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Postsowjetische Vergangenheitsbewältigung: Kampf um die Deutungsmacht

Von   /  15. Februar 2014  /  Keine Kommentare

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rian.- Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses in der russischen Staatsduma (Parlamentsunterhaus), Alexej Puschkow, hat sich für ein Gesetz über den Schutz der Geschichte ausgesprochen, schreibt die „Nesawissimaja Gaseta“. Nach Auffassung des Abgeordneten „gibt es sehr viele Menschen im Ausland und leider auch in Russland, die unsere Geschichte entstellen wollen“.

Sein Vorschlag geht auf die jüngste Debatte im lettischen Parlament über die Einführung von Strafen für das Leugnen der nationalsozialistischen bzw. sowjetischen „Okkupation“ Lettlands zurück. Puschkows Initiative ist nicht die erste derartige, die in der Duma in letzter Zeit angekündigt wurde. Vor kurzem hatte eine Abgeordnetengruppe um Irina Jarowaja (Geeintes Russland) vorgeschlagen, die „Rechtfertigung“ der Nazi-Ideologie strafrechtlich zu ahnden.

Die Geschichte, die die Parlamentarier „schützen“ wollen, bezieht sich stets auf die Sowjet- und Kriegszeiten. Dies ist kein Zufall, denn der Krieg ist und bleibt für viele Russen ein Teil ihrer persönlichen bzw. ihrer Familiengeschichte und ein sehr sensibles Thema. Denn die Sowjetzeiten werden von vielen positiv im Vergleich zu den schlimmen Erfahrungen aus den „wilden 90ern“ wahrgenommen. Zwar leugnet kaum jemand die Repressalien der 1930er-Jahre, doch insgesamt werden die Sowjetjahre als positiv empfunden.

Umso kritischer werden in Moskau negative Begriffe wie „Besatzung“ in Bezug auf die Sowjetunion seitens der baltischen Länder gesehen. Eine solche Verschiebung der Akzente verletzt Russlands gewohntes Weltbild. Politiker, darunter die Regierungspartei, nutzen die emotionale Bindung der Mitbürger an die „guten alten Zeiten“ gerne für ihre eigenen Interessen.

Die Geschichtsschreibung im postsowjetischen bzw. osteuropäischen Raum sorgt bei den konservativen Eliten immer für heftige Debatten. Das ist im Baltikum, in der Ukraine, in Polen und Ungarn zu sehen. Die Kräfte, die das negative Image des feindseligen sowjetischen Russlands oder umgekehrt das Modell der „guten“ sowjetischen Vergangenheit und der „undankbaren früheren Verbündeten“ nutzen, gießen sich in Wahrheit gegenseitig  Wasser auf die Mühlen, indem sie die Politik in eine Art „Wettbewerb der Mythen“ verwandeln.

Wenn die Geschichte vor jemandem beschützt werden muss, dann vor den Politikern und ihrem Drang, sich in Bereiche einzumischen, die ihre eigenen „natürlichen“ Regeln haben. Geschichte ist keine präzise oder experimentelle Wissenschaft, der Austausch von unterschiedlichen Meinungen ist normal. Der einzige verzerrende Faktor ist die Gewissenlosigkeit.

Wenn Verbote „von oben“ oktroyiert werden, wenn Diskussionsthemen oder Interpretationsmöglichkeiten künstlich begrenzt werden, wenn Meinungen in „offizielle“ und „marginale“ eingestuft werden, dann hält Gewissenlosigkeit Einzug in die Geschichte. Unter solchen Umständen wird die Geschichte ein Bereich für Menschen, die gewisse Dogmen beredsam wiedergeben und schützen können (zu ihnen gehören Politiker zweifelsohne). Historiker, die kritisch denken und unangenehme Fragen aufwerfen, befassen sich nur mit der angewandten Wissenschaft, für die sich der normale Bürger nicht interessiert.

www.rian.ru

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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