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Schwerpunkt AVANTGARDE: Vom Musterbau zur Mausefalle – das Haus der politischen Gefangenen

Von   /  6. Oktober 2008  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Das konstruktivistische Wohnhaus, welcher Ende der Zwanzigerjahre für die politischen Gefangenen des Zaren gebaut worden war, wurde unter Stalin zu einem Gefängnis für seine Bewohner. Viele der Familien fielen ab 1935 dem „großen Terror“ zum Opfer.

Nur einige hundert Meter Luftlinie trennt das Haus der politischen Gefangenen (Dom Politkatorschan) am Dreifaltigkeitsplatz von der Peter- und Paulsfestung – dem Ausgangspunkt seiner Geschichte. Dort waren bis zum Sturz des Zaren unter anderen die politischen Gegner der Monarchie, Sozialrevolutionäre, Menschewiken und Bolschewiken eingesperrt. Für diese Opfer des Zarismus und ihre Familien baute man 1929-33 das fünfstöckige Wohnhaus – ein propagandistischer Gedenkstein und Vorbild für das Leben im Kollektiv sollte es werden.

Eine Gedenktafel erinnert an der Rückseite des Gebäudes an die Opfer des stalinistischen Terrors (Foto: Eugen von Arb)Seine Bauzeit fiel in ein Epoche, in der in vielen Großstädten groß angelegte Projekte des kommunalen Wohnungsbaus realisiert wurden, so zum Beispiel in Wien, wo man 1927 den Bau des berühmten Karl-Marx-Hofs vollendete. Das streng gegliederte und abschnittweise eintönige graue Gebäude rief unterschiedliche Reaktionen hervor, viele sahen darin mehr eine Kaserne als ein Wohnhaus. „Die Häftlinge haben sich unter dem Zaren an das Leben im Gefängnis gewöhnt, und nun hat man ein entsprechendes Haus für sie gebaut“, spotteten sie.

Wohnen ohne eigene Küche – eine Utopie

Nicht nur äußerlich sollte die Funktionalität des für damalige Verhältnisse futuristischen Gebäudes mit dreieckigem Grundriss zum Ausdruck kommen, sondern auch im Innern wollte man die neue kommunale Wohnkultur umsetzen. 144 Wohnungen in der Größe von zwei bis fünf Zimmern mit den modernsten Einrichtungen, wie Badewannen und Warmwasser, wurden in dem Gebäude untergebracht. Da man jedoch eine kommunale Wohnkultur plante, fehlten den Wohnungen eigene Küchen, denn die Bewohner sollten sich in der Kantine verpflegen. Dies erwies sich jedoch als Utopie und großer Fehler, der später einen Umbau nötig machte. Weitere Komponenten des häuslichen Lebens waren zentral organisiert, so verfügt das Haus über eine Großwäscherei im Keller, eine Bibliothek, Wohn- und Kinderzimmer. Im Dachbereich sind ein Solarium und eine Aussichtsplattform eingerichtet. Die Bereiche Gesellschaft und Erziehung wurden mit einem Kindergarten, einem Klub, einem Theater sowie einem Museum für Zwangsarbeit und Verbannung abgedeckt.

Letzte Blüte des russischen Konstruktivismus

Im verglasten Untergeschoss befindet sich unter anderem ein eigener Kindergarten für die Familien im Haus. (Foto: Eugen von Arb)Trotz seiner fortschrittlichen Form und Konstruktion gehört das Haus am Dreifaltigkeitsplatz, das von den Architekten Grigori Simonow, Pawel Abrosimow und A. Chrjakow entworfen worden war, zur letzten Blüte konstruktivistischer Architektur Russlands. Als das Gebäude 1933 fertig gestellt war, hatte sich der politische und kulturpolitische Kurs unter Stalin bereits stark in konservativer Richtung verschoben, was auch eine Rückkehr zu konventionellen Bauformen bedeutete. Der Stalinismus hatte aber auch direkte Auswirkungen auf die Bewohner des Musterbaus, der für sie bald zu einer regelrechten Mausefalle wurde.

Vom Gefängnis ins Gefängnis

So wie ein Grossteil der frühen Kämpfer der Revolution bei Stalins Regime in Ungnade fielen, erklärte man auch die ehemaligen politischen Gefangenen des Zaren zu Volksfeinden. 1935, als die politischen „Säuberungen“ bereits in vollem Gang waren, bekamen auch sie die Repressionen zu spüren. Insgesamt wurden 132 Familien dieser Kommune wurden vertrieben und verhaftet – die ehemaligen politischen Häftlinge wurden damit wiederum zu Gefangenen.

Allgegenwärtige Angst vor der Geheimpolizei

Bald war unter den Hausbewohner die Angst vor dem NKWD allgegenwärtig, und man fürchtete sich vor jedem Klopfen an der Wohnungstür. So entstand die tragikomische Anekdote, die man sich noch heute erzählt: Eines Tages hörten die wenigen übriggeblieben Bewohner Klingeln und lautes Klopfen an der Tür, doch aus Furcht vor einer weiteren Verhaftungswelle rührte sich niemand von der Stelle. Da wurden sie plötzlich von der Stimme des Hauswarts von ihrer tödlichen Angst erlöst: „Kein Grund zu Panik, Bürger, es ist nur Feuerwehr, es brennt im ersten Stock!“

Weitere Artikel zum Thema:
Programm der Ausstellung „Woche der russischen Avantgarde in St. Petersburg“


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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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