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Coronavirus in St. Petersburg – Regierung hebt Verbot für Export von Schutzmaterial auf

Von   /  5. Mai 2020  /  Keine Kommentare

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eva.- Trotz des anhaltenden Mangels an Schutzausrüstung wurde das Exportverbot aufgehoben. Ein weiterer Arzt stirbt an den Folgen einer Covid-19-Infektion. Auf dem Lenexpo-Messegelände werden weitere Notspitäler eingerichtet. Die häusliche Gewalt hat während der Quarantäne stark zugenommen. Wegen der geschlossenen Grenzen und den knappen Geldmitteln macht sich die Bevölkerung auf Ferien im Inland gefasst.

Die russische Regierung hat das im März verfügte Verbot des Exports von Schutzmasken, -Anzügen, -Brillen und – Handschuhen, sowie anderer Schutzmaterialien am 3. Mai überraschend aufgehoben, was für Unverständnis und Kritik gesorgt hat. So fragte der oppositionelle Petersburger Stadtabgeordnete Boris Wischnewski in einem Post auf Facebook zynisch, ob nun also all diese Dinge in genügender Menge und zu günstigen Preisen in Apotheken und Krankenhäusern vorhanden seien und das medizinische Personal und die Bevölkerung ausreichend versorgt seien? Leider sei dies nicht der Fall, und es bleibe die Frage, ob die Massnahme der Regierung Verrat oder Dummheit sei.

Damit brachte er das starke Defizit an Schutzmaterial zur Sprache – sowohl in der Bevölkerung wie auch in den Spitälern. Wischnewskis „Jabloko“-Partei sammelt Geld, um Ärzte und Pflegepersonal auszurüsten. Erst in den vergangenen Tagen waren in den Supermärkten und im Internet Schutzmasken erhältlich, die zuvor nur auf dem Schwarzmarkt verkauft wurden. Es ist bekannt, dass trotz dringendem Bedarf im Inland russische Hersteller ihre Produktion wegen der höheren Preise ins Ausland verkauften. Vielerorts musste das medizinische Personal improvisieren oder seinen Dienst ungeschützt verrichten, was zu massenhaften Infektionen führte.

Bekannter Notarzt gestorben

Am 4. Mai starb mit dem bekannten Notarzt Wladimir Mankowitsch die zwölfte Person aus den Reihen des Petersburger Spitalpersonals am Coronavirus. Zwar wurde die Todesursache offiziell als „schwere Krankheit“ angegeben, doch laut Fontanka.ru wurde Mankowitsch in die Liste der Covid-19-Opfer eingetragen. Er war seit mehr als 40 im Dienst und galt als hervorragender Arzt und starke Persönlichkeit. Unter anderem organisierte er die medizinische Versorgung während Grossanlässen, wie dem Schülerfest „Aly Parusa“ oder dem Petersburger Wirtschaftsforum.

Der Petersburger Gouverneur Alexandr Beglow sorgte mit einem Bild für Internet-Debatten. Während einer seiner Besichtigungsfahrten in der Stadt liess er sich vor einer Geburtsklinik zusammen mit einer frischgebackenen Mutter und ihrem Kind fotografieren. Während er mit doppelter Schutzmaske posiert, steht die junge Mutter mit ihrem Säugling ohne jeden Schutz daneben. Von vielen Kritikern wurde dies als Zeichen für die gleichgültige Haltung der Führung gegenüber der schutzlosen Bevölkerung ausgelegt.

Weitere Betten in Messehallen

Wie erwartet hat die Quarantäne für einen starken Anstieg häuslicher Gewalt in Russland gesorgt. Laut der russischen Menschenrechtsbevollmächtigten Tatiana Moskalkowa stieg die Zahl von Anzeigen bei der Polizei im April um das zweieinhalbfache auf über 13000 Fälle. Leider erschwere die häusliche Isolation die Kommunikation, so dass viele Hilferufe von Opfern gar nicht bei Behörden oder Beratungsstellen eingingen. Moskalkowa will sich für eine Lockerung der Quarantäne-Bestimmungen einsetzen, damit Gewaltopfer ungestraft in den Schutz sozialer Hilfszentren flüchten können.

In Petersburg sind die Kranken- und Todeszahlen weiterhin steigend. Daher werden auf dem Lenexpo-Messegelände weitere Hallen zu Notspitälern umgerüstet. Am Wochenende waren die ersten leichten 24 Covid-19-Fälle ins dortige Notspital in Halle 7 eingeliefert worden. Zwar steigen die Opferzahlen noch nicht so dramatisch wie etwa in der Hauptstadt Moskau, doch wurden vor dem Pokrowski-Spital und dem Krankenhaus für Kriegsveteranen Kühlcontainer beobachtet, die zur Aufbewahrung von Virus-Toten dienen. Im Kaliningrader Gebiet weigerten sich 350 Personen aus diversen Spitälern, ihre Arbeit zu verrichten, um nicht mit dem Coronavirus angesteckt zu werden. Damit verschärft sich die personelle Lage im medizinischen Bereich dieser Region noch weiter.

Finnland wird ab dem 14. Mai die Quarantäne lockern und schrittweise die Schulen, Museen, Theater und Restaurants öffnen. Auch beim Versammlungsverbot wird die Anzahl erlaubter Personen von 10 auf maximal 50 erhöht. Ausserdem wird der Schengen-Binnenverkehr langsam wieder belegt, wenn auch mit der Auflage einer zweiwöchigen Selbstisolation nach der Einreise.

RussInnen machen sich auf Ferien zuhause gefasst

Wie Newsru.com schreibt, wird sich die russische Bevölkerung in diesem Jahr auf einen Urlaub innerhalb der eigenen Grenzen gefasst machen müssen. Mit Ausnahme von wenigen sehr populären Reisedestinationen wie Italien, Ägypten, die Türkei oder Griechenland halten viele Länder ihre Einreisesperren aufrecht. Und auch an jenen Orten, welche Touristen empfangen, werden strenge Hygiene- und Abstandregeln eingehalten müssen.

Das gilt insbesondere für Hotels und Flugzeuge, die vermutlich nur halb besetzt werden dürfen, was zu steigenden Preisen führt. Noch ist der Zeitpunkt der Lockerungen für den internationalen Tourismus unbekannt, was eine Planung schwierig macht. Ausserdem haben viele RussInnen ihr Erspartes während der Quarantäne aufgebraucht. Darum wird ein Grossteil die Ferien auf der eigenen Datscha verbringen oder ein Haus auf dem Land mieten. Die Nachfrage und die Mietpreise sind in diesem Bereich schon deutlich angestiegen.

In Russland wurden am 5. Mai 2020 offiziell 155000 Virus-Erkrankte verzeichnet, 19865 wurden geheilt, 1451 Personen sind gestorben. In Moskau sind 80115 Menschen erkrankt, 7870 geheilt und 816 Personen gestorben. Petersburg hat bisher 5572 Virus-Kranke, 1468 Geheilte und 37 Todesfälle registriert.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

www.fontanka.ru

www.kommersant.ru

www.online812.ru

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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