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Coronavirus in St. Petersburg – umstrittene Massnahmen und Ziffern

Von   /  2. Juni 2020  /  1 Kommentar

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eva.- Die Kritiker Putins zweifeln an den offiziellen Zahlen der angesteckten Personen und Todesopfer. Präsident will im Juli seine Verfassungsänderungen absegnen lassen. Masken gibt es genug und zu immer günstigeren Preisen. Fluggesellschaften machen sich bereit für mögliche Grenzöffnungen.

Die durchschnittliche Zunahme von Covid-Erkrankten in Russland beträgt jetzt offiziell zwei Prozent, damit hat sich das Tempo seit Beginn der Quarantäne-Periode 13-fach verlangsamt. Damit flacht die Verlaufskurve der Pandemie in Russland ab. Allerdings wurden in den vergangenen Tagen mehrere Fälle bekannt, in denen die Kranken und Totenzahlen manipuliert worden waren.

Der Kremlkritiker Alexei Nawalny erwähnte das Beispiel der Republik Dagestan, wo wochenlang die Anzahl der Toten mit 26 beziffert wurden, obschon alle wussten, dass wegen der vielen Covid-Fälle Ärzte eingeflogen werden mussten. Er beschuldigte die Regierung, die Ansteckungs- und Totenzahlen schönzufärben, damit sich der Präsident vor dem Verfassungsreferendum als geschickter Krisenmanager aufspielen könne.

Zugfahren ohne Covid-Abstand

Mittlerweile legte Präsident Putin den Termin für die Volksbefragung auf den 1. Juli fest. Ein grosser Teil der Stimmen werden diesmal elektronisch abgegeben, was laut Kritikern dem Kreml noch grössere Möglichkeiten für die Manipulation des Ergebnisses geben wird. Ein Teil der Stimmlokale soll in Zelten auf der Strassen untergebracht werden.

Ausserdem kritisierte Nawalny die elektronische Überwachung der Moskauer Bevölkerung, weil sie lediglich der Einschüchterung diene, in Wirklichkeit aber völlig ineffizient sei. Dabei führte er das Beispiel mehrerer Stadtbewohner an, die sich erwiesenermassen nicht aus dem Haus begeben hatten und dennoch Busszettel bekamen, die das automatische Überwachungssystem produziert hatte. Ausserdem kritisierte er, dass die persönlichen Daten, die bei der Registrierung für den Erhalt eines Passierscheins eingegeben wurden, zu kommerziellen Zwecken an Dritte weiterverkauft wurden.

Das Petersburger Stadtjournal Gorod812 analysierte kritisch die Logik, mit der die Quarantäne-Bestimmungen gelockert werden. Warum man einerseits der russischen Staatsbahn erlaube, in den Fernzügen wieder zur alten Sitzordnung zurückzukehren, aber andererseits die Parks der Stadt weiterhin geschlossen lasse, fragt man sich dort.

Restaurants in Finnland geöffnet

In 19 Regionen Russlands wurden am 1. Juni Einschränkungen gelockert. Während Restaurants und Bars in Russland noch geschlossen sind, wurden sie im benachbarten Finnland geöffnet und begeistert von der Bevölkerung „gestürmt“. Die Kontrollbehörde Rospotrebnadsor veröffentlichte neue Richtlinien für den Betrieb im Hotelgewerbe. Darin wird unter anderem vorgeschrieben, in einem Zimmer nur eine Personen oder eine Familie unterzubringen, die jeweils getrennte Duschen und Toiletten benutzen.

Ausserdem gehören dazu die üblichen Schutzmassnahmen wie Masken und Desinfektionsmittel, sowie eine Software für das kontaktlose Check-in und Check-out-Prozedere. Die Mahlzeiten müssen auf den Zimmern oder in Schichten eingenommen, Gäste und Personal müssen regelmässig Fieber messen. Hostels können die Bestimmungen in den wenigsten Fällen erfüllen.

Auszahlung des Kindergeldes überlaster Sberbank

Schutzmasken gibt es nun auch in Russland genügend und zwar aus eigener Produktion, so dass keine aus China importiert werden müssen. Wie Fontanka.ru schreibt, kauft die russische Bevölkerung täglich rund 3,5 Millionen Masken. Damit sinken auch die Preise von durchschnittlich 55 auf 18 Rubel pro Maske und dürften in Zukunft noch billiger werden. Ab dem 11. Juni wird in russischen Spitälern das weltweit erste Präparat gegen das Covid-19-Virus mit dem Namen Avifavir angewendet, das auf der Basis des japanischen Medikaments Favipiravira entwickelt worden ist.

Am 1. Juni begann die landesweite Auszahlung des einmaligen Kindergeldes in der Höhe von 10.000 Rubel. So wie schon die millionenfachen Anträge zu einem zeitweisen Ausfall der staatlichen Webseiten geführt hatte, stürzte nun das elektronische Zahlungssystem der Sberbank zeitweise ab.

Ecolines fährt wieder im Juli

Das Busunternehmen Ecolines hat angekündigt, seine Fahrten ab dem 1. Juli nach Minsk und ab dem 15. Juli nach Helsinki, Lappeenranta, Tallinn, Riga und Kiew wieder aufzunehmen. Ab dem 1. Juli sollen auch die russischen Sommerlager für Kinder wieder ihren Betrieb aufnehmen. Wegen der geschlossenen Grenzen erkundigte sich Fontanka.ru in der Umgebung von Petersburg nach Ferienmöglichkeiten auf westeuropäischem Niveau. Zwar gibt es einige Lokale, die im Juni wieder geöffnet haben, doch sind die Preise wegen des knappen Angebots entsprechend hoch – auf westeuropäischem Niveau eben.

Bulgarien hat ab dem 1. Juni seine Grenzen für Touristen aus 29 Ländern geöffnet, die keine zweiwöchige Quarantäne über sich ergehen lassen müssen. Russische Reisende, die zu den wichtigsten Gruppen für den bulgarischen Tourismus zählen, sind noch nicht zugelassen, doch kann sich das bald ändern. Die Billigfluglinie Wizz Air bietet ab dem 19. Juni bereits Tickets von Petersburg nach Budapest an.

Erleichterungen für die Wirtschaft

Die Smolny-Regierung hat Unterstützungsmassnahmen im Steuerbereich für betroffene Unternehmen gut geheissen. Darin sind unter anderem niedrigere Steuersätze und die Aussetzung der Steuervorauszahlungen für die Rechnungsperiode 2020 vorgesehen. Dies gilt für die Eigentums- Grundstücks- und Transportsteuern von Unternehmen.

In Russland wurden am 1. Juni 2020 offiziell 414000 Virus-Erkrankte verzeichnet, 175000 wurden geheilt, 4926 Personen sind gestorben. In Moskau sind 183000 Menschen erkrankt, 82239 geheilt und 2624 Personen gestorben. Petersburg hat bisher 16313 Virus-Kranke, 5748 Geheilte und 213 Todesfälle registriert.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold/Archiv

www.fontanka.ru

www.kommersant.ru

www.online812.ru

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

1 Kommentar

  1. realsatire sagt:

    Danke für das Update.

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