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Typisch Russland: Bettler – ein mehr oder weniger angesehener „Berufsstand“

Von   /  18. Juli 2008  /  2 Kommentare

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eva.- Russland ist kein armes Land, das war es nie. Aber es gibt hier viel Elend, das war schon immer so. Das Elend zeigt sich offen – Trinker, Bettler und Obdachlose gehören zum Strassenbild, es sind fast Berufe. In einem anderen Land würden sie umgehend von Polizei oder Sozialarbeitern „versorgt“ – hier lässt man sie stehen und liegen. Man lässt sie wie sie sind, weil niemand glaubt dass sich etwas ändert. Nur hin und wieder wird durchgegriffen, dann aber grob. Ein ganz besonderer „Berufsstand“ sind die Bettler, die in streng abgetrennten Kasten existieren.

Am anerkanntesten sind Frauen, vor allem jene, die sich als Gläubige zu erkennen geben. Am Newski Prospekt kniet oft eine alte Frau vor einer Ikone, die sie zitternd anbetet – sie bekommt leicht eine Zehnrubelnote zugesteckt. Diese wird gleich in der Tasche verstaut, während die kleinen Münzen im Karton liegen bleiben – wer bettelt, muss elend aussehen. Auch in der Metro stehen oft Grossmütterchen mit einem Plastikbecher. Ihr Standort ist ebenso einträglich wie problematisch, denn einerseits geht hier stets viel Volk, andererseits zückt niemand gerne sein Portemonnaie in der von Taschendieben verseuchten Untergrundbahn. Doch wenn sie etwas kriegen, dann nicht geizig, zwei oder Fünfrubelmünzen. Da in Russland oft die Frauen den Familien-Karren ziehen, wird ihre Armut respektiert.

Bei Bettlerinnen, die mit Kindern oder Babies auftreten, wird man hingegen skeptischer – sie wirken wie Beweisstücke. Ihr Vater sei gestorben, erzählt eine Kartontafel, oder sie seien ohne Obdach und Verdienst – zögernd greift man zu einem Rubel, man hat schliesslich ein Herz. Männer hingegen haben es schwer. Ein Mann der bettelt, ist eben ein Versager, denken viele. Ihm gegenüber entlädt sich denn auch das ganze Misstrauen – „Womöglich will er nur Geld für ein Bier haben“, denkt der Hinterkopf. Bestätigen Alkoholdunst oder Schwanken dieses Vorurteil, so schiessen verächtliche Seitenblicke auf die vorgestreckte Konservenbüchse und ihren Besitzer: „Geh arbeiten – fauler Nichtsnutz!“

Die einzigen Männer, die als Bettler legitimiert sind, tragen Uniform – die Kriegsinvaliden. Ein sonderbarer Patriotismus treibt den Leuten das Geld aus der Tasche. Diese Männer haben für Russland gekämpft, haben ihre Beine und Arme in Afghanistan und Tschetschenien gelassen – in Kriegen, die niemand verstanden hat. Das Prestige der Helden im Tarnanzug, die singend einen Kameraden im Rollstuhl durch die Metro schieben, wurde nur kürzlich durch einen Zeitungsartikel angekratzt. Die wenigsten von ihnen hätten jemals eine Uniform getragen, stand darin geschrieben, eine richtige „Bettler-Mafia“ stehe hinter ihrem Treiben – peinlich.

Die niedrigste Bettlerkategorie bilden die Zigeuner-Frauen, die oft vor Kirchen um Geld bitten. „S prasdnikom!“ – mit diesen monoton wiederholten Worten gratulieren sie unterwürfig zum Fest. Kaum können ihre Kinder sitzen, werden sie als selbstständige „Posten“ neben alle Zugänge gepflanzt – die hohle Hand machen von Kindsbeinen an. Manche Frauen stecken den Kindern etwas Süsses zu. Die Mütter kriegen von vielen bloss wertlose Kopekenmünzen zugeworfen, die ohnehin nur im Geldbeutel stören. Sie sind die ärmsten Bettler.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

2 Kommentare

  1. Iwan sagt:

    Eine Kaste wurde in diesem Bericht nicht erwähnt. Es geht um die vielen Kinder und Jugendlichen, welche vor allem an den Metrostationen bei den Verkaufsständen versuchen das Rückgeld zu ergattern. Von ihren alkoholabhängigen Eltern alleine gelassen sind sie gezwungen irgendwie an Geld zu kommen. Was am Anfang schleichend anfängt wird dann oft zur täglichen Beschäftigung. Sehr schnell geraten diese Kinder in den Strudel der Strassenbanden und damit in die Kriminalität. Auch ist der Weg zu den Drogen dann nicht mehr weit. Und damit geht dann ein richtig elendes Leben los. Alsbald schlägt das HIV-Virus zu und das Leben ist besiegelt. Sicher gibt es Kinderheime, aber diese sind oft nicht viel besser. Auch dort sind die Drogen nicht weit. Ich kenne mehrere Fälle persönlich und in jedem Fall fand ich kaum einen gangbaren Weg wie man dieses Schicksahl abwenden könnte. So lange der Staat Geld für neue Atomwaffenprojekte hat, aber die Familien keine richtige Unterstützung kriegen, wird sich da wohl kaum was ändern. In den letzten Jahren wurde die Situation etwas besser. Es ging den meisten Leuten gut. Aber nun erfasst die weltweite Finanzkriese auch Russland und alsbald werden wohl auch wieder mehr Kinder auf der Strasse landen. Aber die Hauptsache ist, dass der Staat einen imaginären „Feind“ abwehren – ja 1000-fach töten könnte. Aber der innere Feind der Verwahrlosung wird nur halbherzig angegangen.

  2. Anonymous sagt:

    Interessantes Thema … Mein russischer Bekannter in SPB hat mir dort zum Thema „Bettler in Uniform“ erklärt, dass es sich dabei immer um „Betrüger“ handele, da der Staat für echte Kriegsinvaliden ein funktionierendes Versorgungssystem aufgebaut habe. Ich persönlich merke, dass ich bei jedem Besuch in SPB weniger emotional ergriffen bin von der zur Schau gestellten Not. Es gehört halt zum ganz normalen Leben dazu.

    J.

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