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Schnell Schneller Selbstmord!

Von   /  10. November 2007  /  Keine Kommentare

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Fahradkurier(mm)

Nachdem der erste Schnee gefallen ist, möchte ich die Bilanz meiner Erfahrung mit dem Drahtesel in St. Petersburg vorstellen. Den eins war in diesem Sommer 2007 unbestreitbar, und auch unübersehbar: Wer schnell in St. Petersburg vorankommen wollte, hat vom Auto auf das Fahrrad umgesattelt.

Baustellen auf und neben der Strasse.

Aufgrund einer strategisch ausgefeilten Blockade aller wichtigen Strassen ins Zentrum und wieder hinaus kam der Verkehr in der Stadt im Zentrum fast vollkommen zum Erliegen.

Wenn gleichzeitig Leutenant-Schmidt Brücke, Moskovskij Prospekt, Vosnesenskij Prospekt, Lomonosowskaja / Kanal Gribojedow, Obwodnij Kanal, Garochawja, Sadovaya, Troizkij Brücke Teilblockiert sind ist das der Verkehrsgau.

Politik oder Unfähigkeit?

In meiner Heimatstadt Freiburg ist es die offizielle Politik, welche das Zentrum verkehrsberuhigt, hier hat der Smolny vermutlich keinen politischen Willen ausgedrückt , sondern die Ursache liegt im Vorsatz, in dem kurzen Sommer so viel wie möglich zu erledigen. Da die St. Petersburger dennoch jeden Tag ins Auto steigen, bedienen Sie einmal mehr das Vorurteil, dass meine russischen Mitbürger leidensfähiger sind als ich. 2 Stunden Stau für einmal kurz durchs Historische Zentrum – von der Garochawaja auf die Wasili Insel – Nachts geht das in 5 Minuten. Mit dem Fahrrad auch bei Stau in 7 min.

Nicht das es mir gelungen wäre, die gleichen Autofahrer beim Hinweg zur Arbeit und auf dem Nachhauseweg in der gleichen Strasse zu treffen, aber ich vermute das lag an meiner langen Arbeitszeit.

Fahrrad Sommer 2007

1998 war Fahradfahren in St. Petersburg so Exotisch wie Elefantenfussball und mit weniger Prestige ausgestattet wie Eisbaden. Langsam nahm die Popularität jedoch zu. Anfang 2000 sah man bereites Gruppen BMX Biker den Plätzen und Parks bei akrobatischen Tricks und seit 2005 ist das Fahrrad auch als Nutzfahrzeug sichtbar beliebter. Wie viele Junge Leute und wenige genervte Autofahrer, habe ich mir in diesem Jahr ein Fahrrad gekauft. Das Angebot in Supermärkten und Shops war allgegenwärtig und die Preise für ein gefedertes Bike mit Shimano Armaturen sind moderat. Natürlich ohne Licht, Reflektoren, Klingel und Schutzbleche und andere „unnützen“ Extras. So vorbereitet begaben sich im Sommer 2007 tausende Hobby Fahrradfahrer in die Strassen und stürzten sich im Sinne des Wortes in den chaotischen Verkehr.

Positive Erfahrung

Es ist eine neu Erfahrung, wenn man feststellt, dass man auch von 7 km südlich des Zentrums immer noch schneller am Ziel ankommt als mit dem Auto. Auch dann noch, wenn mann keine roten Ampeln ignoriert und im Zweifel lieber den Bürgersteig als Rennbahn benutzt.

An vielen Straßenecken wurden für Kinderwägen und Rollstuhlfahrer die Bordsteine gesenkt. Das Qualitätsverständniss im russischem bzw. Petersburger Straßenbau erlaubt Bordsteinhöhen von 30-50cm also eine Absenkung auf 10cm oder weniger kommt hier auch Mountenbikes sehr gelegen. Fahrradwege habe ich aber in der ganzen Stadt noch keinen ausgewiesen gesehen. (Ich bin mir aber sicher das es einen Geben muss, denn in St. Petersburg gibt es ja per se alles, also können sich die Stadtoberen bei internationalen Delegationen oder treffen nonchalant damit schmücken)

Fahradfahren ist eine Provokation
Soweit so gut, so gesund. Leider reagieren nicht alle Russischen Autofahrer entspannt, wenn Sie von Fahrrädern überholt werden, oder sich so gar so eine freche Spassbremse auf zwei Rädern, auf dem rechten Fahrstreifen bewegt.

Das Gesetz sagt zwar ein Fahrrad ist gleichberechtigt mit dem Automobil. Aber in St. Petersburg müssen sich die Autofahrer noch an die neuen Verkehrsteilnehmer gewöhnen.Fahradkurier

Auch wenn so eine 5spurige Straße (z.B. Moskowskij auf Ligowskij Prospekt) – abzweigt und gleich 2-3 Spuren rechts abbiegen wird es für den Fahrradfahrer lustig. Einfach 3 Reihen der motorisierten Rechtsabbieger durch geradeausfahren provozieren oder sich bei den Fußgängern wütende Kommentare auf dem Fußweg abholen?

Das VIP Recht haben

Im Stau wird auch sichtbar wer VIP ist und wer nicht. Die Masse steht im Stau, aber VIPs und Grossfahrzeuginhaber welche sich für VIPs halten, benutzen mit Ihrem Geländewagen auch gern mal eine Abkürzung – über die Rabatten, Strassenbahntrassen – oder am Häufigsten zu sehen, einfach über einen geeigneten breiten Bürgersteig, den man zur Sicherheit der Fußgänger gleich noch ein bisschen „freihupt“. Es gibt da kein moralisches Problem – den die Verkehrspolizei und auch alle anderen Blaulicht-Besitzer gehen ja mit gutem Beispiel voran.

Lebensgefahr ?

Kürzlich wurde ich in einer zugeparkten Strasse, in welcher wirklich nur noch der Fahrweg frei war, 50m vor dem nächsten Stauende von einem sich behindert fühlenden Autofahrer wütend angehupt und brutal zur Seite gedrängt.

30m weiter konnte ich ihn bereits am Stauende einholen und dann durch einen Schlag mit der flachen Hand aufs Dach meine Meinung ohne Worte bedeuten. Das ist aber in der strengen Verkehrshierarchie Russlands mehr als eine Majestätsbeleidigung und brachte den genervten Fahrer endgültig aus Fassung. Er sprang fluchend aus dem Wagen, und ich konnte froh sein das er nicht bewaffnet war, ein Richter hätte Ihm Notwehr bescheinigt. Mit etwas Glück entwischte ich Ihm zwischen den Autos. Mehr als 5m wollte er dann doch nicht von seiner liebsten Maschine entfernt sein.

In St. Petersburg ist schnell Fahrrad Fahren ein Vergnügen für Todesmutige – oder wie meine Frau sagt „Selbstmord“.

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