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Ist die Ehe in Russland am Ende? Petersburg hat eine Scheidungsrate von 57 Prozent

Von   /  23. Juli 2008  /  Keine Kommentare

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eva.- In Petersburg wurden im vergangenen Jahr rund 44.000 Ehen geschlossen und 25.000 geschieden, schreibt die Zeitung „Moi Rayon“. Als wichtiger Scheidungsgrund wird die Zunahme von physischer und psychischer Gewalt und Erniedrigung durch den Ehemann angeführt, die nicht nur immer öfter zu Scheidungen, sondern auch zu Selbstmorden unter Frauen führt. Viele Ehen scheitern offenbar auch durch das verbreitete Klischee einer „Glamour-Ehe“ unter Frauen, nach dem der Gatte das Geld verdient, und die Gattin es ausgibt. Ein unrealistisches Bild des Ehelebens ist laut Irina Chomenko, Leiterin des Lehrstuhls für Familien-Pädagogik an der Herzen-Universität, neben dem wachsenden Selbstvertrauen der Frauen ein Hauptgrund für den Bruch vieler Ehen.

Marina und Alexei – das typische Scheidungspaar

09_august_2003_0241 Als typisches Beispiel einer Scheidungsgeschichte wird das Schicksal von Marina und Alexei erzählt. Für ihre Hochzeit nehmen die Eltern einen Kredit über umgerechnet 50.000 Euro auf, das junge Paar feiert gross, geht auf Hochzeitsreise nach Mexiko und kriegt eine Wohnung geschenkt. Die ersten Konflikte passieren nach Besuchen der Freunde des Ehemanns, die jeweils einen Berg von Müll und schmutzigem Geschirr hinterlassen, den Marina ohne jede Hilfe von Alexei wegschaffen muss. „Ich hatte die Rolle eines Dienstmädchens“, sagt sie. Auch als sie schwanger wird, erhält sie keinerlei Unterstützung im Haushalt durch den Mann, der sich nach der Arbeit erst an den Tisch und danach hinter Computer oder Fernseher setzt.

Mehr und mehr entfremden sich die beiden, bis der Mann schliesslich seine Freizeit immer weniger zuhause und immer öfter allein und mit Freunden beim Bier verbringt. Wehrt sich Marina dagegen, überhäuft er sie mit Vorwürfen, sie könne nicht kochen, gebe zuviel Geld aus und höre zuwenig auf ihn. Dann nimmt er nicht einmal mehr sein Telefon ab, wenn sie anruft – Marina nur einen Ausweg: die Scheidung. Beide kehren zu ihren Eltern zurück, doch während ihre Scheidung längst in die Brüche gegangen ist, zahlen diese noch immer den Kredit zurück.

Viele russische Männer sind infantil und gehen fremd

hochzeit_p5275743 Die Infantilität Alexeis und vieler russischer Männer ist ein oft diskutiertes Thema – die Mädchen werden zu Müttern ihrer künftigen Ehemänner erzogen. Auch Seitensprünge spielen eine wichtige Rolle beim Auseinandergehen von Paaren. So haben nach einer anonymen Befragung 20 Prozent der russischen Männer eine zweite Beziehung, von den Frauen hingegen gehen nur fünf Prozent fremd. Zweifellos spielt hier das demografische Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern mit einem deutlichen Männermangel eine wichtige Rolle. Das wiederum hat mit dem vergleichsweise ungesunden Lebenswandel (z.Bsp Alkoholismus) und der niedrigen Lebenserwartung der russischen Männer zu tun.

Eine Folge der hohen Scheidungsrate ist eine Vielzahl auseinander gerissener Familien – rund ein Viertel aller Familien lebt mit mit nur einem Elternteil. Ausserdem nimmt das Misstrauen gegen der Ehe als Institution zu, denn während 1989 noch 18 Millionen erwachsener Russinnen und Russen unverheiratet waren, wuchs ihre Zahl bis 2002 auf 25 Millionen an. Eine weitere Folge ist die niedrige Kinderzahl – Petersburg führt mit 59 Prozent Anteil Ein-Kinder-Familien noch vor der Hauptstadt Moskau mit 55 Prozent.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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