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Ungebetene Gäste oder: „Visum oder nicht Visum?“ bei Milo Raus Moskauer Gerichtsshow

Von   /  5. März 2013  /  Keine Kommentare

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rian.- Die Grenzen der Kunstfreiheit wollte der Schweizer Theatermacher Milo Rau mit einer dreitägigen Gerichtsshow in Moskau austesten. Eine medienwirksame Unterbrechung  des Theaterprojekts durch – echte oder falsche? – Ausländerpolizisten hilft dabei, eindeutige Antworten zu finden, die der Regisseur nicht gesucht hatte.

Tag drei in Milo Raus Gerichtsspektakel „Die Moskauer Prozesse“. Katja Samuzewitsch tritt als erste in den Zeugenstand. Der bekannte russische Moderator Maxim Schewtschenko scheint sich in der Rolle des Klägers wohl zu fühlen. In peitschendem Duktus wirft er ihr seine Fragen entgegen. „Kennen Sie die Verhaltensregeln in orthodoxen Kirchen?“ Samuzewitsch kennt sie so circa. Man darf keine Gottesdienste stören. „Und außerhalb eines Gottesdienstes? Wie muss man sich verhalten, leise oder laut? Darf man laute Musik einschalten, die nicht im Kodex für orthodoxe Gottesdienste vorgesehen ist?“
Fall Pussy Riot, Klappe die Zweite

„Ja, im Prinzip darf man.“ Die Pussy-Riot-Aktivistin antwortet kurz und tritt dabei nervös von einem Fuß auf den anderen. Die Anklage kommt auf eine Textzeile über Gay-Paraden beim Auftritt in der Erlöserkirche zu sprechen. Gegen die Frage „Wie stehen Sie zu sogenannten Homosexuellen-Ehen?“ wird Einspruch erhoben. „Positiv“, antwortet das Mitglied der mittlerweile weltbekannten russischen Punkgruppe trotzdem mit einem Lächeln. Schewtschenko wählt eine neue Formulierung.

„Sie finden das also normal, in einer orthodoxen Kirche für Gay-Paraden einzutreten?“

„Ja, im Kontext unseres Auftritts schon.“ – „Keine weiteren Fragen“.

Gegen Samuzewitsch und ihre Band-Kolleginnen soll an diesem Sonntag  im Rahmen eines Dokumentartheater-Projekts des Schweizer Regisseurs Milo Rau ein neues Urteil gefällt werden. Gemeinsam mit dem Fall Pussy Riot stellt er in seinen „Moskauer Prozessen“ zwei weitere Gerichtsfälle nach – gegen die Macher zweier kritischer Ausstellungen im Moskauer Sacharow-Zentrum, wo auch die Show stattfindet. Auch diese,  Juri Samodurow und Andrej Jerofejew, waren in ihren realen Prozessen für schuldig befunden worden, entgingen aber knapp einer Gefängnisstrafe.
Grenzen der Kunstfreiheit

Nach der auf Bewährung freigelassenen Pussy-Riot-Angeklagten kommen Experten zu Wort. Der Künstler Alexej Beljaew-Ginowt ist der Ansicht, dass die Auftritte der Skandal-Band „keine Kunst“ sind. „Natürlich nicht“, nickt er die Fragen der Anklage ab. Im Gespräch mit der Verteidigerseite (vertreten durch die Kunstkritikerin Jekaterina Djogot und Chodorkowski-Anwältin Anna Stawitzkaja) wird es turbulenter. „Stoßen Sie keine Drohungen aus“, mahnt die Richterin den Russen mit der modischen Frisur, als plötzlich der Regisseur in den Saal läuft und die Dreharbeiten anhält.

Die ca. 30 Anwesenden, hauptsächlich Journalistinnen und Journalisten aus dem deutschen Sprachraum, werfen einander ratlose Blicke zu. Die Durchsage „Milo Rau hat Probleme mit den Fremdenbehörden“ stiftet nur noch mehr Verwirrung.

Einige begleiten den Regisseur in die Direktion des Sacharow-Zentrums, wo tatsächlich vier Männer in weinroten Westen mit der Aufschrift des Föderalen Migrationsdienstes FMS ihrer Arbeit nachgehen. So gut wie jeder im Raum hat eine Kamera auf die Uniformierten gerichtet. Milo Rau wirkt sichtlich gernervt. Der Deutschen Presse-Agentur gegenüber würde er später von  „absurden Vorwänden“ und einer „mühsamen Unterbrechung“ sprechen. „Das zeigt, wie es ist“, der Auftritt der russischen Ausländerpolizei scheint auf eindrucksvolle Weise die künstlerische Message zu unterstreichen.
Falsches Visum?

Katja Samuzewisch steht inzwischen mit einer Bekannten (auf deren T-Shirt steht „Free Pussy Riot“) vor dem „Gerichtssaal“ auf der Straße und bibbert. „Na, keine Ahnung, was da los ist“, zuckt sie mit den Schultern. Als sie von der Kontrolle durch die Fremdenpolizei erfährt, nickt sie vielsagend. „Irgendwas mussten sie sich ja einfallen lassen.“ Eine eindeutige Stör-Aktion, sagt sie und wirkt dabei wenig verwundert.

Der Leiter des Sacharow-Zentrums, Sergej Lukaschewski, kramt für die Ausländerbehörde die Verträge seiner Mitarbeiter hervor. Neben Raus Visum sollen nun angeblich die Dokumente des gesamten Drehteams geprüft werden. Die zunächst angekündigte einstündige Pause ist längst vorbei, weitere eineinhalb Stunden werden angekündigt. Die Frage „Visum oder kein Visum“ hat mittlerweile „schuldig oder unschuldig“ längst die Show gestohlen.

Die Juristen, die an der Gerichtsshow mitwirken, finden das Vorgehen der FMS-Mitarbeiter unverhältnismäßig. Top-Promi Schewtschenko will von den Beamten Ausweise sehen. In einer späteren Erklärung des Vizechefs des Migrationsdienstes in Moskau, Sergej Kaljuschny, klärt sich die Sachlage – oder auch nicht. „Herr Rau ist mit einem Geschäftsvisum nach Russland eingereist, das nicht für eine Erwerbs- oder Journalistentätigkeit gilt“, zitiert eine russische Agentur den Beamten.
Kosaken intervenieren

Der Beitrag ungeladener Gäste zu den „Moskauer Prozessen“ ist damit noch längst nicht vorbei. Als nach mehr als zweistündiger Unterbrechung das Theater weitergeht, bildet sich vor dem Sacharow-Zentrum eine Menschentraube.

Die rund 25 Männer sind an den charakteristischen Mützen und Uniformen als Vertreter des  Kosakentums zu erkennen. Ihnen ist anzusehen, dass das, was im Inneren des Zentrums vor sich geht, ihren Vorstellungen von einer zaristischen Ordnung  und ihren religiösen Überzeugungen zuwiderläuft.

Als die Security-Mitarbeiter noch eine Handvoll Prozess-Publikum einlassen, drängen sich einige Kosaken mit hinein. Der Dreh muss erneut pausieren, im Vorraum entsteht Gedränge.

Wie der Kurator Marat Guelman Journalisten gegenüber schildert, habe man zuerst gedacht, die Polizei wolle die Kosaken am Eindringen hindern. „Aber sie baten sie herein“, so Guelman.
Blasphemie und Schikane

Wieder wird Maxim Schewtschenko aktiv. Zur Überraschung der Protestschar tritt er ihnen als „Russisch-Orthodoxer“ entgegen und versichert, dass im Saal „nichts Blasphemisches“ vor sich geht. Zurück kommt er zur Überraschung wohl aller Anwesenden mit ein paar Kosaken im Schlepptau. Diese und ein paar Polizisten dürfen nun im nur für Presse und Teilnehmer reservierten Raum, wo auch die Filmaufnahmen laufen, den nächsten Teil der Veranstaltung miterleben, bevor laut Medienberichten die Sonderpolizei OMON auf den Plan tritt.

Dass in Milo Raus Kunstprojekt die Kunst schlussendlich freigesprochen wurde, geht am nächsten Tag in einem Meer von Aufschreien über die „Schikanen“ gegen den Schweizer Theatermacher in Moskau unter. Rau hätte sich keine bessere PR wünschen können, steht auf der Facebook-Seite des Projekts in einem der ersten Kommentare.
Kafkas Prozess

Der Direktor des Sacharow-Zentrums schreibt am nächsten Tag für „Radio Svoboda“ einen Artikel mit dem Titel „Föderaler Provokationsdienst“.

Als er aus dem „Prozesssaal“ bestellt wurde und erfuhr, dass eine Überprüfung der Migrationsbehörde anstehe, habe er mit der Leiterin von Teatr.doc, Elena Gremina, telefoniert, die mit Derartigem schon öfters zu tun hatte. „Jagt diese angeblichen Prüfer raus und ruft den OMON“, lautete ihr Rat.  „Es handelt sich also um eine bereits bewährte Praxis der Provokation. Wir haben das ganze wahrscheinlich sogar zu ernst genommen“, so Lukaschewski weiter. Bei Anrufen in der Fremdenbehörde hat  ihm zufolge die Leitung des FMS „reagiert, als ob es sich um eine tatsächliche Prüfung gehandelt hätte“. Was genau es war, kann der Leiter des Menschenrechtszentrums auch nicht sagen. „Wenn es nur eine Aktion der Kosaken gewesen ist, wozu dann die angebliche FMS-Überprüfung? Wenn es sich um Druck seitens der Behörden handelt, warum hinterlassen dann die Handlungen der Mitarbeiter des Föderalen Migrationsdienstes dann den Eindruck, nicht echt zu sein?“

Am besten, so der Leiter des Sacharow-Zentrums, winkt man einfach ab und findet sich damit ab, dass das Leben in Russland ein einziges Theater ist –ein kafkaeskes nämlich.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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