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150 Jahre Bauernbefreiung: Illusion der eigenen Ackerscholle

Von   /  5. März 2011  /  Keine Kommentare

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rian.- Vor 150 Jahren wurde in Russland die Leibeigenschaft abgeschafft. Diese Bauernbefreiung im Jahr 1861 war ein zwar wichtiges, aber auch umstrittenes Ereignis. In der Sowjetunion geriet sie fast in Vergessenheit, aber auch in Russland wurde ihr bis zuletzt kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Möglicherweise weil die damit verbundenen Hoffnungen nicht in Erfüllung gegangen sind – die Bauern wurden nicht wirklich frei, sondern verwandelten sich von „Leibeigenen“ in „Verpflichtete“. Außerdem wurde der umkämpfte Boden-Streit durch diese Reform nicht gelöst. Die Lunte glimmte und entzündete sich in den frühen  1900er Jahren zur Revolution. Aber auch heute ist dieses Problem ungelöst.

Das Manifest von 1861 wurde in Russland und auch außerhalb des Landes mit Begeisterung wahrgenommen, löste jedoch eine Welle von Bauernaufständen aus. Aber was sollte man von einfachen Männern erwarten, die nach der formellen Befreiung weiter an ihre einstigen Fronherren gebunden waren und ihre Fröne zahlen mussten? Aber die Regierenden damals waren überzeugt, dass sie ihr Bestes getan hatten.

Dieses Verhalten entwickelte sich zu einer schlechten Gewohnheit: Jedes Mal, wenn die Mächtigen in Russland auf ein großes Problem stießen, das sie nicht mehr ignorieren konnten, aber auch nicht lösen wollten, griffen sie zur Formel: „Es ist schlimm, aber man kann nichts tun.“ Dann wird dafür jede Menge von „gewichtigen Gründen“ angeführt. Es bürgerte sich die Maxime ein: Wenn wirklich nichts gemacht werden kann, dann muss man sich anpassen und weiterleben.

So verhielt man sich immer in Russland zur Leibeigenschaft: Die fortschrittlichen Adligen begriffen zwar, dass sie ein Übel war und forderten ihre Abschaffung, aber die Umstände dafür waren nicht gegeben. Katharina II. soll gesagt haben: „Die Gutsherren hängen mich schneller auf, als die befreiten Bauern kommen, um mich zu retten.“ Auch Katharinas Enkel Alexander I. hatte einen Plan zur Abschaffung der Leibeigenschaft, aber… Die Gesellschaft war dazu nicht bereit, wie man heute zu sagen pflegt.

Auch zu der Bauernreform von Alexander II. war die russische Gesellschaft nicht bereit. Ihre Befürworter, die es ernst meinten, lassen sich an den Fingern abzählen: der Monarch selbst, sein Bruder, Großfürst Konstantin, und wenige Regierungsmitglieder. Man kann ihre Entschlossenheit nur bewundern, die Reform durchzusetzen, die ihre Vorgänger nicht gewagt hatten.

Großes Geheimnis des Reiches

Alexander II. sagte häufig, er habe die Leibeigenschaft „von oben“ aufgehoben, damit das Volk nicht das Gleiche „von unten“ tut. Damit zog er die Reform einer Revolution vor. Natürlich spielte die Gefahr sozialer Unruhen eine wichtige Rolle, aber das war nicht der Hauptgrund. Hauptsächlich ging es um die Wirtschaft – und zwar um den Außenhandel.

Seit dem 16. Jahrhundert ähneln die Handelskontakte Russlands mit den europäischen Ländern, vor allem mit Großbritannien, den Beziehungen zwischen einer Kolonie und dem Mutterland. Russland versorgte den Westen mit wichtigen Rohstoffen – Holz, Hanf, Pelzen, Wachs, Getreide usw. und erhielt dafür Industrieerzeugnisse, Waffen, Luxuswaren und manchmal Technologien. Der Unterschied zu einer richtigen Kolonie bestand darin, dass Russland rechtlich und militärpolitisch unabhängig war.

Industrieerzeugnisse haben bekanntlich einen viel höheren Mehrwert als Rohstoffe. Deshalb sollte die exportierte Rohstoffmenge zig Mal größer sein als der Warenimport. Aber die Produktion von Baumwolle, Getreide, Indigo oder Holz ist sehr arbeitsintensiv. Solange die Industrierevolution den Agrarsektor nicht erreicht hatte, gab es nur eine Möglichkeit, bei niedrigen Selbstkosten mehr produzieren zu können – und zwar mit Zwangsarbeit.

Nicht umsonst erreichte die Industrierevolution in Großbritannien ihren Höhepunkt mit dem gleichzeitigen Aufschwung der Sklavenwirtschaft in Nordamerika, der Fronwirtschaft in Russland und dem Plantagenbau in Indien und Südostasien (im 18. bzw. frühen 19. Jahrhundert). Die Industrierevolution im Westen war die „Mutter“ der Fronwirtschaft und später ihr Totengräber. Im 19. Jahrhundert brauchte die britische Wirtschaft schon mehr als die amerikanischen Sklaven, die russischen leibeigenen Bauern und die chinesischen Kuli produzieren konnten.

Die Industrialisierung der Landwirtschaft in der Mitte des 19. Jahrhunderts bedeutete das Todesurteil für Wirtschaften, die sich auf die Zwangsarbeit stützten. Deshalb kam in dieser Zeit in den USA zu einem Bürgerkrieg, während in Russland die Leibeigenschaft abgeschafft wurde.

Warum der Zar nicht gewinnen konnte

Natürlich hatte man im 19. Jahrhundert keine Ahnung von dem „peripherischen Charakter“ der russischen Wirtschaft, wie er heute genannt wird. Man wusste eher intuitiv, dass das russische System krankte. Außerdem verwiesen darauf einige Faktoren, darunter Russlands Niederlage im Krim-Krieg. Die Machthaber begriffen, dass die Zeit für Reformen und die Modernisierung gekommen war.

Aber wie die historischen Erfahrungen zeigen, sind für eine erfolgreiche Modernisierung nicht nur Reformen, sondern eine Revolution erforderlich, selbst wenn sie von „oben“ initiiert wird. Als Beispiele herhalten können die Meiji-Revolution in Japan (1866-1869) und der Bürgerkrieg in den USA, der häufig als zweite Revolution in Amerika angesehen wird.

Die Initiatoren der beiden Revolutionen wussten, dass sie die alte Gesellchaftsordnung nicht reparieren, sondern zertrümmern mussten. Man musste das Kleine opfern, um das Große zu retten. Die Progressive Partei aus dem Umfeld des japanischen Kaisers schaffte nicht nur die Samurai-Kaste ab, sondern unterdrückte grausam 1877 auch eine Revolte der Samurais, die sich nicht fügen wollten. Von dem tragischen Schicksal der südlichen US-Bundesstaaten, wo die Sklaverei herrschte und die letztendlich von den industriellen nördlichen Staaten bezwungen wurden, erzählt der Film „Vom Winde verweht“.

Der russische Zar suchte aber nach einem Kompromiss und entsprach letztendlich den Interessen der Gutsherren. Damit bekam eine relativ kleine Bevölkerungsschicht die Kontrolle über den größten Teil des russischen Bodens. Das Große wurde zugunsten des Kleinen geopfert. Die Bauern, die überzeugt waren, dass Freiheit ohne Boden unmöglich war, bekamen nur wenig Land und die Illusion, dass sie den Boden dank eines staatlichen Kredits kaufen könnten.

Nach der Reform blieb das fiskalische Instrument der Leibeigenschaft unangetastet – die Bauerngemeinde, die von einigen Historikern fälschlicherweise als Teil der Selbstverwaltung des Volkes bezeichnet wird. In Wirklichkeit handelte es sich bei jedem unfreien Kollektiv jedoch um eine Form der kollektiven Verantwortung – wenn ein Bauer schuldig war, mussten alle Mitglieder der Gemeinde Rede und Antwort stehen. Die Behörden begriffen, dass diese Reform fehlerhaft war. Davon zeugt der Briefwechsel zwischen Alexander II. und seinen Gleichgesinnten. Aber die Maxime „man kann nichts tun“ gewann die Oberhand. Wobei nur der irgendwann gewinnen kann, der den einzig möglichen Ausweg aus einer Sackgasse gefunden hat.

Schwarze Umverteilung

Außerdem beweisen die historischen Erfahrungen deutlich, dass halbgare Maßnahmen so etwas wie Medikamente sind, die nur die Symptome einer Krankheit behandeln, aber nicht sie selbst. Die Entzündung selbst verschwindet aber nicht, obwohl der Kranke sie bis zu einem gewissen Zeitpunkt nicht spüren kann.

Wenn er sie endlich zu spüren bekommt, ist es leider zu spät – betroffen sind schon die lebenswichtigen Organe. Genau das geschah auch in Russland. Einige Historiker halten die Bauernreform von 1861 für den Ausgangspunkt des Revolutionsprozesses in Russland. Ein krasses Beispiel dafür ist die Idee der „schwarzen Umverteilung“ – der Übergabe von Grundstücken der Gutsherren an die Bauern, die zu einem der wichtigsten Mottos der sozialistischen Revolution im Oktober 1917 wurde.

Das historische Paradox besteht darin, dass weder die Oktober-Revolution noch der Zerfall der Sowjetunion im Jahr 1991 das Problem des Bodenbesitzes lösen konnten. Die vor 150 Jahren angezündete Lunte glimmt immer noch. Bis zuletzt hat nur etwa ein Viertel aller Bauern eigene Grundstücke bekommen. Die russischen Getreidehersteller streben nach gigantischen Großbetrieben, die politisch korrekt als Agrarholdings bezeichnet werden. Diese Agrarholdings besitzen im Durchschnitt 200.000 bis 300.000 Hektar große Grundstücke. Einige Agrarriesen haben sogar fast 700.000 Hektar Land.

Regionale Gutsbesitzer begnügen sich mit Grundstücken von 50.000 bis 100.000 Hektar. Die Farmwirtschaften aber stellen einen besorgniserregenden Trend fest – die Vertreibung der Bauern von Grund und Boden. Viele Beobachter sind ratlos: So ist nun einmal die Marktlogik, und daran kann nichts geändert werden. Aber in den USA als größter Getreideimporteur der Welt diktiert die Marktlogik ganz andere Richtlinien. Dort wird die Getreideproduktion von Hunderttausenden kleinen Farmern kontrolliert, die im Durchschnitt über Grundstücke von 1200 Hektar verfügen (Wlad Grinkewitsch).

www.rian.ru

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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