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70 Jahre nach dem Hitler-Stalin-Pakt: Litauen zwischen Eigenständigkeit und Annäherung zum russischen Nachbarn

Von   /  25. August 2009  /  Keine Kommentare

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rian.- Anlässlich des 70. Jahrestags der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Pakts am 23. August sprach RIA Novosti mit dem litauischen Historiker und Politiker Arvydas Anusauskas über die Position Litauens zu den Ereignissen jener Jahre und seine Sicht auf die künftige Entwicklung der russisch-litauischen Beziehungen. Anusauskas war bis vor kurzem noch Abteilungsleiter im Forschungszentrum über Genozid und Widerstand und ist seit dem vorigen Jahr litauischer Abgeordneter, Vorsitzender des Parlamentsausschusses für nationale Sicherheit und Verteidigung sowie verantwortlich für parlamentarische Kontakte mit Russland. Litauen feiert ab diesem Jahr dieses Datum als Europäischen Gedenktag an die Opfer des Stalinismus und des Nazismus und Tag des Baltischen Weges begangen wird.

RIA Novosti: Litauens Präsidentin Dalia Grybauskaite hat wiederholt erklärt, dass es sich in den zwischenstaatlichen Beziehungen nicht lohnt, in der Vergangenheit zu wühlen, weil das die zukünftigen Beziehungen verderbe. Sollte Litauen vielleicht den Hitler-Stalin-Pakt nicht so sehr akzentuieren und dieses Datum zum Tag der nationalen Trauer erheben?

Anusauskas: Der Vertrag selbst ist eine historische Gegebenheit, die unterschiedlich eingeschätzt werden kann. Das Problem ist, wie sich diese Einschätzungen auf die Beziehungen zwischen den Staaten und den Völkern auswirken. Ich glaube, für Litauen ist es unannehmbar, dass es zur Rehabilitierung der Außenpolitik der Stalin-Zeiten kommt.

Russland hält diesen Pakt für eine Unvermeidlichkeit und findet, dass er es ermöglichte, Zeit zu gewinnen und gegen den Konflikt mit Deutschland eine Schranke zu errichten. Doch die Widerrechtlichkeit des Molotow-Ribbentrop-Vertrags wurde auch auf dem Kongress der Volksdeputierten 1989 in Moskau anerkannt, deshalb muss sich Russland als Rechtsnachfolger der Sowjetunion an diesen Beschluss halten.

RIA Novosti: Bedeutet die Position Litauens und Ihre Position als Parlamentarier, dass die Sowjetunion durch diese Handlung bei der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs die Hand im Spiel hatte?

Anusauskas: Der Vertrag selbst sollte nicht mit dem Krieg verknüpft werden. Der Zweite Weltkrieg begann später, während die Aufteilung vor dem Krieg geschah.

Ich bin überzeugt, dass für gute Beziehungen zwischen den Staaten gegenseitiges Verständnis notwendig ist. Man sollte nicht mit unbegründeten Beschuldigungen um sich werfen. Litauen und die Litauer verstehen, dass Russland  während des Zweiten Weltkriegs kolossale Verluste erlitten hat.

Es wäre aber gut, wenn Russland zugeben würde, dass infolge der Politik des Stalinismus auch Litauen große Verluste erlitt – durch Krieg und Stalinismus verlor Litauen einen Drittel seiner Bevölkerung, insgesamt beinahe eine Million Menschen. Man sollte die Geschichte nicht umschreiben, vielmehr sollte man versuchen, einander zu verstehen. Doch darf es hier keine einseitigen Zugeständnisse geben: Beide Seiten müssen nach einer Einigung streben.

Wissen Sie, es ist bisweilen bitter, wenn es heißt, sämtliche Unabhängigkeitskämpfer Litauens nach dem Krieg seien Banditen gewesen. Selbst in den Rechenschaftsberichten des NKWD für 1944 wurden sie als Aufständische bezeichnet, und erst später entschied man sich für ein ideologisch „passendes“ Wort.

RIA Novosti: Der Hitler-Stalin-Pakt ist nicht einzigartig in seiner Art. Die Weltmächte teilen zu jeder Zeit etwas unter sich auf…

Anusauskas: Ja, es wird bis heute geteilt und neu aufgeteilt. Aber meiner Meinung nach verstieß die Sowjetunion durch die Angliederung Litauens gegen mehrere gültige Verträge mit unserem Staat, ebenso wie Deutschland, das später Litauen besetzte und gegen den gültigen litauisch-deutschen Vertrag über Nichtverletzung der staatlichen Souveränität verstieß.

RIA Novosti: Konnte aber Litauen in jenen Jahren unabhängig bleiben? Hätte es seine Souveränität beibehalten, wenn es nicht den Molotow-Ribbentrop-Vertrag gegeben hätte?

Anusauskas: Litauen hatte natürlich die Wahl. Wir waren gar nicht so hilflos und hätten vor dem Krieg für eine der Seiten – Deutschland oder die Sowjetunion – Partei ergreifen, hätten ein Bündnis mit anderen Westmächten wählen können. Doch die Regierung entschied sich für eine passive Neutralität, weshalb es zu den bekannten Ereignissen kam: zu einer praktisch widerstandslosen Angliederung an die Sowjetunion.

RIA Novosti: Am 23. August 1989 schlossen sich über eine Million Menschen im ganzen Baltikum zum so genannten Baltischen Weg zusammen und forderten das Recht, aus der UdSSR auszutreten. Heute sind in Litauen so ausgeprägte antirussische Stimmungen nicht zu beobachten. Sind die Menschen es vielleicht schon müde, in Russland einen Feind zu sehen?

Anusauskas: Die Vergangenheit lässt sich nicht wiederholen – damals war es eine schöne Aktion, die die Einheit der baltischen Völker veranschaulichte. Aber niemand will es sich mit Russland verderben – es ist ja ein Nachbar, ein großer Nachbar, man muss mit ihm friedlich nebeneinanderleben. Doch die eigenen Prinzipien darf man dabei nicht aufgeben.

RIA Novosti: Litauens Einstellung zu solchen historischen Momenten wie dem Hitler-Stalin-Pakt und der Angliederung Litauens an die Sowjetunion ist ziemlich kategorisch und stimmt mit dem russischen Standpunkt nicht überein. Ist angesichts solcher Widersprüche eine gegenseitige Annäherung zwischen Litauen und Russland möglich?

Anusauskas: Warum denn nicht? In der Realität ist alles so schlimm nicht. Zwischen uns hat sich nach vielen Jahren ein Dialog abgezeichnet. Das ist ein großer Fortschritt. Denn unsere Präsidenten sprachen acht Jahre nicht miteinander, jetzt aber hat ein – recht positives – Telefongespräch stattgefunden.

Ich habe in diesem Jahr Moskau besucht, mich unter anderem mit einem Kollegen, dem Vorsitzenden des Sicherheitsausschusses in der Staatsduma, getroffen und dabei mit Verwunderung erfahren, dass wir seit mehr als zehn Jahren überhaupt keine Kontakte mit den russischen Kollegen gehabt haben. Tatsächlich sehen wir oft ein und dasselbe von verschiedenen Standpunkten aus. Aber das Eis ist gebrochen, und ich bin sicher: Selbst wenn wir einander nicht immer angenehme Dinge sagen, ist das doch besser, als sich gegenseitig komplett zu übergehen.

RIA Novosti: Ist Litauens Forderung begründet, dass Russland als Rechtsnachfolger der Sowjetunion den Schaden kompensieren müsse, der Ihrem Land durch die so genannte Okkupation zugefügt wurde?

Anusauskas: Diese Forderung Litauens ist durch einen Volksentscheid bekräftigt worden. Sie kann unmöglich plötzlich aufgehoben werden. Einige russische Politiker empfinden unsere Forderungen als einen Versuch, von Russland Kontributionen zu bekommen, aber das stimmt nicht. In den stalinschen Lagern wurde die Arbeit von Millionen Menschen ausgenutzt, nicht nur von Litauern, sondern zu einem großen Teil auch von Russen selbst.

In diesem Fall spricht Litauen von sich selbst. Nicht der Staat braucht eine Kompensation, vielmehr haben sie jene Menschen nötig, die zur Arbeit beim Bau verschiedener Objekte in Sibirien, Kasachstan und selbst in Litauen gezwungen wurden. Denn die Werke, die sie bauten, sind auch heute noch in Betrieb. Warum also könnten die Leiter dieser Werke – vielleicht sogar gemeinsam mit dem Staat – nicht eine Stiftung gründen, die den Erbauern dieser Unternehmen eine Entschädigung auszahlen würde? Der bekannte Konzern Norilsk Nickel zum Beispiel wurde von den später rehabilitierten Menschen errichtet. Verdienen sie denn nicht eine Kompensation für ihre Arbeit und ihre Gesundheit, die sie dem Industriegiganten opfern mussten?

Bei uns in Litauen erreicht die Zahl der Repressierten und Zwangsarbeiter beinahe 100.000. Niemand außer Litauen selbst zahlt ihnen irgendwelche Kompensationen. In der ganzen Sowjetunion betrug die Zahl solcher Menschen mehrere Millionen. Ihre Arbeit zu bezahlen – das ist keine Erniedrigung für einen Staat, sondern eine ganz normale Handlung, wie die deutschen Erfahrungen bereits gezeigt haben. Ich glaube daran, dass Russland in Zukunft diese Frage lösen wird.

RIA Novosti: In den sowjetischen Jahren wurden in Litauen ja einige Industrieobjekte gebaut. Ist es nicht möglich, sie als eine Art Kompensation für den zugefügten Schaden, falls ein solcher stattfand, zu verrechnen?

Anusauskas: Als die Sowjetarmee aus Litauen abgezogen wurde, gab es Versuche, von einer Kompensation für die militärischen Güter zu sprechen, die in Litauen zurückgeblieben waren. Doch wurde darüber keine Vereinbarung erzielt, und alles ging an den litauischen Staat unentgeltlich über. Das wäre die eine Seite der Medaille.

Es gibt aber auch eine andere. Laut unseren Berechnungen wurde bis zu den 70er Jahren in Litauens Wirtschaft wirklich viel Geld investiert. Dann aber, als es zum Rückfluss kam, wurde aus Litauen mehr ausgeführt als eingeführt.

RIA Novosti: Wie sind die Ereignisse von 1939 in den litauischen Lehrbüchern dargestellt? Wird die historische Wirklichkeit nicht um der patriotischen Erziehung der Jugendlichen willen entstellt?

Als Historiker habe ich nicht wenig litauische und russische Lehrbücher gelesen. Weder die einen noch die anderen enthalten die absolute Wahrheit, ein Teil davon wird totgeschwiegen, ein anderer entstellt und immer noch gibt es ziemlich viele aus Sowjetzeiten entlehnte Formulierungen. Nur gut, dass es an den litauischen Universitäten bisher keine speziellen Lehrbücher zu dieser Periode gibt, weshalb die Studenten ihre Kenntnisse aus verschiedenen Quellen gewinnen, die ein objektives Bild der vergangenen Ereignisse entwerfen.

Es gibt litauisch-russische Historikerkommissionen, die erfolgreich arbeiten. Eine Zeitlang war ich ebenfalls Mitglied einer solcher Kommissionen. Doch das allgemeine Verständnis kommt nicht so schnell, wie man es gerne möchte. Unser Hauptziel ist es, zu erreichen, dass die Lehrbücher, die die Sicht der jungen Menschen auf die nächsten Nachbarn formen, mehr historische Wahrheit enthalten. Dass es daran mangelt, ist bis jetzt spürbar.

Das Interview führte Andrej Schukowski

www.rian.ru

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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