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Typisch Russland: Russisch Roulette mit Wein

Von   /  20. November 2013  /  Keine Kommentare

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rian.- Russland ist ein hartes Pflaster. Die seltene, aber wachsende Spezies der hiesigen Weinliebhaber kann davon ein Liedchen singen. „Das mit den Weinstöcken verzeihe ich Gorbi nie“, geht die erste Strophe des Vino-Blues, wenn mein Mann (ein durchaus patriotisch gesinnter Russe) zu einem netten Diner daheim wieder mal eine Flasche Weiß verkostet, sie aber beim besten Willen nicht goutieren kann.

Zur Einstimmung auf die x-te Tirade über die vermaledeite sowjetische Anti-Alkoholkampagne, als in den 80ern alle Weinbauflächen gerodet wurden, nippe ich resigniert an meinem Glas. Dass wir jetzt statt erlesenen Krim-Weinen angeblich aus Instant-Pulver zusammengebrauten, mit je nach Bedarf italienisch, französisch oder spanisch klingenden Namen versehenen Fusel zu unverschämten Preisen trinken, haben wir auch heute Abend „eurem Liebling“ zu verdanken.

Ich starre lethargisch auf die 15-Euro-Bouteille und summe still die zweite Strophe vor mich hin. Sie handelt sehnsüchtig vom Weinland Österreich. Als es zum dritten Mal statt „Auf die Liebe!“ mit aufmunterndem Augenzwinkern „Auf Gorbatschow!“ heißt, kann ich es beim ausgeprägten Säurespiel im Abgang locker mit Santa Cristina Medoc Reserve aufnehmen.

Kurz gesagt – die Wein-Gesamtsituation hier ist ohnehin eher lausig. Unlängst hat sich jedoch ein Wein-Drama abgespielt, das alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt.

Auf dem Weg zu einer Party ruft mich die Gastgeberin an – der Wein ist alle – und lotst mich in den nächsten Supermarkt. Mein Blick gleitet über ein drei Meter langes staubiges Regal, in dem überteuerter Weißwein im Neonlicht stehend vor sich hin schwitzt. Mit einem mulmigen Gefühl packe ich rasch die Flasche meiner Wahl in den Einkaufskorb.

Minuten später trifft meine durstigen Freunde das Aroma der italienischen Perle gnadenlos wie ein Keulenschlag. Ohne auch nur einen Tropfen auszuschenken entfalten sich alte Socken, schneidende Käse-Noten, darüber ein Hauch fauler Korken.

Nach der Party stehe ich wieder im Supermarkt und versuche zu reklamieren. „Sie wollen WAS?“ Ich wohne lange genug in Moskau, um mich über diese Reaktion nicht zu wundern. „Bitte, riechen Sie mal dran, da wird einem doch schlecht.“ Die Kassierin – wie so viele Russinnen und Russen trinkt sie, wenn etwas Weinähnliches, dann an seltenen Feiertagen klebrig-chemischen Süßwein aus kitschigen Sektgläsern mit Goldrand – mutiert zur Profi-Sommelière und kann an der Ware keinerlei Mängel feststellen.

„Der Filialleiter ist am Wochenende nicht da. Kommen Sie am Montag wieder. Und nehmen Sie das mit.“ Nein. Mit unsanften Worten drücke ich der verdutzten Kassierin die Flasche in die Hand und rausche aus dem Laden – überzeugt, dass das Corpus Delicti stante pede im Abfalleimer landet.

Am Montag bin ich in der Gegend und will es wissen. „Guten Abend, ich bin wieder wegen dem Wein hier.“ Frau Sommelière hinter der Kasse lässt mich durch ein unwillkürliches Zusammenzucken und dann ein Augenrollen wissen, dass sie weiß, worum es geht, und schickt mich zu der „Managerin“, einer auffallend hübschen jungen Frau mit asiatischen Gesichtszügen. „Sie sind die Filialleiterin?“ „Ja.“ Die Schöne wirft mir einen gar nicht so freundlichen Blick zu und setzt sich demonstrativ langsam in Bewegung. Zu meiner Überraschung kramt sie ohne jede Eile tatsächlich den Wein aus einem der Schließfächer.

„Das ist nicht die Managerin, sondern die Chef-Kassierin“, zwinkert mir inzwischen ein Wächter (in jedem russischen Laden arbeiten mindestens fünf davon) zu. Wie der Zufall es will, ist auch er Sommelier. Während ich auf die wirkliche Filialleiterin warte, legt er mir „unter uns gesagt“ seine Expertise dar. Die Quintessenz: Wein ist immer gut, solange das Ablaufdatum nicht überschritten ist. Falls Wein doch einmal schlecht werden sollte, könnte man das zudem durch die geschlossene Flasche sehen, da das Getränk stocken und daraus Flocken aufsteigen würden. „So etwas würde dann auch niemand kaufen. Sie sind die erste, die Wein reklamieren will.“

Ganz ins Gespräch vertieft habe ich die Filialleiterin gar nicht kommen sehen, die bereits mitten im Laden ungehalten die Kassierin anfaucht, warum sie eine offene Flasche wieder zurückgenommen hat. Mich begrüßt Sie mit unterdrückter Aggressivität und einem Schwall an Unterstellungen: „Sie haben davon getrunken, es hat Ihnen nicht geschmeckt. Bestimmt haben Sie alles Mögliche hineingemischt, und jetzt sagen Sie, es ist verdorben.“ Gemeinsam mit drei anderen Angestellten beschnuppert sie die offene Flasche und bestätigt, der Käsefüße-Modergeruch sei das besondere Bouquet dieser Sorte, das Produkt tadellos.

Als die Filialleiterin mir obendrauf noch vorwirft, der besondere Elite-Wein, von dem ich nichts verstehe, sei auch einfach zu teuer für meine Verhältnisse gewesen, platzt mir der Kragen. „Ich bin EU-Bürgerin und habe keine Geldprobleme, das können Sie mir glauben.“ Das ganz fiese As aus dem Ärmel tut seine Wirkung. Die Filialleiterin verschwindet für ein Telefonat mit dem „Direktor“. Danach kommt sie wie ausgetauscht zurück, säuselt mit einem ansatzweisen Lächeln (!) von einer Ausnahme, die sie machen will, und schließlich verlasse ich – Geld oder zumindest Wodka statt Wein wollte sie keinen rausrücken – mit einer gleichwertigen Flasche den Laden.

Nach diesem größten anzunehmenden Rebensaft-Reinfall beschäftigten mich Fragen über Fragen. Zunächst akut: Oh Graus, was ist in der umgetauschten Flasche? (War genießbar.) Und: Hat das Supermarkt-Team die Flasche sortenreinen Pinot Socke, die es bestimmt auf mein Wohl geleert hat, gut überstanden? (Sahen recht fit aus, sagt meine Freundin.) Was aber längerfristig spannend bleibt: Wird Gerard Depardieu Russland aus dem Wein-Dilemma helfen können? (Wer, wenn nicht er?) Prost!

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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