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Untergang der Estonia – Liegt die Wahrheit auf dem Meeresgrund?

Von   /  21. Februar 2011  /  Keine Kommentare

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rian.- Die Gerüchte über die wahre Ursache des Untergangs des Fährschiffs Estonia reißen nicht ab. Die populärste Version lautet derzeit: In den Laderäumen wurde geheimes, aus der Sowjetunion stammendes Militärgut transportiert. Dabei soll es zu einer Explosion gekommen sein. Der Sonderausschuss des estnischen Parlaments, der mit der Untersuchung der Umstände des Exports russischer Militärtechnik mit dem Fährschiff Estonia im Jahr 1994 befasst war, hat am Dienstag seinen Abschlussbericht veröffentlicht.

Obwohl aus Repräsentanten aller sechs im estnischen Parlament vertretenen Parteien zusammengesetzt, stehen unter dem Bericht jedoch nur die Unterschriften von fünf Mitgliedern. Evelyn Sepp von der Fraktion der Zentrumspartei machte eine abweichende Meinung geltend, wobei sie einen ihrer Kollegen im Ausschuss von der Union von Pro Patria und Res Publica, nämlich Trivimi Velliste, beschuldigte, er habe von den Waffentransporten auf der Estonia gewusst. Diese Fracht, so meint Sepp, hat die größte Seekatastrophe der Nachkriegszeit verursacht.

Die Estonia war in der Nacht zum 28. September 1994 auf der Route von Tallinn nach Stockholm in der Ostsee gekentert. Der Katastrophe fielen 852 Menschen zum Opfer. Nur 137 Menschen konnten sich retten. Nach der offiziellen Version, die von einer gemeinsamen Regierungskommission Estlands, Schwedens und Finnlands der Öffentlichkeit vorgelegt worden ist, ging das Schiff wegen technischer Unzulänglichkeiten unter. Sie hatten im starken Sturm verheerende Folgen. In Schweden und Estland mochte dieser Version jedoch kaum jemand folgen. Vermutungen wurden laut, eine Explosion an Bord habe das Schiff auf den Meeresgrund befördert, es sei mit einem U-Boot kollidiert oder Verbrecher hätten es versenkt, um den Transport von Schmuggelwaren zu vertuschen.

Nicht nur einmal erhoben sich Stimmen, das Wrack zu heben, um die Ursachen des Untergangs definitiv aufzuklären. Die Initiativen prallten an den Behörden Estlands und Schwedens jedoch ungehört ab. Bereits 1995 brachten Estland, Finnland und Schweden dann einen völkerrechtlichen Vertrag auf den Weg, der Untersuchungen an der Unglücksstelle verbot. Später setzen auch Russland, Dänemark, Lettland, Litauen, Polen und Großbritannien ihre Unterschrift unter das Dokument.

Dennoch machten sich Ende August 2000 deutsche Fernsehjournalisten und der amerikanische Unternehmer Greg Bames zu der Unglücksstelle auf. Sie wollten Aufnahmen von den Beschädigungen am Schiffsrumpf machen. Vor allem untersuchten die Reporter den Zustand des Schiffes unter der Wasseroberfläche. Ein Großteil der von ihnen gemachten Aufnahmen war von ausgezeichneter Qualität, ganz im Gegensatz zu den Bildmaterialien, die die offizielle Kommission für ihre Arbeiten nutzte und die seltsamerweise sehr verschwommen aussahen. Bei den Unterwasserarbeiten nahmen die Taucher außerdem Metallproben vom Schiffsrumpf. Sie wurden zu Analysen in unabhängige Labors in Deutschland und in den USA abgegeben. Übereinstimmend kamen die Deutschen und die Amerikaner zu dem Schluss, an Bord der Estonia habe es eine Explosion gegeben. Diese These bestätigte außerdem ein angesehener englischer Fachmann, der die gewonnenen Erkenntnisse aus den vier Gutachten verallgemeinerte.

Später wurde die offizielle Version auch durch die Expertengruppe der deutschen Meyer Werft, die eigene Untersuchungen gemacht hatte, angezweifelt. Das Team ließ wissen, dass die technische Wartung des bei der Meyer Werft gebauten Schiffs nicht den Anforderungen genügt habe. Als Unglücksursache vermutete der Schiffsbauer eine unangemessene Geschwindigkeit, einen Terroranschlag oder inkompetente Schiffsführung durch die Besatzung. Werftdirektor Werner Hummel erklärte im Jahre 2001, dass er über Beweise verfüge, die belegen würden, dass das Schiff zweifellos einem Terroranschlag zum Opfer gefallen sei.

Ende 2004 stellte der frühere Chef des Zolls im Stockholmer Hafen Frihamnen, Lennart Henriksson, bei einer Sendung im schwedischen Fernsehen in den Raum, an Bord des Unglückschiffs hätte sich am Tag seines Untergangs sowjetische Militärtechnik befunden. Die Estonia, so deutete er an, habe im Jahr 1994 mehrfach Frachten befördert, deren Kontrolle den Zöllnern untersagt worden war. In einem Fall habe es sich um ein Fahrzeug gehandelt, das auf den Namen eines gewissen Frank Larsson zugelassen war, doch, so ermittelte Henriksson, einem Tochterunternehmen von Ericsson, der Ericsson ACCESS AB, gehörte. Eine Woche später beförderte die Estonia einen Lastkraftwagen, dessen Kontrolle durch den Zoll ebenfalls verboten worden war. Sieben Tage später ging die Estonia unter.

Journalisten konnten ermitteln, dass die inzwischen abgewickelte schwedische Firma einer supergeheimen Abteilung der schwedischen Militäraufklärung KSI zugearbeitet hat. Im Jahre 1994 hatten Fachleute von Ericsson ACCESS im Leningrader Umland Ausrüstungen für den Mobilfunk montiert. Was sie an Gerät dafür benötigten, wurde ihnen aus Schweden über Estland zugestellt. Sobald es nicht mehr gebracht wurde, nahm es den gleichen Rückweg. Aus den Medienrecherchen ging hervor, dass die geheimen Ausrüstungen nach dem Abbau der dortigen sowjetischen Militärstützpunkte per Schiff aus dem Baltikum herausgebracht worden sind.

Die Vermutung, dass Agenten der schwedischen Aufklärung eine Aktie an dem Deal hatten, lag nahe. Dieser Version gab auch der ehemalige schwedische Militärattaché in den baltischen Ländern Nahrung. Im Gespräch mit Journalisten ließ er durchblicken, dass Schweden zu diesem Zeitpunkt das neue Modell des Jägers JAS auf den Markt bringen wollte und sich lebhaft für das russische Radarsystem interessierte.

Ebenfalls damals, Ende 2004, bestätigte die estnische Zeitung Postimees unter Berufung auf einen Gewährsmann im Umfeld der Geheimdienste Estlands, dass „die schwedischen Spionagedienste bis zum 31. August 1994 entweder direkt oder über Vermittler geheime Elektronik von der russischen Armee beschaffen konnte“. Bald darauf gab der Chef des schwedischen Zolls von 1994, Sven Peter Olsson, in einem Interview mit einer einheimischen Rundfunkstation zum Besten, der Zoll und die Streitkräfte Schwedens hätten vor zehn Jahre einen Vertrag abgeschlossen, wonach der Zoll keine Maschinen kontrolliert, die mit Elektronik der russischen Armee ausgestattet sind und mit dem Passagierschiff Estonia angeliefert werden. Auf die Vertraulichkeit der Information verweisend, lehnte es Olsson ab, Angaben über den Umfang der Transporte durch das Schiff zu machen. Er erklärte unterdessen aber, dass der Zoll keine Bestätigungen bei der Hand hat, ob die Estonia bei ihrer letzten Fahrt am 28. September 1994 Militärgüter an Bord befördert hat.

Diese, so wie auch andere Meldungen, veranlassten die estnische Regierung letztendlich, im Frühjahr 2005, 11 Jahre nach der Tragödie, eine Expertenkommission zu berufen, die die Umstände des Schiffsuntergangs aufklären sollte. Sie sollte Antworten auf sechs sehr grundsätzliche Fragen finden, die die unterschiedlichen Versionen des Vorgangs betreffen. Erstens galt es, die These zu bestätigen oder zu entkräften, wonach die Befestigungen, mit denen die Technik gesichert war, durch die Explosion beschädigt worden sind. Zweitens sollte der Frage nachgegangen werden, ob bei den Unterwasserarbeiten alle bedeutenden Beschädigungen untersucht worden sind und der untere Schiffsrumpf auf seiner ganzen Länge aufgenommen wurde. Drittens wurde das Expertenteam mit der Klärung der Frage beauftragt, ob es in den Aussagen der Geretteten wesentliche Widersprüche gegeben hat. Viertens galt es zu überprüfen, ob wichtige Aussagen, Expertenurteile oder allgemein bekannte Fakten im Bericht der ersten gemeinsamen Untersuchungskommission unberücksichtigt geblieben sind. Fünftens wurde die Frage aufgeworfen, ob Fakten vorhanden sind, die zur Vermutung Anlass geben, dass wichtige Beweise oder Expertengutachten der Untersuchungskommission vorenthalten worden sind. Schließlich sollte im Zusammenhang mit Schiffsuntergängen in Estland, Finnland und Schweden nach Vorgängen recherchiert werden, die ebenfalls mit dieser oder jener Geheimhaltungsstufe belegt worden sind.

Auf alle Fragen, außer der dritten, gab es negative Antworten, was ein bedauerliches Licht auf die Kompetenz und die Objektivität der ersten gemeinsamen Kommission wirft. Im Wesen reduzierten sich die Widersprüche auf folgendes: Ein Teil der Geretteten sprach davon, dass er vor der Katastrophe ein starken Stoß oder eine Explosion gehört hat, während andere Opfer der Katastrophe von zwei Explosionen berichtet haben. Davon ausgehend zog die Kommission die Schlussfolgerung, dass die vorangegangene gemeinsame Kommission die Zeugenaussagen willkürlich interpretiert hat.

Als Kernfrage im Bericht des Parlamentsausschusses kann die Aussage des früheren Chefs der schwedischen Militäraufklärung MUST, Generalmajor Erik Rosander, gelten. Er hat angegeben, dass sich an ihn ein gewisser „estnischer Kollege“ mit der Bitte gewandt hat, die aus Estland herausgebrachte Militärtechnik zu analysieren, weil Estland über derartige Möglichkeiten nicht verfüge. Rosander bestätigte, dass der estnischen Seite ein Dokument mit den Ergebnissen der Analyse übermittelt worden sind.

Diese Aussage steht ganz offensichtlich im Gegensatz zu der früheren Version, wonach Estland nur als Transitkorridor benutzt wurde, durch den die von interessierten Personen im Chaos vor dem Abzug der russischen Truppen aus Estland im August 1994 beschaffte sowjetische Militärtechnik transportiert werden sollte.

Der Bericht kommt zugleich zu der Feststellung, dass „der Ausschuss keine einzige Bestätigung dafür gefunden hat, dass ein heute noch im Amt befindlicher oder aus dem Dienst geschiedener Staatsbediensteter oder andere Personen von dem Transport von Militärtechnik Kenntnis hatte oder darin verwickelt war. Es sind auch keine Dokumente gefunden worden, die mit den Transporten in einem Zusammenhang stehen“. Der Ausschuss konnte ebenso wenig ermitteln, an wen das von Rosander erwähnte Dokument gegangen ist. Er schlussfolgerte daraus, dass die schwedischen Geheimdienste die Operation selbständig ausgeführt haben und sich den Forderungen nach einer Zollkontrolle des Transitguts in Estland entzogen haben.

Diese Schlussfolgerung weist die stellvertretende Ausschussvorsitzende Evelyn Sepp kategorisch zurück. Bei der Präsentation des Berichts erklärte sie geradewegs, einige estnische Politiker hätten von der Beförderung von Militärgütern durch die Estonia gewusst. Sie beharrte auf eine Anlage zu dem Bericht, der ihre abweichende Meinung zum Gegenstand hat. Darin bringt sie zum Ausdruck, dass der Standpunkt des Ausschusses, wonach keiner der durch das Gremium befragten Staatsbediensteten von dem Transport von Militärgütern auf der Estonia Kenntnis hatten, nicht den Realitäten entspricht.

Sepp zufolge hat das damalige Mitglied in der Regierung Mart Laar und der heutige Parlamentsabgeordneten Trivimi Velliste vor dem Ausschuss am 13. Januar erklärt, dass er Kenntnis von dem Vorgang hatte. Sie bezieht sich dabei auf die Protokolle der Sitzung, aus denen hervorgeht, dass Velliste gesagt hat: „Die Behauptung, dass die führenden Politiker Estlands, welche hier ausgesagt haben, nichts wussten, entspricht nicht den Tatsachen.“ Sepp hält dem entgegen: „Mart Laar lügt wieder und wieder. Ruhigen Gewissens nimmt er vom schwedischen Staat das so genannte Schweigegeld entgegen, welches über den Rat der Bank Schwedens oder in Form der Prämie für freie Marktwirtschaft in Millionenhöhe fließt“, behauptet die Oppositionspolitikerin.

Velliste kontert mit dem Vorwurf der „groben Lüge“. Nun sagt er, er habe sich einfach versprochen. Doch der Skandal ist nicht mehr einzudämmen; sowohl für Laar, der schon wieder den Sessel des Premierministers anvisiert, wie für Vellistes Parteifreunde kann sich der Skandal zu weit reichenden Folgen ausufern: Im März soll in Estland das neue Parlament gewählt werden. Der Vorwurf einer Verwicklung in illegale Transporte von militärischen Ausrüstungen ist für keinen Politiker die beste Wahlpropaganda. Doch für einen Mann, der sich ganz unmittelbar für den überstürzten Abzug der russischen Truppen aus Estland stark gemacht sowie wiederholt mit scharfen antisowjetischen und antirussischen Erklärungen geglänzt hat, sind derartige Beschuldigungen, so muss vermutet werden, wohl besonders heikel.

Das Material ist von der Internetredaktion www.rian.ru auf der Grundlage von Berichten der Agentur RIA Novosti und anderen Quellen aufbereitet worden.

Bild: Wikimedia Commons

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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