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30 Jahre nach der Berliner Mauer – Ratlosigkeit und eine fehlende Stimme

Von   /  31. Oktober 2019  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Im Petersburger Kino „Lendok“ fand eine Podiumsdiskussion über den Berliner Mauerfall vor 30 Jahren mit prominenten deutschen und russischen Journalisten statt. Trotz hochkarätiger Besetzung brachte die Diskussion nicht viel Neues zutage – vermutlich weil wie schon vor 30 Jahren eine wichtige Stimme fehlte – jene der DDR.

Zum Journalistengespräche war eine ganze Reihe bekannter JournalistInnen geladen – aus Russland: Vitali Dymarski, Autor beim Radiosender „Echo Moskwy“ und der „Rossijskaja Gazeta“ sowie Chefredaktor des historischen Magazins „Diletant“; Diana Katschalowa, Chefredaktorin der Petersburger „Nowaja Gazeta“, sowie Tatjana Trojanskaja vom Radio „Echo Moskwy, die das Gespräch moderierte. Aus Deutschland war der legendäre (west-) deutsche Journalist und Korrespondent Fritz Pleitgen angereist.

Letzterer stand fast während des ganzen Abends im Mittelpunkt – und das nicht nur weil der als Gast angereist war. Viel wichtiger war wohl die Tatsache, dass die Berliner Mauer und ihr Ende für die (Sowjet-) RussInnen nicht annähernd so wichtig war wie für die Deutschen. Ausser das der Mauerfall indirekt auch den Zerfall der Sowjetunion zur Folge verursachte. Diana Katschalowa brachte es mit ihrer Schilderung des 9. Novembers 1989 auf den Punkt. An jenem Abend sei sie vollauf mit ihren erkälteten Kindern beschäftigt gewesen, erzählte sie. Als ihr der Arzt die Nachricht vom Berliner Mauerfall mit den Worten überbrachte, „alles breche zusammen“, habe sie gedacht, mit den Kindern sei etwas passiert.

DDR galt in der Sowjetunion als Versorgungsparadies

Die russischen JournalistInnen waren sich einig – von der Mauer habe sich damals kaum jemand in der Sowjetunion eine Vorstellung gemacht, und nur wenige Sowjetbürger hätten sie jemals mit eigenen Augen gesehen. Ganz abgesehen davon galt die DDR damals bei den meisten Sowjetmenschen als Versorgungsparadies, weshalb die Euphorie für viele schwer nachzuvollziehen war. Einzig Vitali Dymarski hatte den „antifaschistischen Schutzwall“ gesehen und beschrieb sein Schauern bei dem Gedanken, mitten durch Moskau würde von einem Tag auf den anderen eine unüberwindbare Grenze gezogen.

Fritz Pleitgen, der als Fernsehkorrespondent in der DDR gelebt hatte und später auch deren Niedergang vor der Kamera mitverfolgte, schilderte wie er in Köln von der sensationellen Nachricht überrascht wurde und sich am Folgetag gleich nach Berlin begab. Pleitgen wird sicher nicht nur wegen seines grossen Wissens und seiner Professionalität als Journalist geschätzt. Er hat die seltene Gabe, Menschen auf Augenhöhe und mit viel Differenziertheit zu begegnen. Auch in diesem Gespräch trat er ohne jede Besserwisserei und Arroganz auf.

Pleitgen: Pressefreiheit für Russland

Er wünsche Russland Pressefreiheit, weil Länder mit einer kritischen Presse stabiler seien, meinte er. Dem widersprach jedoch Diana Katschalowa, indem sie daran erinnerte, dass gerade in den unstabilen Neunzigerjahren die russische Presse am freiesten gewesen sei. Auch wurde die Frage aufgeworfen, inwiefern freie Medien beim russischen Publikum überhaupt gefragt sind, bzw. wer verantwortlich ist für die Wahrung der Medienfreiheit.

In diesem Zusammenhang merkte Vitali Dymarski an, man müsse sich klar sein, dass das Publikum im Saal ein typisch regierungskritisches „Echo-Moskwy-Publikum“ sei, das aber keinesfalls die Mehrheit repräsentiere. Eine Kostprobe für jenes andere Publikum, das sich tagtäglich die Sendung des kremlnahen Fernsehens anschaut, gab der Auftritt einer Geschichtslehrerin aus dem Publikum, die Pleitgen mit sämtlichen Stichworten aus der russischen Propaganda-Küche bewarf: katastrophale Migration und Kriminalität im Westen, Aufrüstung der Nato, Propagierung der Homosexualität, usw.

Dem „Wessi“ Pleitgen fehlte ein Gegenüber aus dem Osten

Das Ende des Podiumsgespräch war von offensichtlicher Ratlosigkeit geprägt – kein Wunder, denn nach 30 Jahren Mauerfall gibt es wenig Grund zu feiern. Im Gegenteil sind Ost und West gerade wieder daran, eine neue Mauer zu errichten – nicht in Berlin, sondern in den Köpfen der Menschen. Vielleicht gab es noch einen weiteren Grund für dieses Gefühl einer Sackgasse – das Fehlen einer Stimme, die bereits seit 30 Jahren geflissentlich überhört wird, nämlich jene der DDR.

Es wäre nicht mehr als angemessen gewesen, auch jemanden einzuladen, der den historischen 9. November von der anderen Seite der Mauer erlebte. Dem „Wessi“ Fritz Pleitgen fehlte ein ebenbürtiges Gegenüber aus dem Osten. Eine Person solchen Formats wäre zweifellos aufzutreiben gewesen, doch kam niemand auf die Idee, noch einen Stuhl hinzustellen. Dieses Versäumnis spiegelt die nach wie vor stark vertretene Haltung im Westen Deutschlands, die Bevölkerung der DDR habe aus lauter unmündigen Hohlköpfen und Wendehälsen bestanden. Dieser fatale Irrtum ist mit dafür verantwortlich, dass sich Deutschland heute in einer der tiefsten politischen Krisen der Nachkriegszeit befindet.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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  • Veröffentlicht: 1 Monat vor auf 31. Oktober 2019
  • Von:
  • Zuletzt geändert: Oktober 31, 2019 @ 4:37 pm
  • Rubrik: Aktuell, Politik

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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