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Coronavirus in St. Petersburg: russisch-chinesischer „Masken-Ball“

Von   /  21. März 2020  /  Keine Kommentare

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eva.- In Russland gibt es offiziell 306 Covid-Krankheitsfälle – Schutzmasken werden gehortet und von Spekulanten verkauft – die Polizei verlängert Visa „eingesperrter“ Touristen – Theater spielen online – Polizei nimmt Oppositionelle „wegen Versammlungsverbot“ fest.

Am 21. März wurden offiziell 306 Covid-Kranke in 18 Regionen Russlands gemeldet – ihre Zahl hat damit innerhalb eines Tages um 53 zugenommen. Zwei neue Fälle wurden in Petersburg gemeldet, wo nun 16 Personen mit dem Virus angesteckt sind. Der grösste Teil der Angesteckten hielt sich kurz davor im westeuropäischen „Risikogebiet“ auf.

In Petersburg wurde mittlerweile die erste mobile Virustest-Einheit beim Flughafen Pulkowo stationiert, die Testresultate sollen innerhalb Tagesfrist bekannt sein. Aufsehen erregte der Fall der Chef-Infektionistin der südrussischen Stadt Stavropol, die ihren kürzlichen Spanien-Aufenthalt verschwieg und sich nicht wie vorgeschrieben einer zweiwöchigen Selbstisolation unterzog.

Medizinische Schutzmasken sind Tagesgespräch

In St. Petersburg ist der Mangel an Schutzmasken das Gesprächsthema Nummer eins. Wie Recherchen der Internetzeitungen Fontanka.ru gezeigt haben, existieren in den Lagerräumen russischer Hersteller angeblich Millionen von Masken, die jedoch offziell nicht existieren und nur zu Spekulantenpreisen (ab 500 Rubel/ rund sechs Euro) auf der Strasse verkauft werden.

Wie bekannt wurde, kauften schon zu Jahresbeginn viele chinesische TouristInnen die Bestände an Masken in Petersburg auf. Gleichzeitig exportierten die russischen Hersteller ihre Bestände nach China, weil sie damit ein Mehrfaches der russischen Preise verdienten. Obwohl der Export von Schutzmasken aus Russland offiziell eingestellt wurde, halten die Hersteller Masken für noch hängige Lieferungen nach China zurück. Neben den Schutzmasken fehlen in den Petersburger Geschäften und Apotheken auch Desinfektionsmittel

Petersburger Tourismusbranche am Boden

Mit der Schliessung der Grenzen und der internationalen Reisebeschränkungen wird ein Grossteil der Petersburger Tourismusbranche in den Ruin getrieben. Internationale Busverbindungen wurden eingestellt, der Hochgeschwindigkeitszug „Allegro“, der Helsinki und Petersburg verbindet, fährt nicht mehr.

Die Verluste an Einnahmen im Tourismus werden von der Stadtregierung für das erste Quartal auf rund 70 Prozent eingeschätzt. Petersburger Hoteliers haben aus diesem Grund bereits einen Aufschub oder den Erlass an Steuerzahlungen für die Branche gefordert. Nur ein Trostpflaster gibt es: Allen in Petersburg „steckengebliebenen“ ausländischen Touristen sollen die Visa problemlos um die nötige Frist verlängert werden. Sie müssen sich dazu beim Migrationsdienst (UFMS) melden.

Höhepunkt der Grippewelle in zwei bis drei Wochen erwartet

Der „Kampf“ gegen das Corona-Virus nützt den Behörden offenbar auch als Vorwand beim Vorgehen gegen Regierungskritiker benutzt. Wie Fontanka.ru schreibt, hat die Polizei bereits acht Personen festgenommen und ihnen vorgeworfen, sich nicht an das Versammlungsverbot (bis 50 Personen) zu halten – obschon diese nur Einzelpiketts im Stadtzentrum veranstaltet haben.

Die Proteste richten sich in erster Linie gegen die von Präsident Putin initiierte Verfassungsreform, die ihm eine neue Amtszeit ermöglicht und über die am 22. April ein Referendum stattfinden soll. Die Reform ist doppelt umstritten – erstens, weil sie juristisch bedenklich ist, zweitens weil die Kritiker den Urnengang wegen der Ansteckungsgefahr für fahrlässig halten. Putin hält vorläufig an dem Termin fest, hat sich aber eine Verschiebung vorbehalten.

Laut dem Petersburger Gouverneur Alexander Beglow wird der Höhepunkt der Grippewelle in Petersburg in zwei bis drei Wochen erwartet. Die einschränkenden Massnahmen in der Stadt sind eher zögerlich. Der Schulbesuch wurde fakultativ eingeschränkt, kulturelle Einrichtungen wurden geschlossen, Betriebe müssen abkömmliche MitarbeiterInnen nach Hause schicken und bei allen andern die Körpertemperatur messen.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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