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Coronavirus in St. Petersburg: ungeduldiges Warten auf Lockerungen

Von   /  23. Juni 2020  /  Keine Kommentare

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eva.- Während im schwer betroffenen Moskau schon bald Normalzustand herrscht, sind in St. Petersburg immer noch viele Einschränkungen in Kraft. Die Bevölkerung wird angesichts des Sommerwetters ungeduldig und besucht in Massen Parks und Strände. Das schwer angeschlagene Gastgewerbe versucht ebenfalls zu profitieren, wird jedoch streng kontrolliert. Die bevorstehende Siegesparade und das Verfassungs-Referendum sorgen für Diskussionen über die Ansteckungsgefahr und eine neue Covid-Welle.

Obschon offiziell die Petersburger Parks immer noch für Besucher geschlossen sind, hält sich in Wirklichkeit praktisch niemand mehr an diese Einschränkung. Das rekordheisse Sommerwetter der vergangenen Tage trieb die PetersburgerInnen hinaus an die Luft ins Grüne und ans Wasser. Die Ostseestrände nördlich von Petersburg wurden ebenso massenhaft besucht – dort immerhin wurde offiziell am 19. Juni die Maskentragepflicht abgeschafft – praktisch war dies längst geschehen.

Nach der dreimonatigen Abstinenz hungerte die Bevölkerung nach Erholung im Freien. Mit dem überraschend heissen Wetter wurde auf einen Schlag die Hochsaison eröffnet. Man briet Schaschlick, badete und sonnte sich nach Kräften. Leider hatte diese auch zur Folge, dass in der vergangenen Woche im Leningrader Gebiet und in St. Petersburg die ersten Badetoten zu beklagen waren.

Gartenwirtschaften ab 29. Juni

Mit den Volksmengen, die ins Freie drängten, sah auch die schwer betroffene Gastronomie ihre Chance gekommen, wenn auch illegal, ein wenig für Einnahmen zu sorgen. Aber die Polizei und die Kontrollbehörde Rospotrebnadsor antworteten mit scharfen Kontrollen auf diesen Versuch. Bei einer Grossrazzia in der „Restaurant-Meile“ der Uliza Rubinsteina wurden fünf Restaurants beim illegalen Betrieb erwischt und auf den Kopf gestellt. Den Betreibern drohen Bussen oder die Schliessung für mehrere Monate.

Erst am 29. Juni werden Gartenwirtschaften erlaubt sein, und auch dies nur unter bestimmten Voraussetzungen. Dabei muss der Sicherheitsabstand eingehalten werden, und nachts müssen die Stühle und Tische vom Trottoir verschwinden. Gartenrestaurants auf dem Rasen sind verboten.

Skandal um Jugendliche an der Siegesparade

Obwohl die täglichen Neuansteckungen in Russland auf deutlich unter 8000 gesunken sind, bleiben viele Experten kritisch – insbesondere gegenüber der bevorstehenden Siegesfeier am 24. Juni. In St. Petersburg kam es im Vorfeld der Militärparade zu einem Skandal als bekannt wurde, dass dutzende Mitglieder der Jugendorganisation „Junarmia“ an den Proben zur Parade auf dem Flugplatz von Lewaschowo teilgenommen hatten.

Die Vetreterinnen von Rospotrebnadsor, die sanitäre Chefärztin Petersburg und die Kinder-Ombudsfrau disputierten öffentlich und kontrovers über dieses Vorhaben. Nachdem die Kinder offiziell von der Parade ausgeschlossen wurden, schrieben einige von ihnen erbitterte Botschaften an den Petersburger Gouverneur.

Der Stadtregierung fiel es schwer, sich überrascht zu geben, weil das städtische Jugendkomitee offiziell die Busse für den Transport an die Proben zur Verfügung gestellt hatte. So ist die Teilnahme der militärischen Jugenorganisation, die letztes Jahr zum ersten Mal mitmarschiert war, noch ungewiss. Über die Gesundheit der ebenfalls minderjährigen Suworow- und Nachimow-Militärkadetten macht sich hingegen niemand Gedanken – sie sind auf jeden Fall dabei.

Auszeichnung von Chefärztin sorgt für scharfe Reaktionen

Ebenfalls zu reden gab die Auszeichnung der Chefärztin des Pokrowski-Spitals Marina Bacholdina mit dem Orden „Held der Arbeit“ durch Präsident Putin. Sie hatte als einzige Petersburger Medizinerin diesen hohen Orden erhalten. Ein Anästhesist desselben Krankenhaus bezeichnete die Auszeichnung als Hohn gegenüber all jenen, die wirklich gegen den Coronavirus gekämpft hätten.

Seinen Angaben nach hatte sich Bacholdina nicht ein einziges Mal in die Gefahrenzone begeben, schreibt Fontanka.ru. Kurz nach der Veröffentlichung seiner Videobotschaft wurde der Arzt entlassen. Das Pokrowski-Spiel erlangte traurige Bekanntheit, weil anfangs April wegen mangelnder Hygienemassnahmen 155 Menschen – Patienten und Personal – mit dem Coronavirus angesteckt wurden.

Reisen in Russlands Süden

Nichtsdestotrotz sind die RussInnen reiselustiger denn je, und die russische Bahn RZD wird in Kürze den Betrieb der Fernzüge in den Süden ans Schwarze Meer, auf die Krim und auf den Kaukasus wieder aufnehmen. Auch die 12 täglichen „Sapsan“-Hochgeschwindigkeitszüge zwischen Moskau und Petersburg werden wieder fahren.

Im Ausland werden nur wenige Ferienmöglichkeiten für russische TouristInnen offenstehen – die Türkei, Zypern, Griechenland und Bulgarien zeigen die grösste Kulanz gegenüber ausländischen Gästen. In den Nachbarländern Estland und Finnland hingegen ist an eine Öffnung gegenüber Russland nicht vor Mitte Juli zu denken.

In Russland wurden am 22. Juni 2020 offiziell 592000 Virus-Erkrankte verzeichnet, 344000 wurden geheilt, 8232 Personen sind gestorben. In Moskau sind 215000 Menschen erkrankt, 136000 geheilt und 3643 Personen gestorben. Petersburg hat bisher 22412 Virus-Kranke, 13647 Geheilte und 869 Todesfälle registriert.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

www.fontanka.ru

www.kommersant.ru

www.online812.ru

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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