Laden...
Sie sind hier:  Home  >  Gesellschaft  >  Aktuelle Artikel

Sotschi ohne Schwule? Russische LGBTs in USA rufen zu Olympia-Boykott auf

Von   /  18. Juni 2013  /  Keine Kommentare

    Drucken       Email

rian.- Eine Gruppe von in den USA lebenden Gay-Aktivisten aus Russland und den ehemaligen Sowjet-Republiken haben eine Message an lesbische und schwule Sportler und alle, die bei den nächsten Olympischen Winterspielen in Sotschi dabei sein wollen: „Lasst es bleiben.“ Mit dem Boykott der Spiele soll auf die schwierige Lage von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender-Personen (LGBT) in Russland hingewiesen werden.

„Die LGBTs in Russland haben Angst und leben in Schrecken, und wir wollen, dass die Menschen sich dessen bewusst sind“, sagte Nina Long, Co-Vorsitzende der New Yorker Organisation RUSA LGBT zu RIA Novosti. Alle, denen  Menschenrechte wichtig sind – egal ob selbst lesbisch/schwul oder hetero – sollten ihrer Ansicht nach Olympia in Sotschi fernbleiben. „Wir wollen wirklich, dass die LGBT-Community weiß, dass es nicht ungefährlich ist, dort hinzureisen.“

Das Internationale Olympische Komitee (IOK) hatte zuvor gegenüber der Nachrichtenagentur betont, seit langem einen Anti-Diskriminierungskampf zu führen. „Athleten aller (sexueller) Orientierung werden bei den Spielen willkommen sein“, hieß es vonseiten des IOK. Für Long ein reines Lippenbekenntnis – und nicht einmal wahr. „Die müssen ein derartiges Statement bringen, sonst ist es ein internationaler Skandal. Aber es ist eine Lüge“, so die LGBT-Aktivistin. „Auf internationalem Level soll alles unter den Tisch gekehrt werden und nett aussehen.“

Die Organisation, der mehrere hundert in New York und Umgebung ansässige Lesben und Schwule aus Russland und den postsowjetischen Nachbarstaaten angehören, plant eine Informationskampagne im Rahmen der NYC Gay-Pride-Parade am 30. Juni, so die Vizechefin des Vereins. Erstmals wird bei der traditionsreichen Veranstaltung, die auf die New Yorker Stonewall Riots im Jahr 1969 zurückgeht, ein eigener russischer Umzugswagen auffahren, verrät Long.

Wie auch andere Menschenrechts-Aktivisten ist Long der Meinung, dass das Thema der Rechte von Lesben und Schwulen in Russland und der ehemaligen Sowjetunion heute aktueller ist als jemals zuvor. Ein Anstieg der konservativen Stimmungen in der Region habe zu neuen Anti-Schwulen-Gesetzen und wachsenden Ressentiments gegen LGBTs geführt. Erst in der Vorwoche hatte die Staatsduma ein landesweites Gesetz gegen „Propaganda für nicht traditionelle sexuelle Beziehungen vor Minderjährigen“ abgenickt.

Derartige Gesetze mögen zwar „fein klingen“, meint Iwan Savvin, ein schwuler Kunst-Kurator aus Sankt Petersburg, der 2004 aufgrund seiner Homosexualität in den USA um Asyl angesucht hatte. In Wirklichkeit geben sie ihm zufolge aber all jenen, die Schwule verfolgen wollen, eine von der Regierung gebilligte „Lizenz“. „Es wurde für mich echt gefährlich, dort zu leben. Ich war mit einem ziemlichen Ausmaß an Gewalt konfrontiert. Wenn früher von vereinzelten Fällen von Verfolgung die Rede war, ist das mittlerweile eindeutig eskaliert“, so Savvin im Interview mit RIA Novosti. 2006 war seinem Asylantrag stattgegeben worden, und seit 2013 hat er einen amerikanischen Pass.

„Es wird immer schlimmer“, so Alexander Kargaltsew, ein Schwulen-Aktivist aus Moskau, der nach eigenen Angaben wegen seiner sexuellen Orientierung mehrmals diskriminiert und im Jahr 2009 in Moskau zum Opfer von Polizeigewalt wurde. 2010 kam er mit einem Stipendium für die New Yorker Filmakademie in die USA und reichte sofort seinen Asylantrag ein. Heute berät er die wachsende Zahl an russischen LGBTs, die um Unterstützung beim Erlangen des Flüchtlingsstatus in den USA bitten. „Sie kontaktieren mich jetzt am laufenden Band über Skype und Facebook. Früher war es einer alle zwei Monate, jetzt ist es einer jede Woche“, sagt er.

„Wir hatten Klienten in Russland, die von der Polizei verprügelt wurden. Öfter sind es aber Bürgerwehr-Gruppen und Rowdys, die ‚soziale Säuberungen‘ vornehmen. Die Polizei tut leider nichts, um die Verfolgten zu schützen“, berichtet Aaron Morris, der als Anwalt für Immigration Equality, eine US-Organisation, die sich für die Gleichbehandlung von LGBTs im Kontakt mit den US-Einwanderungsbehörden einsetzt und auch Rechtshilfe für Asylwerber anbietet. Die Organisation ist mit einem rasanten Anstieg der Anträge von Russinnen und Russen auf Unterstützung im Asylverfahren aufgrund sexueller Orientierung konfrontiert. Im Jahr 2009 zählte Immigration Equality 18 derartiger Gesuche, 2012 waren es mit 63 mehr als dreimal so viele.

„Von hier aus können wir nicht viel tun, aber wir wollen, dass die Leute wissen, was vor sich geht und wir wollen die LGBT-Community in Russland wissen lassen, dass wir hinter ihnen stehen und für sie auf die Straße gehen“, gab die Initiatorin des Aufrufs zum Sotschi-Boykott zu verstehen.  „Ich glaube nicht, dass es für (den russischen Präsidenten Wladimir) Putin von Bedeutung sein wird, weil der Boykott nur heißt, dass keine Gays bei Olympia dabei sind, und das freut die doch nur. Aber die internationale Aufruhr wird von Bedeutung sein.

www.rian.ru

    Drucken       Email

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren...

WM2018 – was rund um den Fussball geschieht: „ausgesperrter“ Blatter geniesst Fussball-WM als Putins Gast – Küsse und Beleidigungen von Fans

mehr…