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Coronavirus in St. Petersburg – „Grippe-Ferien“ mit strengem Reglement

Von   /  27. März 2020  /  2 Kommentare

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eva.- Putin verschiebt Referendum über Verfassungsreform und ordnet „Zwangsferien“ an – Geschäftsleben und Mobilität werden stark eingeschränkt – Moskau und Petersburg richten Grippekliniken ein – Misstrauen gegenüber offiziellen Kranken-Zahlen in der Bevölkerung.

Wie erwartet, gab Präsident Putin in seiner Ansprache an die Nation vom 25. März die Verschiebung des für Ende April geplanten Referendums über die massiven und umstrittenen Verfassungsänderungen bekannt. Ausserdem verordnete er ganz Russland „Grippe-Ferien“ vom 28. März bis 5. April.

Um die soziale und wirtschaftliche Härtefälle durch die Pandemie zu vermeiden, kündete er eine Reihe von Massnahmen an – beispielsweise sollen Kreditschuldner, die mehr als 30 Prozent ihres Einkommens durch die Grippewelle verlieren, die Ratenzahlungen für mehrere Monate sistieren können. Die Sberbank kündete am Folgetag sogleich die Möglichkeit eines Zahlungsmoratoriums für solche Fälle an.

Stützungsmassnahmen für die Wirtschaft

Mittlere und Kleinbetriebe erhalten eine halbjährige Fristerstreckung für Steuerzahlungen. Gleichzeitig sollen Grossfamilien eine einmalige Zahlung erhalten, die Arbeitslosengelder leicht erhöht werden und Bezüger von Sozialleistungen sollen im kommenden Halbjahr ihr Geld ohne Nachweisverpflichtung erhalten. In derselben Ansprache kündigte er jedoch auch die Einführung neuer Steuern auf Gewinne von Bankeinlagen und Gelder, die auf ausländische Off-Shore-Konten überwiesen werden.

Wegen des starken Anwachsens von Covid-Infektionen landesweit, aber in erster Linie Moskau, wurden in der Hauptstadt weitere Einschränkungen für das öffentliche Leben verfügt. Neben der Schliessung sämtlicher Kultur- und Freizeiteinrichtungen von Museen, Bühnen und Galerie bis hin zu Clubs, Schwimmbädern und Fitnessklubs, wurde älteren Menschen ab 65 Jahren Selbstisolation verordnet. Ihnen, sowie Schülern und Studenten wurden bis am 14. April die Freifahrkarten im ÖV gesperrt, um die Passagierzahlen zu vermindern.

Einschränkungen könnten noch verschärft werden

Für St. Petersburg gelten ausser der Selbstisolation für SeniorInnen und Jugendliche dieselben Regeln bis Anfang Mai, die jedoch für die Dauer der „Ferienwoche“ noch verschärft werden, indem man dem Betrieb von Bars und Restaurant verbietet (ausser Hauslieferdienst). Bis auf Geschäfte mit dem Waren des täglichen Bedarfs, Apotheken, Banken und Tankstellen wird praktisch alles vom Coiffeursalon bis zur chemischen Reinigung, sowie Kirchen und Klöster geschlossen.

Die Schulen und Universitäten der Stadt gehen nach dieser Woche zum Fernunterricht über. Wer trotzdem ausgehen will, wird auch einen Grossteil der Parks geschlossen finden, weil sie in dieser Woche für die Frühlings- und Sommersaison vorbereitet werden. Für einen Rückgang an Mobilität wird auch eine Zwangspause für rund 120 Routen des ÖVs sorgen. Ein grosser Teil wird danach im Rahmen der Verkehrsreform sowieso gestrichen. Wie Fontanka.ru schreibt, ist nicht auszuschliessen, dass die Bedingungen je nach Entwicklung der Epidemie im April sogar noch verschärft werden.

Zusätzliche Spitalbetten werden bereit gemacht

Die offizielle Zahl von Corona-Grippekranken hat auf den 26. März nochmals drastisch zugenommen – von 495 auf 658, die meisten der neuen Fälle traten mit 120 in Moskau auf. Laut einer Umfrage des Moskauer Levada-Zentrums (offiziell als „ausländischer Agent“ eingestuft), bezweifelt ein Grossteil der Bevölkerung die Richtigkeit der offiziell publizierten Erkrankten-Zahlen. 35 Prozent der Befragten vertraut den Zahlen nur teilweise, 24 Prozent überhaupt nicht. Auf jeden Fall rechnet man auch in Petersburg mit einem starken Anstieg von Lungenkranken – allein schon deshalb weil in den kommenden Tagen mehrere hundert repatriierte Russinnen und Russen aus aller Welt eintreffen, die eine zweiwöchige Zwangsquarantäne durchstehen müssen.

Während in Moskau zur Zeit eine neue Grippeklinik buchstäblich aus dem Boden gestampft wird, macht man in Petersburg drei zusätzliche Kliniken ausschliesslich für Grippekranke bereit: das Spital des Heiligen Georg, das Vedenskaja-Spital, sowie das Stadtkrankenhaus Nr.2. Allein im letzteren sollen insgesamt 1200 Betten zur Verfügung stehen. Wie Angehörige von Patienten melden, unternimmt die Spitalleitung momentan alles, um die Patienten in andere Kliniken zu verlegen oder nach Hause zu schicken.

Bild: Das Referendum über Putins Verfassungsreform wird bereits überall angekündigt, ist jedoch bis auf Weiteres verschoben worden. (Bild: Eugen von Arb/SPB-Herold)

Weitere Artikel zu diesem Thema:

Coronavirus in St. Petersburg – Smolny-Regierung stellt auf Home-Office um

www.fontanka.ru

www.newsru.com

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

2 Kommentare

  1. Wie es sich in Westeuropa gezeigt hat, spielt die Anzahl von Test eine wichtige Rolle und relativiert die Vergleiche in der weltweiten Virus-Statistik wesentlich. Aber natürlich wird auch von Seiten der Politik versucht, die Zahlen möglichst gering zu halten. Allzu starke Manipulationen lassen sich jedoch auf die Dauer nicht verheimlichen.

  2. realsatire sagt:

    Russland hat 26x mehr Einwohner als Finnland, eine gemeinsame Grenze mit China und bis vor 3 Wochen jede Menge Chinesische Touristen und Händler im Land. Dennoch ist die absolute Zahl der Infektionen in Russland ca. 1/4 geringer (Stand 26.3.).
    Wer glaubt das diese Zahlen stimmen glaubt auch an den Weihnachtsmann. Die ungelöste Frage ist also wer hat ein Interesse daran das die Zahlen so niedrig sind, oder fehlt es einfach an Tests?

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