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Rechtsruck in Russland: Explosive Stimmung unter Jugendlichen

Von   /  24. Dezember 2010  /  Keine Kommentare

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Nur wenige Russen führen die jüngsten Massenunruhen in Moskau auf ethnische Konflikte zurück, schreibt die Zeitung „Wedomosti“.
Das belegen die Ergebnisse einer Umfrage des Forschungsinstituts „Öffentliche Meinung“ (WZIOM) in verschiedenen Regionen Russlands. 18 Prozent der Befragten begrüßten die Ausschreitungen der Fußballfans, die sich gegen die Polizei gewehrt hatten. Elf Prozent zeigten ihre Bereitschaft, selber an solchen Aktionen teilzunehmen. In Moskau und St. Petersburg erreichte die Zahl der Befürworter gar 37 Prozent.

65 Prozent der Russen verurteilten allerdings die Ausschreitungen. Nur neun Prozent glauben daran, dass die Krawalle in Moskau tatsächlich ethnisch motiviert waren, während 22 Prozent diese Aktion als Protest gegen die in Russland herrschende Gesetzlosigkeit, Ermordungen und Tatenlosigkeit der Behörden betrachten. 31 Prozent bezeichneten die Ereignisse auf dem Manege-Platz unweit des Kreml als „Banditentum“, „Unruhen“ und „Willkür“.

WZIOM-Generaldirektor Valeri Fjodorow verwies darauf, dass es unter den Jugendlichen in Großstädten eine „gefährliche Gesellschaftsschicht“ gibt, „die nur formell sozialisiert ist, keine anziehenden Ideale und keinen klaren Zukunftsplan hat.“ „Diese Menschen glauben nicht an die Modernisierung. Sie haben darin nichts gefunden, was für sie wichtig wäre“, so der Soziologe. „Wenn aber ein Mensch kein konkretes Ziel von der Gesellschaft bekommt, dann bekommt er es von systemfremden Kräften. In diesem Fall wurde die Gewalt durch das arrogante Verhalten der gebürtigen Nordkaukasier ausgelöst.“

Nach Angaben des Moskauer Informations- und Analysezentrums Sowa, das die Entwicklung von extremistischen Verbrechen bewertet, wurden 2009 und im ersten Halbjahr 2010 um etwa 50 Prozent weniger Gewalttaten aus ethnischen Gründen registriert. Seit einigen Monaten lässt sich aber ein schneller Wandel beobachten: Ultrarechte Nationalisten sind deutlich aktiver geworden.

Der Vizechef des Forschungsinstituts Lewada-Zentrum, Alexej Graschdankin, stellte fest, dass die Toleranz in der Gesellschaft zwar immer noch ziemlich groß sei, warnte aber, dass auch gewisse „Anzeichen der Erosion“ zu sehen seien. Auf die Frage nach feindseligen Gefühlen gegenüber anderen Nationalitäten hatten 2008 und 2009 jeweils zehn bzw. elf Prozent positiv geantwortet. 2010 schnellte diese Zahl plötzlich auf 19 Prozent hoch“, führte der Experte an. „Die zehnjährige Konfrontation mit dem Kaukasus, der einerseits Russland angehört, andererseits aber auch nicht, verschlechterte die öffentliche Moral.“

Außerdem hat sich die Einstellung der Russen gegenüber den Einwohnern der Nachbarländer verschlechtert. Das führte Graschdankin auf die Propaganda des Kreml zurück: „Die Macht ist unantastbar, wie auch die damit verbundenen Wirtschaftskreise. Dann bleiben nur ‚auswärtige Feinde’ als einzige akzeptierte Zielscheibe, die als Reizfaktor in der Gesellschaft an Bedeutung gewonnen hat.“

Die Vizedirektorin des Zentrums Sowa, Galina Koschewnikowa, sagte, in Frage komme „nicht ein Anstieg, sondern die Stabilisierung von fremdenfeindlichen Stimmungen.“ Die Regierung versuche aber, mit diesen Stimmungen zu manipulieren. Premier Putins jüngstes Treffen mit den Fans des Spartak Moskau belege dies, so die Expertin.

Putin hatte sich am Dienstag mit den Spartak-Fans getroffen und versprochen, dass man die Registrierungensverfahren in den Großstädten verschärfen würde. Einen Tag später trat der Chef der Moskauer Polizei, Wladimir Kolokolzew, mit einer entsprechenden Initiative in Bezug auf die Hauptstadt auf. Nach Angaben des Lewada-Zentrums finden 52 Prozent der Russen, dass illegale Einwanderer ausgewiesen werden sollten. Nur 27 Prozent sind der Ansicht, dass Gastarbeiter einen Job bekommen dürfen.

www.rian.ru

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Schwaches “Echo” auf Unruhen in Moskau – rund 80 Personen in Petersburg festgenommen

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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