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Führer durch das architektonische Dickicht Moskaus

Von   /  3. Juni 2008  /  Keine Kommentare

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Das Gesicht Moskaus verändert sich im Rekordtempo, in sämtlichen Bezirken, vom Zentrum bis in die Vorstädte wird abgerissen, renoviert oder neu gebaut. Ein wertvoller Begleiter durch das architektonische Dickicht mit viel Hintergrundwissen, ist Werner Hubers Architekturführer im Taschenformat „Moskau – Metropole im Wandel“.


eva.- Man könnte meinen, es gälte die rasende Entwicklung Moskaus von heute einzuholen – im ersten Kapitel fasst der Autor 770 Jahre Moskauer Geschichte auf nur 23 Seiten zusammen. Der gewaltige Zeitsprung führt in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts als nach dem Brand von 1812 jenes Moskau zu entstehen beginnt, das wir heute kennen. Mit dem boomartigen Wandel vom „riesigen Dorf Moskau“ zu einer kapitalistischen Metropole mit riesigen backsteinroten Fabrikgebäuden, Jugendstilvillen und prunkvollen Bahnhöfen setzt Werner Hubers ausführliche Architekturgeschichte Moskaus ein. Nach dem wirtschaftlichen Aufstieg, erhält die alte russische Hauptstadt, die 1703 von Zar Peter dem Grossen durch die Gründung Petersburgs „entthront“ worden ist, nach der Oktoberrevolution auch ihre politische Vormachtsstellung zurück.

Zwei Bauwerke spiegeln Aufstieg und Niedergang

Alexei Schtuschusews Lenin-Mausoleum (1924) – erst hölzernes Provisorium, dann betonierte Kultstätte des Sozialismus – ist der erste architektonische Repräsentant der neuen Herrschaft im Kreml. Das vergleichsweise bescheidene Bauwerk sollte sich weitaus beständiger erweisen als die Fehlkonstruktion des unvollendeten über 300 Meter hohen Palasts der Sowjets (1931) von Boris Iofan nicht weit davon entfernt. Seine Eisenkonstruktion wird im Krieg zu dringend benötigten Panzern verarbeitet, ab 1958 füllt die mächtige Baugrube ein Schwimmbad aus, und heute steht an dieser Stelle bereits wieder die Christus-Erlöser-Kirche, die wegen des Bauvorhaben gesprengt worden ist. Die beiden Projekte, die für Aufstieg und Niedergang des Systems stehen können, werden eben ebenso ausführlich behandelt wie die Stadtentwicklung um das Machtzentrum, die erst sanfter durch die Konstruktivisten der Zwanzigerjahre, dann radikal und umfassend durch die Bauherren Stalins bestimmt wird. Ihre Epoche findet im Bau der dominanten „Zuckerbäcker“-Hochbauten ihren Höhepunkt. Kalinin-Prospekt, Ostankino-Turm und Olympia-Stadion sind weitere architektonische Denkmäle, die sich die späteren Machthaber setzen. Ihren wachsenden Dimensionen entsprechend, verändert sich die Stadt auch verkehrstechnisch – die Entwicklung von Metro, Hafen, Flug- und Bahnhöfen sind in separaten Kapiteln erfasst.

Wertvolle Seitenblicke und viel Insiderwissen

Doch Hubers Führer bietet auf seinen knapp 300 Seiten mehr als das klassische Repertoire – der Autor tut wertvolle Seitenblicke. So vergleicht er beispielsweise das Nachkriegs-Moskau, das längst zum Zentrum eines sozialistischen Imperiums geworden ist, städtebaulich mit dem „Satelliten“ Warschau. Mit dem stalinistischen Kulturpalast und der Gestaltung der Marszalkowska-Strasse wird Polens Hauptstadt von ihrer großen Schwester unübersehbar geprägt. In solch wertvollem Hintergrundwissen liegt die Stärke dieses Führers. Wie jede Stadt verführt auch Moskau zu einer Abhandlung aus der Vogelperspektive und zur Oberflächlichkeit. Hubers Buch ist jedoch anzumerken, dass er während Jahren als Bewohner Moskaus die Stadt „von unten“ erlebte. Dabei hat er sich auch ausgiebig mit einem Hauptproblem aller Russen bekannt gemacht: der Wohnungsnot. Begleitet von Fotos, Risszeichnungen und Bauplänen, erläutert Huber die Entwicklung von Moskaus Massenwohnvierteln – Stalinka“, „Chruschtschewka“, „Kirpitsch“ oder „Panelka“, wie sie im Slang der Russen heissen. Die „Chruschtschewka“, das primitive, fünfstöckige Billigwohnhaus der Sechzigerjahre gehört bereits der Geschichte an. Begleitet von lauten Protesten, hat die Stadt kürzlich die ersten Siedlungen dieses Typs schleifen lassen, um Platz für größere und rentablere Hochhäuser zu schaffen.

Wieder erhält Moskau eine neue Skyline

Obschon ihre Höhe mit der Zeit von fünf auf 21 Stockwerke wächst und Bauzeit wie Materialaufwand mittels Plattenbauweise stark gesenkt werden, hinkt der sozialistische Staat dem Wachstum der Bevölkerung ständig hinterher. Dementsprechend schießen heute überall riesige Wohnsilos in die Höhe. Profitgier und Gigantonomie prägen auch die Umgestaltung der Moskauer Innenstadt in der jüngsten Vergangenheit stark. Architektonische Perlen, wie zum Beispiel das „Woentorg“-Gebäude, werden einfach abgerissen, oder komplett ausgehöhlt, wie im Fall des Hotels „Moskwa“. Die Bevölkerung wird bei den Abriss-Entscheiden ebenso wenig einbezogen, wie bei der Planung der riesigen Neubauprojekte im Stile von „Moskwa-City. Die neuen Business-Komplexe analysiert Huber nicht nur in Bezug auf Technik und Design. Auch die Baupolitik des Moskauer Bürgermeisters Luschkow und seinem „Hofkünstler“, dem Bildhauer Surab Zereteli, nimmt er kritisch unter die Lupe. Dadurch wird Hubers Führer zu einer wertvollen Quelle an Insiderwissen für all jene, die sich mangels Sprachkenntnissen an den ziemlich spärlichen Informationen der internationalen Presse über die Entwicklung Moskaus informieren müssen.


Moskau – Metropole im Wandel
Ein architektonischer Stadtführer
Böhlau-Verlag
2007, 286 S.
411 schw.-w. Abb.
14,8 x 21, Br
Preis: 19,90 Euro

Das Gelände hinter der Universität vor und nach der Überbauung.Chruschtschew besichtigt das Modell des Kalininprospekts.Der Kulturpalast in Warschau.Das billige Wunder der Sechzigerjahre: die \

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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