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Schatzsuche auf der Krim Folge 4: Das Lagerleben – wie man es kennt, liebt oder hasst

Von   /  12. Juli 2008  /  1 Kommentar

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eva.- Eine historisch wenig sensible Tontafel auf dem hölzernen Waschtrog trägt die Aufschrift: „Willkommen im Sommer-Konzentrationslager PANDUS“. Damit sind wohl die täglichen Qualen oder besser gesagt Unannehmlichkeiten des Lagerlebens gemeint – jenes Lagerleben, das man kennt, liebt oder eben hasst: Elektrizität nur für wenige Stunden, weder fliessendes noch Warmwasser, Plumpsklo, Stinksocken im Zelt, zerkochtes Einheitsmenü und Stechmücken in Massen. Dazu kommt der harte Grabungsalltag: Aufstehen um fünf Uhr, graben von sechs bis ein Uhr nachmittags. Ein kleiner Trost ist das tägliche Bad im Meer, zu dem die Studentinnen und Studenten in einem alten Militärlaster gefahren werden.

Tausende von Heuschrecken in allen Farben und GrössenHeuschrecken sonnen sich im letzten Abendlicht.

Neulinge müssen sich vor allem an das viele Getier gewöhnen, das ihren Weg summend oder hopsend kreuzt. So sind während der ersten Tagen immer wieder laute Aufschreie zu hören, wenn jemand von einer der grossen und kleinen Heuschrecken „attackiert“ wird, die in der Steppe hausen. Geht man durchs Gras, „spritzen“ sie zwar hochachtungsvoll zur Seite, ansonsten sind sie aber keck und klettern gerne auf Menschen-Schultern und – Beinen herum. Bisweilen leisten sie einem beim Essen auf dem Tisch Gesellschaft und schauen einen mit ihren schwarzen Knopfaugen und wackelnden Fühler-Antennen aufmerksam an. Kurz: Sie sind überall in Massen und in allen Farben und Grössen – so zahlreich, dass man sie mit der Zeit ganz routiniert zur Seite schiebt. Sie könnten problemlos das Wappentier dieser Region sein.

Moschka, Moschka!

Viel kleiner, aber wesentlich unangenehmer ist die winzige Fliege „Moschka“, die in Steppen- und Sumpgebieten im Zeitraum Juni-Juli ausschlüpft und Menschen in wahren Schwärmen befallen kann. Im Gegensatz zur Mücke zapft sie kein Blut ab, sondern beisst kleine Hautstücke im Bereich von Hals, Nacken, Stirn und Augen heraus. Selbst bei starkem Wind hält die Moschka stabilen Kurs, und dank ihres Leichtgewichts bemerkt man sie oft erst, wenn sie bereits am Werk ist. Der Insektenspray sitzt darum bei jedem Lagerbewohner wie ein Revolver „feuerbereit“ in der Hosentasche.

MGU-Studentinnen beim täglichen Abwasch.Insgesamt ist es wohl das Gefühl, dass die Natur stärker sein kann als der Mensch, an das sich Stadtmenschen im Lager gewöhnen müssen –das ist keine leichte Umstellung. Trotzdem nehmen jährlich bis zu 150 Studentinnen und Studenten an diesem Leben teil, viele von ihnen sind freiwillig das zweite oder dritte Mal hier. Die meisten studieren Geschichte, Anthropologie oder Archäologie an der Moskauer Uni MGU und stammen aus den verschiedensten Regionen Russlands. Doch auch Menschen aus anderen Ländern und Berufen sind als „zahlende Gäste anzutreffen – wichtige Freundschaften und Kontakte entstehen.

Der Grabungsleiter – wie ein Scout aus einem Karl May-Roman

Das positive Klima ist vor allem der Führung durch Nikolai Winokurov zu verdanken, der schon mehr als zwanzig Sommer hier in der Steppe verbracht hat. Mit seiner väterlichen Art, mit Ruhe, Humor und Sinn für Gerechtigkeit leitet er den zusammengewürfelten Haufen. Er liebt es, am Tisch oder Lagerfeuer aufzutreten, Anekdoten und Witze zu erzählen. In seinem Khaki-Anzug vom Typ „Desert Storm“ und aufgesetztem Mückennetz wirkt er wie ein erfahrener Scout aus einem Karl May-Roman.

Mit der Zeit haben sich einige interessante und wichtige Bräuche eingespielt. So werdenVater Alexander - der russisch-orthodoxe Priester auf seinem Moped. Grabungsteilnehmer, die einen kostbaren Fund abgeliefert haben, jeweils mit einer Büchse rarer und deshalb kostbarer Kondensmilch „ausgezeichnet“. Am Wochenende besucht Vater Wladimir, ein Moped fahrender russisch-orthodoxer Priester das Lager und führt Diskussionen mit den Studenten. Ebenfalls Tradition hat der Auftritt eines dreiköpfigen Chors aus Kertsch, der die griechische Kultur dieser Region mit seinen Liedern wieder zum Leben erweckt hat und darüber hinaus ein grosses und internationales Lied-Repertoire beherrscht.

Die Zeit vor und nach der Graberei ist angefüllt mit menschlichen Momenten: Julia, deren Freund vor einem Monat freiwillig zum Militär ging, auf der Suche nach einer freien Steckdose für ihr Handy, sobald der Benzingenerator eingeschaltet ist. „Tschika“, der zugelaufene junge Lagerhund, der wieder jemandem Socken oder Pantoffeln gestohlen hat. Anton, der Student und Angeber aus Moskau, der sich eine Portion ukrainischen Sala (Speck) gekauft hat und vor aller Augen verspeist.

Links zu den übrigen Folgen des Grabungsblogs:

Folge 1

Zugreise durch ein geteiltes Land

Folge 2

Graben, graben, graben …
Folge 3

Spaziergang durch die AKW-Leiche von Schelkino

Zeltlager im Abendlicht. Unser Zelt mit Duschvorhang als zusätzlicher Heuschrecken-Schutz. Mittagsschlaf bei knapp 40 Grad im Schatten.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

1 Kommentar

  1. mm sagt:

    Ha – Salo ungeteilt verspeisen ist dem höhrensagen nach nur echten „Хахли“ zuzutrauen. Hat Der Angeber aus Moskau den Ukrainische Vorfahren ? Vermutlich!

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