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Schatzsuche auf der Krim Folge 3: Spaziergang durch die AKW-Leiche von Schelkino

Von   /  2. Juli 2008  /  3 Kommentare

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eva.- Die Halbinsel Kertsch gilt gegenüber der Region um Jalta eindeutig als zweitklassig. Höchstens als unverdorbenes, wildes Naturparadies kann es dem touristisch hoch entwickelten Westteil den Rang ablaufen. Dennoch sind hier deutliche Spuren moderner Zivilisation zu finden, wenn auch in extremer Form: Rund 60 Kilometer westlich der Hauptstadt Kertsch schaut weithin sichtbar ein riesiger, grauer Betonblock aus dem Horizont aus dem flachen Steppenland – der Atomreaktor von Schelkino, besser gesagt seine Leiche, denn er wurde nie fertig gebaut. Er ist unser Ziel.

Nach dem Abzweigen von der Schnellstrasse nähert man sich über miserabel asphaltierte Wege dem Ungeheuer, das mitten in einem Industrie-Friedhof steht. Das Gelände ist übersät mit zusammengestürzten Werkhallen und hastig zusammen gepflasterten Fertigbauelementen eines Verwaltungsgebäudes – Stalker-Ville. Ein endloser Rosthaufen aus Röhren und Gestänge – diszipliniert aufeinander gestapelt oder wild verstreut – vervollständigen dieses Chaos, das als Symbol für den Zusammenbruch der Sowjetunion seinesgleichen sucht.

Politische Wirren und Hungerstreiks verhinderten Vollendung

Schelkino gehörte zu den letzten sowjetischen Grossprojekten, die in den Achtzigerjahren lanciert wurden. Kirill Schelkin (1911-1968), der dem Energiepark seinem Namen gab, war einer der Väter der ersten sowjetischen Atombomben und Atomkraftwerke. Die politischen Wirren nach der Auflösung der UdSSR und der Finanzierungsstop für den Weiterbau versetzten dem Kernkraftwerk 1991 den Todesstoss. Seine Vollendung wurde auch durch die Hungerstreiks der ersten ukrainischen Grünen verhindert- das, obschon zum Projekt ebenso Testparks für alternative Wind- und Sonnenenergie gehört hätten. Während ein Teil der schrottreifen Windräder noch heute in den Himmel schauen, ist von den Sonnenspiegeln längst nichts mehr zu sehen. In den Kanälen und Wasserbecken, die ins Asowsche Meer münden, baden Kinder. Ausser ihrem Lachen ist nichts zu hören, Staub, Hitze und Wind setzen das stille Begräbnis fort.

Doch halt, der Leichnam ist lebendiger als angenommen – kaum haben wir geparkt, ertönt wildes Hundegebell, begleitet von einigen Ziegen kommt uns Oleg, ein kleines, glatzköpfiges Männchen mit Bauch in T-Shirt und Shorts entgegen. Er und sein Kollege, mit dem er einen lottrigen Verschlag mit Fernseher bewohnt, sind gewissermassen die Nachlassverwalter. Oder etwas schöner gesagt, die Museumsführer, denn Schelkino ist längst zu einem Geheimtipp unter Liebhabern für Technik und schräge Sachen geworden. Das Industriemuseum hat sogar einen Eintrittspreis: Umgerechnet 10 Dollar will Oleg für eine Führung haben.

Dunkles Labyrinth aus Aggregaten und Röhren

Durch eine Bunkertür steigen wir in den Betonkörper und suchen uns im Dunkeln den Weg durch seine Organe. Nicht nur das dunkle Labyrinth aus Röhren uns Aggregaten, in das wir hineinkriechen, ist faszinierend. Ebenso fesselnd ist Vorstellung, dass bei einem fertig gestellten KKW nur ein Bruchteil von dem, was wir hier sehen, überhaupt zu besichtigen wäre – wegen der Strahlung einerseits, andererseits, weil viele der Rohre und Gefässe mit Wasser oder Wasserdampf gefüllt wären.

„Reaktoren vom Typ „Tschernobyl“ – diese berüchtigte Bezeichnung war nach der Katastrophe von 1986 oft zu hören. Ohne getrennte Kreisläufe, moderiert durch brennbaren Graphit und nur unzureichend gegen äussere Einflüsse, zum Beispiel Flugzeugabstürze geschützt, bildeten sie regelrechte Zeitbomben, mit denen ganz Russland gespickt sei. So tönte es nach der Katastrophe von 1986 in Parlamentsdebatten, Fernsehanalysen und in der Schulunterricht, wo wir aus aktualitätsgründen das Thema behandelten. Dass die Versuchsreaktoren im deutschen Kalkar und im französischen Creys-Malville ständig Pannen hatten, schien dagegen weniger zu stören. Mit diesen Hintergedanken und einem leichten Schaudern steige ich die dunkle Treppe hoch in den zweiten Stock, von wo wir den ersten Vorstoss zum Reaktorkern unternehmen.

AKW-Leiche gefleddert von Altmetalljägern

Stumm blicken wir in die Röhre, wo sich der Reaktordruckbehälter befunden hätte, in dem die Kettenreaktion abläuft. Wie ein Museumsexponat steht in einer Ecke eine Wasserdampfturbine, über die das erhitzte Wasser zu Elektrizität umgewandelt worden wäre. Dafür, dass sie hier schon über ein Jahrzehnt steht, sieht sie geradezu blendend aus. Dass sie noch hier steht, verdankt sie wohl ihrem Riesengewicht, denn während der Krisenjahre wurde sämtliches „Altmetall“, das nicht niet- und nagelfest war, geklaut und verhökert.

Weiter geht es durch die Stockwerke, über schartige Laufgitter, Metall und Glassplitter. Immer wieder geht der Blick nach oben, wo über dem runden Reaktorrand der blankblaue Himmel leuchtet. Wie eiserne Spinnweben schweben dazwischen bizarr verkrümmte filigrane Stahlträger und Eisentreppen – hier modert sowjetische Spitzentechnologie. Während einzelne Elemente bereits völlig zersetzt zu sein scheinen, sehen andere aus, als kämen sie gerade aus der Fabrik, so zum Beispiel das Riesenschloss einer tonnenschweren Panzertür – es ist sogar geschmiert und dreht sich tadellos! Es ist als hätten die Arbeiter von einem Moment auf den anderen ihre Werkzeuge fallen gelassen. „Das Atomkraftwerk war wirklich fast fertig“, erzählt Oleg. „Das Brennmaterial dafür stand schon bereit, als von einem Tag auf den anderen der Abbruch befohlen wurde.“

Disco im Reaktorkern

Über eine wacklige Leiter geht es auf den Rand des Reaktors, von dem sich aus schwindelnder Höhe eine fantastische Sicht bietet. Wie im Sandkasten liegt in der Hitze das mächtige Energie-Labor ausgebreitet unter uns. Nur bei genauem Hinsehen ist die fortgeschrittene Erosion erkennbar – ein langsamer Tod. Für manche war es die Tragödie ihres Lebens:„Noch Jahre nach dem Stillstand besuchten uns Leute, die am Projekt beteiligt gewesen waren“, erzählt unser Führer mit einem nachdenklichen Gesicht. „Ein Ingenieur begann zu weinen, als er den Zustand der Baustelle sah.“

Zurück geht es entlang ungesicherter Abgründe und über durchlöcherte Treppen – die Museumsführung erweist sich als echtes Abenteuer. Wie Sprayereien in allen Weltsprachen an den verrücktesten Orten beweisen, tummeln sich hier des öftern Kletterfreaks. Ein Moskauer erkannte diese Marktlücke und organisierte im vergangenen Jahr eine Disco – Tanz im Reaktorkern. Was aus dem Gelände in Zukunft werden soll, weiss niemand, nicht einmal Oleg. Der einzige Teil dieses toten Körpers, der sich als lebensfähig erwiesen hat, ist die nahe gelegene Retortenstadt Schelkino, die eigens für das technische Personal und Wissenschaftler erbaut wurde. Die hässliche, aber quicklebendige Stadt ernährt sich heute hauptsächlich vom Tourismus, der dank kilometerlanger gepflegter Sandstrände und sauberem Wasser floriert.

Fotogalerie siehe weiter unten >>>

Info: Eugen und Tatiana verbringen ihre dreiwöchigen Ferien im Zeltlager einer archäologischen Grabungsstelle auf der Halbinsel Kertsch. Sie liegt am Ostende der Krim an der Einmündung des Asowschen Meers in das Schwarze Meer zwischen der Hafenstadt Kertsch und Noworossiisk. Die Krim hat rund 2,3 Millionen Einwohner auf einer Fläche von 25.480 Quadratkilometern, Hauptstadt ist Simferopol.

Links zu den übrigen Folgen des Grabungsblogs:

Folge 1

Zugreise durch ein geteiltes Land

Folge 2

Graben, graben, graben …

Folge 4

Das Lagerleben – wie man es kennt, liebt oder hasst

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3 Kommentare

  1. Bernhard sagt:

    Es handelt sich NICHT um einen Reaktor vom Typ Tschernobyl, dieser war ein Druckröhrenreaktor vom Typ RBMK-1000.
    Der in Krim nicht fertiggestellte Reaktor ist vom Typ WWER-1000.

    Tolle Bilder, Danke!
    LG

  2. mm sagt:

    Hier ein Kommentar der eigentlich am Bild 17 abgegeben wurde…

    „die sogenannte Disco heisst kaZantip.com und wurde erstmals im 1992 durchgefuehrt.

    mittlerweile ist dieser anlass zum groessten und mit 5 wochen dauer zum laengsten rave der welt angewachsen. 1998 fand kaZantip.com zum letzten mal in der Reaktorruine statt.

    Ab 2009 gibt es eine europaeische version auf Zypern.

    mehr infos auf http://www.kaZantip.de

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