    Gestern im Dixi Supermarkt. Ich stehe an der Kasse an und halte den auf den Boden gemalten Abstand von 1m ein. Drehe mich um und nehme was aus dem Regal. Haben sich 4 Jungs mit Bier und ohne Masken vor mir in die Schlange gestellt. Ich ruecke mir die Maske zurecht und gehe weiter von den Typen weg, und überlege mir, ob ich mich mit 19 Jahren ähnlich dummdreist benommen habe.

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