Laden...
Sie sind hier:  Home  >  Kultur  >  Architektur  >  Aktuelle Artikel

Russlands Unterhaltungsindustrie: Milliardengeschäft in maroden Hallen

Von   /  22. August 2012  /  Keine Kommentare

    Drucken       Email

rian.- Mehr als 3500 Hallen, 2700 Künstler und Ensembles, etwa 700 Millionen Dollar Einnahmen aus dem Kartenverkauf – das sind die beeindruckenden Zahlen aus der russischen Unterhaltungsindustrie, schreibt die Zeitung „RBC Daily“.

Laut einer Studie der Agentur InterMedia, die am Freitag veröffentlicht wurde, gibt ein russischer Durchschnittsbürger jedes Jahr etwa 368 Dollar jährlich für Kultur und Freizeit aus. Bei einer Bevölkerungszahl von knapp 142 Millionen Menschen fließen 52,21 Milliarden Dollar – das ist ein großer „Kuchen“, um den sich die Unterhaltungsbranche balgt.

Am meisten gehen die Russen laut der Studie ins Kino. Der Kartenverkauf spült den Kinos rund eine Milliarde Dollar jährlich in die Kassen. Der Gewinn der Konzertveranstalter ist aber vergleichbar: Sie kassieren jedes Jahr rund 700 Millionen Dollar.

Das meiste Geld mit Konzerten wird in Moskau und St. Petersburg umgesetzt, weil dort die meisten Veranstaltungen stattfinden. Auf die Hauptstadt entfallen 30 bis 35 Prozent aller verkauften Eintrittskarten russlandweit, auf die Newa-Stadt etwa 15 Prozent. Ihnen folgen die Gebiete Swerdlowsk und Samara sowie die Region Stawropol.

Erholung mit Kultur

Die Vielfalt der den Zuschauern gebotenen Unterhaltungsgenres widerlegt das Stereotyp, dass sich die Russen nur für die heimatliche Pop-Musik und den „russischen Chanson“ (Musik des kriminellen Halb- bzw. Untergrund-Milieus) interessieren. In Moskau entfiel von 2009 bis 2011 etwa ein Viertel aller Veranstaltungen auf klassische Konzerte und Theateraufführungen. Gerechtigkeitshalber muss man einräumen, dass die russische Pop- und Chanson-Musik hauptsächlich in der Provinz populär ist. Aber diese Statistik lässt sich vorerst nicht genauer zusammenfassen.

Die These, dass man mindestens ein Mal im Jahr ein Theater besuchen sollte, um als kultiviert zu gelten, ist immer noch unter vielen älteren Menschen (junge Menschen von 14 bis 25 Jahren machen höchstens zehn bis 15 Prozent der Theaterbesucher aus) populär. Deshalb sind die klassischen Theaterstücke immer noch sehr gut besucht, selbst wenn diese nicht besonders gut sind.

InterMedia-Experten weisen jedoch darauf hin, dass die klassische Musik in Russland auf dem Rückzug ist. So gibt es in Russland derzeit 129 professionelle Symphonieorchester – fast doppelt so viele wie in den USA. Den meisten von ihnen mangelt es jedoch an Musikern.

Im Kultusministerium, jedenfalls in der früheren Regierung, hat man bereits eingesehen, dass das nationale Kulturerbe auf diese Weise endgültig verlieren gehen könnte, und eine umfassende Studie in Auftrag gegeben. In einer Studie, deren Ergebnisse „RBC Daily“ vorliegen, wird häufig von der „Reform der Konzertbranche“ gesprochen. Was unter der Reform verstanden wird und ob sie überhaupt durchgeführt wird, ist allerdings unklar.

Wer trägt die Verantwortung?

In Russland gibt es 2700 Künstler und Ensembles, was äußerst wenig für das russischsprachige Auditorium mit 300 Millionen Menschen ist. Die InterMedia-Experten stellen fest, dass dieses Vakuum allmählich durch ausländische Stars gefüllt wird, zumal die Einkommen der Russen ständig wachsen. Der Anteil der Ausländer am russischen Musikmarkt beträgt inzwischen nahezu zehn Prozent.

Neben den Stars gibt es die Konzertveranstalter und Kartenverkaufsagenturen. Mehr als 1500 Veranstalter teilen sich mittlerweile den Markt. Weil keine Lizenz dafür gebraucht wird, kann im Grunde jeder Konzerte organisieren. Großenteils handelt es sich um selbstständige Unternehmer, weil die Steuerfragen dadurch leichter geregelt werden können. Oft werden zu diesem Zweck nichtkommerzielle Partnerschaften gebildet. Darüber hinaus veranstalten Kultureinrichtungen Konzerte. Auf die zehn größten Unternehmen Russlands entfallen etwa zehn bis 15 Prozent des gesamten Marktes. Die allergrößten sind die Moskauer staatliche Philharmonie und die Firma SAV Entertainment.

Die größten Kartenverkäufer sind STS Eventim (Warenzeichen Parter.ru und Kontramarka.ru), Concert.ru, Kassir.ru usw. Sie arbeiten nach dem Supermarktmodell, wobei das Angebot maximal groß und die Provision möglichst gering sind.

Kleinunternehmer ziehen das spekulative Modell vor, indem sie nur mit großen Veranstaltungen zu tun haben und ihren Kunden einmalige Dienstleistungen bieten. Die Verkaufsaufschläge für die Eintrittskarten können dabei bis zu 500 Prozent erreichen.

Zwischen den Agenten und den Ticketverkäufern sind Spannungen häufig vorprogrammiert, entscheidend sind persönliche Kontakte (geheime Abmachungen usw.). Häufig kommt es zu Streitereien. Manchmal werden Konzerte abgesagt.

Wo kann man sich erholen?

Ein großes Problem ist, dass es in Russland an großen Konzerthallen mit guter Akustik mangelt. Das wurde besonders offensichtlich, als viele ausländische Stars in Russland Halt machten. Selbst in Moskau gibt es nur wenige gute Hallen. Nachdem der Konzertsaal „Rossija“ im gleichnamigen Hotel aus dem Zentrum Moskaus in den Sportkomplex Luschniki gezogen war, verlor er seine Attraktivität und zugleich den Status als Konzerthalle Nummer eins in der Hauptstadt.

Das könnte die Eissporthalle „Megasport“ auf dem Chodynskoje-Feld werden, die gleichzeitig mit dem „Rossija“-Abriss eröffnet wurde und dessen Bau schätzungsweise 90 Millionen Dollar gekostet hat. Aber die Sporthalle kann nicht als Mehrzweckhalle genutzt werden – vor allem wegen der schlechten Akustik.

Die Sporthalle „Olimpijski“, die vor den Olympischen Spielen 1980 eingeweiht worden war, hat ihre besten Tage hinter sich. Die im Dezember 2008 eröffnete Konzerthalle „Barvikha Luxury Village“ mit 700 Sitzen in einem Moskauer Nobelvorort ist eher ein Missverständnis – wegen ihrer Lage außerhalb der Stadt und wegen der Preise, die im Durchschnitt bei 3000 Dollar liegen.

Deshalb bleiben nur die Konzerthalle Stadium.Live und die Crocus City Hall. Letztere liegt an der Moskauer Ringautobahn und kann daher wohl kaum den Status des „zweiten Kreml-Palastes“ beanspruchen. Veranstaltungen im Kreml-Palast sind relativ teuer. Um eine Konzerthalle in Moskau zu mieten, muss man tief in die Tasche greifen: von 27 000 Dollar für die „Rossija“-Halle in Luschniki bis zu etwa 100 000 Dollar für den Sportkomplex „Olimpijski“.

Außerhalb Moskaus ist die Situation total desolat: Dort gibt es nur uralte Konzerthallen aus den Sowjetzeiten mit furchtbarer Akustik, oft fehlen Zuschauersitze. „In Russland sollten Konzerthallen für mindestens 3000 bzw. 3500 Sitze gebaut werden“, findet Pop-Sängerin Valeria. „An solchen Hallen mangelt es sehr.“

    Drucken       Email

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren...

Roskomnadsor warnte Facebook vor Inspektion

mehr…