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Coronavirus in St. Petersburg: Siegesfeier und Verfassungsreferendum mit Fragezeichen

Von   /  15. Juni 2020  /  Keine Kommentare

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eva.- Während in Städten wie Moskau und Petersburg fleissig gelockert wird, kämpfen verschiedene russische Regionen noch mit dem Coronavirus. Das noch geltende Versammlungsverbot gilt nicht für die Siegesparade und die Volksbefragung zur bereits beschlossenen Verfassungsreform, was für Fragen und Unverständnis sorgt.

Am 24. Juni findet die verschobene Siegesfeier mit Militärparade statt, zumindest in der Hauptstadt Moskau. Dort wurden während der vergangenen Woche auf einen Schlag fast sämtliche Covid-Einschränkungen aufgehoben – das, obschon sich die landesweiten Neuansteckungen zäh bei knapp 9000 Personen täglich halten und die Hauptstadt immer noch zu den Leadern gehört. Das bedeutet, dass Russland zwar das so genannte „Plateau“ in der Ansteckungsstatistik erreicht hat, dass jedoch noch keine Rede von einem deutlichen Rückgang sein kann.

Während die beiden Hauptstädte also lockern, haben andere Städte und Regionen erst die „Spitze“ erreicht. Mindestens zehn von ihnen haben darum die geplante Siegesfeier abgesagt oder verschoben – unter ihnen: Orel, Belgorod, Kursk, Pskow, Jaroslawl, Orenburg, Saransk, Nischni Tagil, Petropawlosk-Kamtschatki und Perm. In Nowosibirsk und Chabarowsk werden die Paraden ohne Zuschauer abgehalten. Andere Orte wie Rostow am Don und Kaspiisk (Dagestan) werden Paraden ausführen, ungeachtet davon, dass sie in der landesweiten Ansteckungsstatistik unter den zehn ersten Plätzen sind.

Sobjanin empfiehlt „Fernseh-Parade“

Und sogar in Moskau scheint man Angst vor einem neuen Anstieg der Infektionen zu haben. Zwar hatte Präsident Wladimir Putin angekündigt, dass die dortige Parade auf dem Roten Platz unter grösstmöglichen Sicherheitsmassnahmen abgehalten werde, doch riet der Bürgermeister Sergei Sobjanin dennoch dazu, sich den Aufmarsch zuhause am Fernseher anzuschauen.

Während in Moskau traditionsgemäss die grösste Parade mit über 10.000 Wehrpflichtigen stattfindet, fällt sie in Petersburg mit 4.500 SoldatInnen „bescheidener“ aus. Sie werden begleitet von 109 Militärfahrzeugen und 34 Flugzeugen und Helikoptern. Proben auf dem Schlossplatz werden dieses Jahr wegen der Ansteckungsgefahr weniger stattfinden. Stattdessen übt man auf dem Militärflugplatz im Vorort Lewaschowo.

Verfassungsreferendum mobilisiert Hunderttausende

Ähnlich zwiespältig verhält es sich mit dem Referendum über die Verfassungsreform am 1. Juli. Kritiker werfen der Regierung Verantwortungslosigkeit vor, weil an diesem Tag trotz Ansteckungsgefahr landesweit Hunderttausende mobilisiert werden. Um so mehr als die Reform de facto bereits in Kraft ist, und es sich bei der Befragung nur um eine „kosmetische“ Angelegenheit handelt.

Die Regierung hält dem entgegen, dass ein Grossteil der Stimmen diesmal elektronisch abgegeben würden, was wiederum kritisiert wird, weil man in der Opposition mit massiven Manipulation rechnet. Die Putin-Gegner halten die Reform für juristisch unhaltbar und für einen Vorwand zur Amtszeitverlängerung für Putin auf Jahrzehnte.

Petersburger Gastgewerbe geht in die Halblegalität

In St. Petersburg sind entgegen der Erwartungen die meisten Einschränkungen bis am 28. Juni in Kraft geblieben. Unter anderem sind bis dahin jegliche Massenveranstaltungen verboten – die Siegesparade ist eine Ausnahme. Erst im Juli werden Restaurant und Cafés mit Sommerterrassen, Parks, sowie die Zarenresidenzen und der Zoo geöffnet. Zum selben Zeitpunkt soll auch die Kanalschifffahrt wieder erlaubt sein. Auch Coiffersalons und Geschäfte mit weniger als 400 Quadratmetern Fläche dürfen wieder arbeiten und Spaziergänge mit Familienmitgliedern sind jetzt offiziell erlaubt.

Das gebeutelte Gastgewerbe zeigt wenig Verständnis für das Zögern der Stadtregierung. Wie eine Recherche von Fontanka.ru zeigt, haben schon jetzt viele Lokale inoffiziell geöffnet. Viele von ihnen haben geschlossene Türen, auf denen eine Telefonnummer angegeben ist, über die man sich anmelden kann. Andere arbeiten offiziell nur auf Einkauf an der Tür oder Hauszustellung, lassen die Kunden aber auf Anfrage zum Verzehr ins Lokal. Dasselbe Bild bei den Parks, die trotz offizieller Schliessung massenhaft von sonnenhungrigen Menschen bevölkert sind. Während die Gastro-Szene weiterhin streng kontrolliert wird, lässt sich in den Parks kaum Polizei blicken.

Finnland und Estland bleiben vorläufig für RussInnen geschlossen

Bezüglich Grenze ändert sich ebenfalls wenig. Finnland hat sich für sämtliche baltische und skandinavische Länder ausser Schweden geöffnet. Auch für Russland bleibt Suomi vorläufig bis am 14. Juli geschlossen. Wie sich der estnische Innenminister Mart Helme äusserte, wird auch die Grenze zu Estland nicht vor Ende Juni geöffnet.

Bezüglich Ansteckungen meldet Fontanka.ru, dass die lokalen Covid-Todeszahlen im April in Petersburg offenbar um das zehnfache unter den Opferzahlen des Moskauer Statistikamtes lagen. Wurden für diesen Monat vom Petersburger Gesundheitskomitee 31Tote angegeben, so starben gemäss Rosstat 323 Menschen.

In Russland wurden am 14. Juni 2020 offiziell 528000 Virus-Erkrankte verzeichnet, 280000 wurden geheilt, 7001 Personen sind gestorben. In Moskau sind 205000 Menschen erkrankt, 121000 geheilt und 3334 Personen gestorben. Petersburg hat bisher 20561 Virus-Kranke, 9677 Geheilte und 597 Todesfälle registriert.

Bild: Werbung für die Annahme der umstrittenen Verfassungsreform (Eugen von Arb/ SPB-Herold)

www.fontanka.ru

www.kommersant.ru

www.online812.ru

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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