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Darwins Gesetz in der Eremitage

Von   /  12. August 2008  /  1 Kommentar

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Von Roland Mischke

Mehr als eine Million Menschen werden pro Monat durch die berühmte Gemäldesammlung der Eremitage in St. Petersburg geschleust. Es gilt Darwins Gesetz vom Sich-Durchsetzen des Stärkeren – ein Leidensbericht.

Der kurze Ellbogenschlag kommt unerwartet. Wer denkt in diesem Kunsthort, mit drei Millionen Exponaten eines der reichsten Museen der Welt, schon an Kampfsport? Eine Führerin ist ungnädig, weil wir uns länger als drei Minuten vor dem Goya-Gemälde von der Frau mit den tiefbraunen Augen festgesetzt hatten. Sie will es einer quengligen Truppe US-Touristen zeigen, die sie gebucht haben. Wir müssen weg, „dawai, dawai!“

14 Millionen Besucher werden jährlich durch die Eremitage geschleust, mehr als eine Million pro Monat. Da bleibt kaum Zeit zur Andacht vor Bildern von Da Vinci, Raffael, Rubens, Monet, Renoir, Van Gogh, Gauguin, Cezanne oder Picasso. Wer vom Palastufer aus durch den pompösen Eingang den Winterpalast betritt, ist in der Arena gelandet. Es gilt Darwins Gesetz vom Sich-Durchsetzen des Stärkeren. Auf der marmornen Jordan-Treppe hinterlässt das Abrollen des Turnschuhfußes eines Zweieinhalb-Zentner-Mannes aus Amerika schwer Eindruck.

Schlossbrücke - Eremitage - Admiralität

Die Romanow-Galerie, ein endlos langer Flur mit dicht gehängten Bildern russischer Zaren, der Wappensaal, der Raum mit der vergoldeten Kutsche Katharinas II., die Flut hochkarätiger Gemälde – wir schreiten keinen Parcours ab, wir kämpfen uns durch. Traurig schauen uns die verschüchterten Gesichter der Aufseherinnen in den Saalecken hinterher. Schnell erschließt sich Irinas kryptischer Satz am Anfang: „Ich werde tun, was ich kann.“

Die Kunsthistorikerin ist über fünfzig, ihre Stutenbissigkeit lässt nach. Jüngere Kolleginnen nutzen das schamlos aus. Der kostbare Mosaiktisch, um den wir uns scharen, das Tizian-Gemälde von Maria Magdalena, zu dessen Deutung Irina anhebt, der Zarenthron, dessen Design sie uns erläutern will – sie wird aus dem Weg gebellt und überrannt. Und wir mit ihr. Von einer größeren Gruppe wie von einem Bulldozer weggeräumt. „Help!“ schreit eine Inderin. Keine Solidarität mit versprengten Teutonen. Das Licht flackert, geht kurz aus.

Und plötzlich ein Kanonenschuss. „Das Panzerschiff Aurora schießt immer mittags um zwölf“, entschuldigt sich Irina, wobei sie vor einem stramm durchmarschierenden Turkmenen in Deckung geht. Die kommen aus der Weite des asiatischen Raumes, sind mental aneinandergeschmiedet und finden es großartig, vor dem Zarenthron für Fotos zu posieren und dabei andere wegzuscheuchen und sich um die Jünglingsfigur mit dem freigelegten Gemächt tuschelnd zusammenzurotten.

In der Eremitage gibt es keine Klimaanlage, die Fenster sind in marodem Zustand, bei Regen tritt Wasser durch. Etwa 35 000 keuchende, stöhnende, fluchende und laut staunende Besucher pro Tag – mindestens – beatmen unersetzlich kostbare Kunstobjekte. Manchmal wuselt ein Uniformierter mit Tellermütze durch die Masse, wird aber kaum als abschreckend wahrgenommen. Wahrnehmbar ist dagegen die tropische Schwüle.

Schon sackt eine ältere Dame zusammen, ihr am Stock gehender Begleiter fleht um Wasser. Die Kunstelevin fiel in Ohnmacht, nachdem sie gerade noch gehaucht hatte: „Oh, hier gibt es mehr Matisse als bei uns in Frankreich.“ Statt stiller Muse Hetze, Schieberei und Tritte. 17 Euro Eintritt, um geschlaucht zu werden. Wer als Philanthrop kam, geht als Misanthrop heraus. Aber er war in der Eremitage von St. Petersburg.

Vor zwei Jahren gab es in der Stadt einen Skandal, als bekannt wurde, dass in der Eremitage bei einer hausinternen Zählung 221 Kunstwerke fehlten. Als gestohlen wurden vor allem Ikonen, dekorative Gefäße und Schmuck aus dem 18. und 19. Jahrhundert gemeldet. Die zuständige Kuratorin erlitt während der Inventur eine Herzattacke und starb am Arbeitsplatz. Einige der gestohlenen Objekte tauchten im Kunsthandel wieder auf, wenige wurden von Antiquitätenhändlern wieder ins Museum zurückgebracht.

Den Schwund führen die Revisoren auch auf die minimale Entlohnung der Kuratoren und des Aufsichtspersonals zurück. Sie verdienen in einer der teuersten Metropolen der Welt umgerechnet zwischen 200 und 450 Euro im Monat. Kein Wunder, dass sich die Wachsamkeit da in Grenzen hält. Es sei üblich, so die Revisoren, dass Museumsangestellte sich krankmeldeten, um in dieser Zeit gestohlene Objekte zu verscherbeln.

Auf Wunsch eines Lesers hier ein „BILDKOMMENTAR“, den wir in seinem Auftrag eingetellt haben. Die normale Kommentarfunktion erlaubt nur „TEXT“.

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1 Kommentar

  1. Markus sagt:

    Selten so geschmunzelt wie hier – für Russland ist halt doch ein robuster Charakter und viel Humor Grundvoraussetzung, vermutlich einer der Gruend warum wir noch da sind.

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