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Schatzsuche auf der Krim Folge 2: Graben, graben, graben …

Von   /  30. Juni 2008  /  Keine Kommentare

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eva.- Die Reise hat uns geschafft, erst am zweiten Tag nach der Ankunft komme ich zum Schaufeln in die Grabungsstelle. Und auch dieser Anfang ist sehr vorsichtig, denn die Regeln für Anfänger sind sehr streng. Am ersten Tag sind wegen der Hitze nicht mehr als zwei Stunden erlaubt, dann kann die Arbeitszeit langsam gesteigert werden.

Frisch eingeschmiert mit Faktor 30 trete ich morgens an, um meine Schaufel zu fassen. Wie Gewehre in einem Zeughaus sind die Schaufeln und Schubkarren im Lager aufgereiht. Ich bin spät dran und erhalte darum eine Einzelinstruktion – erstens: die Schaufellänge der Körpergrösse anpassen, zweitens: immer aufrecht stehend schaufeln und die Schaufel weit hinten halten.

Mit geschulterter Schaufel durch die Steppe

Mit geschultertem Werkzeug marschiere ich auf dem Graspfad zur Grabung durch die drückende Hitze. Noch ist das Gras grün, bald wird es in ein mattes Gelb vertrocknen. Die Wiesen links und rechts von mir brummen vor Leben, vor meinen Füssen spritzen dutzende Heuschrecken zur Seite – immer im letzten Moment. Irgendwo ruft nervös ein Kuckuck, dann ein ein zweiter – das Duo klingt wie eine verrückt gewordene Kuckucksuhr.

Nach zehn Minuten bin ich auf der Grabungsstelle – ein eigenartiger Anblick. Vor mir liegt ein Student, den Kopf mit einem Strohhut verdeckt, daneben sitzen zwei weitere in ihrer Schubkarre und dösen. Es ist still, man hört nur das Brummen der Insekten und das trockene Schaufeln unten in der Grube. Dazwischen sind leise die Gespräche der Zeichnerin mit ihrer Assistentin zu vernehmen – ausgerüstet mit Metermass und Senkblei halten sie jeden Stein des freigelegten Gemäuers fest. Ab und zu summt der Detektor des Archäologen, der einen Erdhaufen nach Metallteilen absucht. Neben ihm bürstet eine Studentin das Gemäuer ab.

Erst sind die Bewegungen ungeschickt, dann finde ich den Rhythmus

Ich reihe mich ein, mit wenigen Worten instruiert mich Alexei. Dann beginne ich ebenso stumm wie die anderen, entlang der gespannten Schnur, Erde abzutragen und neben den Lastwagen zu befördern. Erst sind meine Bewegungen ungeschickt, die Erde fällt zu kurz, zu weit, daneben. Dann verfalle ich langsam in einen monotonen Rhythmus. Ich nehme immer eine halbe Schaufel voll, mehr schaffe ich nicht, die Schaufel selbst ist schwer. Ich spüre die Anstrengung, mache hin und wieder eine kurze Pause.

Ich bin nicht unter Druck wie die italienischen Bauarbeiter, die in meiner Kindheit die Strasse vor unserem Haus asphaltierten. Auch sie nahmen immer eine halbe Schaufel voll Kies und streuten sie mit grosser Eleganz in den aufgerissenen Belag. Doch sie hatten den Vorarbeiter und einen Zeitplan im Genick – mit 45 invalid.

Die Arbeit mit der Schaufel – stupid oder kontemplativ?

Das Schaufeln kann stupid und kontemplativ sein – es fragt sich nur, von welcher Seite ich es sehe. Stupid ist es, weil ich praktisch nichts über die Grabung weiss und sozusagen im „Nichts“ herumgrabe. Nur hin und wieder taucht eine Keramik-Scherbe in der Dreckladung meiner Schaufel auf – sie kommt in den Topf, der eine Nummer trägt. Der Gedanke oder Wunsch, einen grossen Fund, ein Goldstück oder eine Terakotta-Figur zu finden, beschäftigt mich nicht im geringsten. Denn ich weiss ja nicht einmal, was ich finden könnte. Darum freut mich jede noch so kleine Scherbe. Fasziniert stelle ich fest, wie leicht sich das Naturgestein von den glatten Keramikteilchen unterscheiden lässt – Handwerk und Naturwerk.

Die tumbe Arbeit ist wohltuend, sie hat weder Anfang noch Ende. Dreckwolke für Dreckwolke fliegt über meine Schulter, bildet einen schönen Haufen, der von einer weiteren Schaufel auf die Ladefläche befördert wird. An unserer Stelle hätte eigentlich das Förderband Alexeis stehen sollen, es hätte uns viel Arbeit abgenommen. Doch es steht immer noch an der Grenze, der russische Zoll macht die üblichen Schwierigkeiten. Schade? Ich bereue es eigentlich nicht.

Nach der Teepause bin ich frei

Dann kommt schon die Teepause und ich bin frei – zwei Stunden sind genug. Abends führt uns der Grabungsleiter Nikolai Winokurow in das Projekt ein: Die Siedlung „Artesjan“ wurde in der Steinzeit gegründet und war bereits in der Bronzezeit eine bedeutende Ortschaft am Rand der Handelsstrasse über die strategisch wichtige Krim. Funde belegen Landwirtschaft, Tier- und Fischzucht, Metallverarbeitung und sowie militärische Befestigungen. Während der griechisch-römischen Zeit (zirka 6. Jh. v. Chr. bis 3. Jh. n. Chr) bildete die Ortschaft eines der vielen kleinen Forts um die Hauptstadt Pantikapeju, dem heutigen Kertsch, die sich dank Sichtkontakt vor gegnerischen Angriffen warnen konnten.

Info: Eugen und Tatiana verbringen ihre dreiwöchigen Ferien im Zeltlager einer archäologischen Grabungsstelle auf der Halbinsel Kertsch. Sie liegt am Ostende der Krim an der Einmündung des Asowschen Meers in das Schwarze Meer zwischen der Hafenstadt Kertsch und Noworossiisk. Die Krim hat rund 2,3 Millionen Einwohner auf einer Fläche von 25.480 Quadratkilometern, Hauptstadt ist Simferopol.

Links zu den übrigen Folgen des Grabungsblogs:

Folge 1

Zugreise durch ein geteiltes Land
Folge 3

Spaziergang durch die AKW-Leiche von Schelkino

Folge 4

Das Lagerleben – wie man es kennt, liebt oder hasst

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