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Schatzsuche auf der Krim Folge 1: Zugreise durch ein geteiltes Land

Von   /  29. Juni 2008  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Wir hatten gerade eine Wohnung gekauft und waren daher ziemlich pleite – aber in die Ferien wollten wir trotzdem – gerade nach diesem Halbjahr voller Stress hatten wir es beide besonders nötig. Unsere Freunde Anna und Alexei waren vor einem Jahr genau in derselben Situation und wissen Rat: Sie nahmen an einer Ausgrabung der Moskauer Universität MGU auf der Halbinsel Kertsch teil, kehrten begeistert zurück und wollten dieses Jahr mit uns wieder hinfahren. Das Angebot tönte verlockend: Zeltferien zum Selbstkostenpreis in der Krim-Steppe nicht weit von praktisch menschenleeren Stränden. Abgesehen davon: Kein Visumsstress, da Westeuropäer wie die Russen ohne Visum in die Ukraine einreisen können.

Kein fliessend Wasser, Strom nur stundenweise vom Generator

Andererseits: Aufstehen um fünf, den ganzen Morgen graben, kein fliessend Wasser und Elektrizität nur stundenweise vom Generator – Pöhh! Aber wir überlegten nicht lange und sagten zu, denn die Vorbereitungen für uns erwiesen sich als denkbar einfach. Wir mussten lediglich unser Gepäcks in das Auto von Anna und Alexei verladen, so schnell wie möglich zwei der raren Bahn-Tickets auf die Krim einheimsen und ein ärztliches Zeugnis beschaffen, das uns die Fähigkeit zur Teilnahme an Grabungen bestätigte.

Interessanterweise erwies sich das letztere als die schwierigste Aufgabe. Während wir die beiden Liegekarten bis Simferopol für knapp 150 Euro innert zwei Stunden in den Händen hielten, mussten wir um das Arztzeugnis kämpfen. Erst nach mehreren Versuchen fanden wir eine Ärztin, die uns einfach unser Anliegen anhörte und uns nach einer kurzen Untersuchung mit Blutdruckmessung den Wisch ausfüllte. Das wars.

zu den Fotos

Ein Förderband für die Grabungsstelle

Das Abreisedatum rückte näher, und Alexei, Tüftler und technischer Tausendsassa, schweisste gemeinsam mit seinen Kollegen Andrei und Nikolai ein fünf Meter langes Förderband zusammen, das er für die Grabungsstelle entwickelt hatte. Nachdem ein Transporter aus Moskau das Gerät übernommen hatte, reisten die drei und ihre Familien in den Süden.

Unser Zug fuhr einige Tage später: St. Petersburg – Simferopol, zwei Tage Fahrt mit „Platzkart“. Im vollgestopften Urlaubszug zusammen mit Babuschkas, die mit ihren Enkelkindern an die Sonne fuhren und lärmigen Kinderlagern dampften wir erschöpft in Richtung Tula, Kursk, Belgorod, Charkiw. Die Grenze zur Ukraine passierten wir nachts an zwei Bahnstationen, die vor der Unabhängigkeiterklärung der Ukraine von 1996 kaum jemand kannte: Dolbino und Kasatscha Lopan. Wo zu Zeiten der Sowjetunion wohl kaum mehr als zwei vergessene Wartehäuschen standen, repräsentieren heute zwei blank geputzte Vorzeige-Grenzbahnhöfe ihre Staaten.

Russland – Ukraine: Keine politische, sondern eine emotionale Grenze

Diese Grenze ist viel weniger eine politische als eine emotionale. Die Menschen links und rechts von uns beschäftigte keineswegs die russische Schwarzmeerflotte im Hafen Sewastopols, mit deren baldiger Vertreibung die ukrainische Regierung kürzlich erneut gedroht hat. Sie sprachen über ihre Verwandten und Freunde, die sie heute „in einem anderen Land“ besuchen müssen und über die Schikanen durch Behörden und Polizei, denen sie als „Fremde“ auf beiden Seiten ausgesetzt sind.

Obschon die Grenzkontrolle betont korrekt über die Bühne ging – fehlte auch hier ein Schuss politischer Agitation nicht. Schon seit Tula waren Kleinhändler und Geldwechsler durch den Zug gegeistert – „Kaufen sie ukrainische Griwen zu einem guten Kurs, die Banknoten werden geprüft, vom Geldwechsel nach der Grenze raten wir ab!“ Dass sie damit ihr eigenes Geschäft ankurbeln wollten war klar. Doch nach der russischen Grenzabfertigung doppelte die russische Bahn ganz offiziell durch den Bordlautsprecher nach. Darin wurde nicht nur vom Geldwechsel nach der Grenze abgeraten, sondern auch vor ukrainischen Gepäckdieben gewarnt – als könnten solche erst jenseits der Grenze den Zug besteigen!

Unsere Mobiltelefone funktionieren nicht

Schon brach der Tag an, und die Fahrt durch die fruchtbaren Ebenen setzte sich vor – Charkow, Saporosche, Melitoptol. Dazwischen immer wieder Halte auf offener Strecke – für die meisten eine Gelegenheit zum Luftschnappen, Schwatzen, Rauchen. Und dann kam Simferopol in Sicht und unsere Mobiltelefone funktionierten nicht, so sehr wir sie auch schüttelten und in den Wind hielten. Das Roaming war völlig im Eimer. Schon waren darauf gefasst, uns auf dem Bahnhof nach einer übernachtungsmöglichkeit zu erkundigen, als unsere Freund eintrafen. über eine holprige Strasse rumpelten wir unserem Ziel ganz am Ostende der Krim entgegen. Bei Feodossia, dem Geburtsort des grossen Marinemalers Iwan Aivazovski glänzte eine runde weisse Mondkugel im Schwarzen Meer, ringsum tiefe, verheissungsvolle Dunkelheit.

Info: Eugen und Tatiana verbringen ihre dreiwöchigen Ferien im Zeltlager einer archäologischen Grabungsstelle auf der Halbinsel Kertsch. Sie liegt am Ostende der Krim an der Einmündung des Asowschen Meers in das Schwarze Meer zwischen der Hafenstadt Kertsch und Noworossiisk. Die Krim hat rund 2,3 Millionen Einwohner auf einer Fläche von 25.480 Quadratkilometern, Hauptstadt ist Simferopol.

Links zu den übrigen Folgen des Grabungsblogs:

Folge 1

Zugreise durch ein geteiltes Land

Folge 2

Graben, graben, graben …

Folge 3

Spaziergang durch die AKW-Leiche von Schelkino

Folge 4

Das Lagerleben – wie man es kennt, liebt oder hasst

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